Josef Fritzl von

Das Buch, das Österreich schockiert

NEWS: Ein französischer Autor ermittelt besser als unsere Behörden

Court To Deliver Josef Fritzl Verdict © Bild: Getty Images News

Es ist ein Jahrhundertverbrechen, für das Josef Fritzl verurteilt wurde. Ganze 24 Jahre lang hielt er seine Tochter im Keller seines Mehrfamilienhauses gefangen, zeugte mit ihr sieben Kinder, von denen drei bis zur Entdeckung der Wahnsinnstat im Keller lebten. Der französische Autor Régis Jauffret – eine der wichtigsten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur – hat, angelehnt an den Fall Fritzl, einen Roman mit dem Titel „Claustria“ geschrieben, der zu Jahresbeginn in Frankreich erschienen ist und dort für Furore sorgte. Am 13. September erscheint „Claustria“ nun beim renommierten Ecowin- Verlag auf Deutsch. NEWS bekam das Buch, das in Österreich jetzt für massive Aufregung sorgen wird, vorab.

Auch der bekannte Gerichtspsychiater Reinhard Haller hat Jauffrets Werk bereits gelesen. Hallers ebenso ernüchterndes wie schockierendes Fazit: „Man würde sich wünschen, dass die Behörden die genaueren Umstände so intensiv recherchiert hätten wie dieser Autor.“

Motto: „Deckel zu und fertig“

Tatsächlich hat Jauffret zu seinem Roman intensivste Recherchen in Österreich angestellt, war Zuhörer beim öffentlichen Teil der Hauptverhandlung gegen Fritzl. Und Jauffret verfügt offensichtlich über exzellente Informanten, spielt in seinem Werk mit nicht öffentlichen Informationen aus den Ermittlungen.

Vor allem aber fördert Jauffret Sachverhalte zutage, die Österreichs Behörden verschämt verschwiegen. Schon im Klappentext heißt es: „In Österreich geht es keinem um die Wahrheit. Man will nur einen Kompromiss finden, um die Wogen zu glätten.“ Ein erfahrener Ermittler beschreibt das im NEWS-Gespräch so: „Man hatte den Täter, ein Geständnis und die Sachbeweise. Man konnte ihn der Öffentlichkeit präsentieren, als ,Monster‘ darstellen – und den Fall rasch abhandeln. Deckel zu und fertig.“ Unangenehme Fragen zum Behörden-Versagen, das Fritzls Verbrechen begünstigte, mussten so nicht beantwortet werden.

Während im Fall Kampusch jeder Schritt der Ermittler seit Jahren wieder und wieder überprüft wird, ein parlamentarischer Unterausschuss jedes Beweismittel durchleuchtet, eine Sonderkommission jedem noch so obskuren Vorwurf nachging – gilt der Fall Fritzl als erledigt. Dabei sind die offenen Fragen evident – und eine Steilvorlage für Jauffret, der diese mit Akribie auf den Tisch bringt, in den Wunden arbeitsscheuer Behörden, ignoranter Nachbarn und der auf Eile bedachten Justiz bohrt.

Zur Vorgeschichte des Josef Fritzl: Er wurde – wie Jauffret auch schreibt – im Jahr 1967 wegen Vergewaltigung verurteilt und verbrachte eineinhalb Jahre in Haft. Bereits vor dieser Haftzeit kam seine Tochter E. auf die Welt. Am 28. August 1984 betäubte er E. und verbrachte sie in den Keller seines Mehrfamilienhauses. Er meldet die Tochter als vermisst, verbreitet die Mär, dass sie bei einer Sekte sei. 24 Jahre lang hält er E. im Keller gefangen, missbraucht und schwängert sie. E. gebar ihrem Vater und Peiniger sieben Kinder. Drei dieser Kinder durften später „nach oben“.

Das Versagen der Jugendbehörde

Im Mai 1993 meldet er den Fund eines Kindes vor seinem Haus. Mit der Behauptung, das Kind stamme von der vermissten Tochter, bekommt er das Obsorgerecht für das Kind. Im Dezember 1994 und im August 1997 wiederholt sich dieses absurde Schauspiel. Er bekommt – mit Zustimmung der Jugendbehörde der Bezirkshauptmannschaft Amstetten – auf diesem Weg zwei weitere Kinder aus dem Keller nach oben. Die Wahrscheinlichkeit für ein derartiges Szenario – „Sekten-Tochter“ legt Kind um Kind vor die Tür – liegt bei null.

Trotzdem schöpft die BH keinen Verdacht. Man bemüht sich auch nicht sonderlich: Kritische Fragen unterbleiben völlig. Im Gegenteil: Der zuständige Sachbearbeiter schreibt sogar: „Familie Fritzl kümmert sich sehr liebevoll um L. und möchte auch weiterhin für sie sorgen.“ Der letzte Hausbesuch der Jugendwohlfahrt bei den Fritzls findet im Jahr 1997 (!) statt. Obwohl Fritzl sen. einschlägig vorbestraft ist, obwohl das Szenario so obskur und unrealistisch anmutet, obwohl Tochter E. als abgängig gemeldet ist, wird nicht nachgebohrt.

Die erste Frage bei einer Abgängigkeit einer Person lautet eigentlich: Was hat sich im Lebensumfeld der Vermissten geändert? Spätestens bei der Beantwortung dieser Frage wäre man man auf Fritzls Vorstrafe wegen Vergewaltigung gestoßen. Doch die Frage unterblieb. Niemand kontrolliert den Müll bei den Fritzls, die Familienbeihilfe wird anstandslos ausbezahlt, ein DNA-Abgleich, der 1997 schon polizeilicher Standard ist (und der Josef Fritzl sofort als Vater der Kinder überführt hatte), unterbleibt. Es gibt keine Dokumentation über eine Befragung der Nachbarn.

Totalversagen bei Vermissten-Suche

Klar ist: Fritzls Vorstrafe wurde nach 15 Jahren gelöscht. Als er seine Tochter entführt, ist sein Leumundszeugnis schon „sauber“. Aber: Im Kriminalpolizeilichen Aktenindex (KPA) ist die Verurteilung wegen Vergewaltigung noch immer gespeichert. Einzig: Niemand fragt nach, holt sich die bezughabenden Ermittlungs- und Gerichtsakten, die im KPA aufscheinen.

Auch wegen der Kinder, die vor Fritzls Tür „gefunden“ werden, wird nicht groß ermittelt. Decke und Kleidung der Kinder hatten Anhaltspunkte für die tatsächliche Herkunft der Kinder und den Aufenthaltsort der abgängigen Kindsmutter geben können. Nichts passiert. Und das, obwohl schon allein das „Aussetzen“ eines Kindes ein Strafdelikt ist, das all diese Ermittlungen legitimiert hätte.

Beim zweiten Kind, das vor der Tür lag, gaben Josef Fritzl und seine Frau an, dass sie einen Anruf der abgängigen Tochter erhalten hätten. Woher die Tochter die neue Geheimnummer der Fritzls hätte kennen sollen, wird nicht erörtert. Zu klären ist auch: Gab es zu diesem Anruf eine Rufdatenrückerfassung? Und falls ja, zu welchen Ermittlungen führte dies? Vor allem: Warum ist niemandem aufgefallen, dass das Ehepaar Fritzl überhaupt keinen Druck machte, damit die „vermisste“ Tochter gesucht wird? Alle Eltern von abgängigen Kindern tun das. Wer’s unterlässt, macht sich verdächtig und wird unter die Lupe genommen. Im Fall Fritzl war das jedoch anders. Warum?

Besonders auffällig: Seit dem 8. März 2001 war der Name der vermissten E. Fritzl sämtlichen Wirtschaftsauskunfteien und Adressagenturen bekannt. An diesem Tag muss nämlich auf den Namen von E. Fritzl ein Kauf getätigt worden sein. Nur so konnten ihr Name, ihre Adresse, ihr Geburtsdatum und das Datum des Geschäftsfalls bei den Auskunfteien landen. Die Adresse, die seit diesem Tag bei sämtlichen Wirtschaftsauskunfteien vorrätig ist, lautet auf Ybbsstraße 40 in Amstetten. Das ist exakt jenes Haus, in dem E. Fritzl tatsächlich im Keller eingesperrt war. Das Problem: Keine Behörde hat den Datensatz abgefragt. Kein Beamter hat sich dafür interessiert, dass eine vermisste Person plötzlich ein Geschäft abschließt und die dazugehörige Anschrift mit jener ihrer Eltern ident ist.

Niemand will etwas gehört haben

Autor Jauffret geht in seinem Buch auch mit den Nachbarn hart ins Gericht. Eindrucksvoll beschreibt er, wie weggeschaut wird. Der Realität kommt er damit sehr nahe. Wie Abfragen im Melderegister und bei Adressdiensten ergeben, wohnten im Zeitraum des Wegsperrens von E. Fritzl und ihren Kindern mehr als 20 verschiedene Personen im selben Haus. Hat niemand die Schreie gehört? War der Keller wirklich schalldicht, wie das kolportiert – aber nie öffentlich erörtert – wurde? Wurden die Mitbewohner im Haus je zur abgängigen E. Fritzl befragt? Haben sie je etwas gehört und einer Behörde mitgeteilt?

Fakt ist, dass ein Sachverständigengutachten zur Akustik des Kellers in Auftrag gegeben wurde. Dieses Gutachten wurde nie veröffentlicht. Und im öffentlichen Teil der Hauptverhandlung gegen Josef Fritzl wurde es nicht erörtert. Auch anderen Fragen wurde nie umfassend nachgegangen: Wie konnten E. Fritzl und ihre Kinder im Keller versorgt werden? Wo kamen die Windeln her, wo das Essen? Wo kam der Müll hin?

Mehr Details, Interviews mit Gerichtspsychiater Reinhard Haller ("Der Autor hat einiges zutage gebracht") sowie mit "Claustria"-Autor Regis Jauffret (inklusive Textauszüge aus seinem Buch) finden Sie im neuen NEWS Nr. 37/12!

Kommentare

grinst der teufel auch noch hinter seinem bärtchen? dass die ermittler hier nicht rumbohren scheint wirklich einzig am geständnis zu liegen. bitter dass es einen roman braucht um die nasen in diese kloake zu stossen-@waldgänger anonymen anzeigen stehen die immer relaxt gegenüber, wer nix zu verstecken hat machts öffentlich

waldgaenger melden

Ich habe mehrfach auf das Totalversagen der Bezirksveraltungs-Behörden hingewiesen, auch darauf dass Frau Fritzl strafrechtlich eine Garantenstellung hatte und ebenfalls bestraft werden müsste, meine anonymen Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft St. Pölten wurden nie aufgegriffen, der Standard hat fast alles zensuriert, ich habe die Polizei auch schon vor einigen Jahren darauf hingewiesen dass der Fundort der Leiche von Martina Posch ganz nahe beim Fritzl Campingplatz ist und da noch so ein Perverser H.P. einen Wohnwagen stehen hatte.

Ignaz-Kutschnberger
Ignaz-Kutschnberger melden

@waldgaenger... jo a WAUNSINN sowos !!! Scheinbar lauter Inzest dort in der Gegend und Freunderlwirtschaft... fällt das in das Zuständigkeitsgebiet vom ÖVP-Pröll ??

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