Schule von

Mobbing: Psycho-
Terror unter Kindern

Warum Kinder einander mobben und wie man das grausame Verhalten stoppen kann

Trauriger Bub © Bild: iStockphoto.com

Es ist ein herzzerreißendes Video, das derzeit in den Sozialen Medien die Runde macht. Ein Bub, der von seinen Mitschülern gemobbt wurde und seiner Mutter unter Tränen von dem Vorfall erzählt. "Warum machen sie das?", fragt Keaton Jones in die Handykamera seiner Mutter. Warum mobben Kinder ihresgleichen, fragen wir die Expertin. Was richtet Mobbing beim Opfer an? Und wie kann man dem grausamen Verhalten Einhalt gebieten?

"Menschen, die anders sind, müssen deswegen nicht kritisiert werden. Es ist nicht ihre Schuld", weiß der kleine Keaton. Er hat Recht. Und doch ist sie eine der Hauptgründe dafür, dass Menschen zur Zielscheibe ungerechtfertigter Kritik werden: die Andersartigkeit. "Gemobbt wird derjenige, der in irgendeiner Weise anders ist als der Rest der Gruppe", erklärt Mag. Nicole Trummer, zertifizierte Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. Wobei die Andersartigkeit immer relativ ist. "Das hat oft gar nichts mit der Person an sich zu tun." Während man sich perfekt in die eine Gruppe einfügen kann, sticht man möglicherweise aus der anderen heraus. Und ist damit ein potentielles Mobbingopfer.


Ein Beispiel: In einer Schulklasse, die von einem durchschnittlichen Leistungsniveau geprägt ist, läuft ein Schüler, der sich durch besonders gute Noten vom Rest der Gruppe abhebt, Gefahr, gemobbt zu werden. Ist derselbe Schüler in eine Klasse eingebettet, in der Leistung großgeschrieben wird, besteht dieses Risiko nicht. Wobei Leistung natürlich nur einer von vielen Aspekten ist. "Häufig ist das Aussehen ein Thema", weiß Trummer. Etwa den Kleidungsstil betreffend. "Es gibt Marken, die in sind, und Eltern, die sich das leisten können und wollen." Andere wiederum entsagen - aus welchen Gründen auch immer - dem Markenzwang. Für das Kind bedeutet das mitunter, nicht dazuzugehören.

»Gemobbt wird derjenige, der in irgendeiner Weise anders ist als der Rest der Gruppe«

Eine allgemein anerkannte Definition für Mobbing gibt es nicht. In der Regel umschreibt der Begriff aber systematisch gesetzte, sich wiederholende negative Handlungen gegen eine Person über einen längeren Zeitraum hinweg. Die Handlungen können sowohl auf der verbalen als auch auf der nonverbalen oder der physischen Ebene stattfinden. Voraussetzung für Mobbing ist ein ungleiches Machtverhältnis. Die gemobbte Person ist der oder den anderen unterlegen. Und sei es auch nur zahlenmäßig. Trummer beschreibt Mobbing als eine Art Kampf mit dem Ziel, den anderen fertig zu machen, ihn - überspitzt formuliert - zu vernichten.

Warum Kinder andere mobben

Erstes Anzeichen dafür, dass ein Kind gemobbt wird, ist die Tatsache, dass es nicht mehr zur Schule gehen will. "Das Kind versucht die Situation zu umgehen." Möglicherweise entwickelt es psychosomatische Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen. Darüber hinaus können Schlafstörungen und Alpträume auftreten, "weil Kinder im Traum ganz viel verarbeiten". Warum aber kommt es überhaupt zu Mobbing unter Kindern? "Im Hintergrund steht immer ein ungelöster Konflikt mit dem Mobbingopfer", erklärt Trummer. Zum Beispiel ein Streit, in dem das Kind, das nun die Rolle des Täters einnimmt, eine Kränkung erlebt hat. Vielleicht wurde es einst dem jetzigen Opfer gegenüber benachteiligt. Auch Neid zählt zu den möglichen Motiven.

»Im Hintergrund steht immer ein ungelöster Konflikt mit dem Mobbingopfer«

Aus Angst, selbst in die Rolle des Opfers zu geraten, schließen sich dann auch andere Kinder demjenigen an, von dem das Mobbing ausgeht. Wird ein Schüler gemobbt, sind die Lehrer gefordert. "Mobbing kann nur gestoppt werden, wenn jemand eingreift, der sich in einer übergeordneten Position befindet", erklärt Trummer. Idealerweise erkennt das Lehrpersonal die Gruppendynamik, sieht, wer in der Opferrolle steckt, wer Mitläufer ist und wer den Ton angibt. Um dem Mobbing ein Ende zu bereiten, muss der Konflikt, der das Kind dazu veranlasst hat, in die Täterrolle zu schlüpfen, gelöst werden. Dem Schulpsychologen wiederum kommt die Aufgabe zu, präventive Maßnahmen zu setzen, den Schülern zu vermitteln, was Mobbing ist und welchen Schaden es beim Betroffenen anrichten kann.

Stichwort Cybermobbing

Schulische Aufklärungsarbeit geleistet werden sollte Trummer zufolge auch hinsichtlich des richtigen Umgangs mit Sozialen Medien. Stichwort Cybermobbing. Viele Jugendliche haben Facebook und Co. als Plattform zur Selbstdarstellung entdeckt. Was aber vermutlich den Wenigsten bewusst ist, ist die Tatsache, dass sie sich mit der Veröffentlichung von Fotos, Kommentaren und dergleichen der Kritik anderer aussetzen. Die mitunter alles andere als positiv ausfallen kann. Zwar wäre es auch Aufgabe der Eltern, ihre Kinder vor möglichen Gefahren zu warnen und ihnen den richtigen Umgang mit Sozialen Medien zu vermitteln. Doch würden sie dabei oft an ihre eigenen Grenzen stoßen.

Doch zurück zum Mobbing in der Schule. In Richtung Opfer beziehungsweise dessen Eltern appelliert Trummer, tätig zu werden. Nicht abzuwarten und zu hoffen, dass sich das Problem von selbst löst. Das tut es nämlich nicht. Eltern können sich ans Lehrpersonal wenden und ihr Kind dazu ermutigen, es ihnen gleich zu tun. Auf jeden Fall müsse ein Erwachsener eingreifen, der die Kompetenz hat, das Mobbing zu unterbrechen. Vielleicht gibt es auch Möglichkeiten fürs Kind, sich der Gruppe anzupassen. Hilft alles nichts, ist ein Klassen- oder Schulwechsel notwendig. Abgesehen davon sei es ganz wichtig, den Selbstwert des Kindes stärken, "weil der wird beim Mobbing immer angekratzt", und ihm zu sagen: Du bis okay so, wie Du bist.

Nicole Trummer
© Privat

MMag. Nicole Trummer ist Psychotherapeutin, klinische und Gesundheitspsychologin mit Schwerpunkt unter anderem auf Stress, Burnout, Burnout-Prävention und Depression.