Fifa von

Doppelpass mit Blatter

ÖFB: Windtner bat Blatter erfolgreich um 100.000-Dollar-Spende für Sozialprojekt

FIFA-Chef Sepp Blatter. © Bild: APA/EPA/Steffen Schmidt

Wer Kindern aus afrikanischen Slums Hoffnung auf ein besseres Leben gibt, gehört gebührend gewürdigt. "Hope for Future“ nennt sich eine Initiative oberösterreichischer Wohltäter, die von Linz aus ein Sozialprojekt gestartet hat. In einer Fußballakademie in Kenia sollen nicht nur soziale Werte vermittelt werden, im Idealfall gelingt den Besten der Besten der Sprung nach Europa, um den Traum von einer Karriere im Profifußball zu verwirklichen. "Nicht jeder wird Profi, aber jeder profitiert“, heißt es auf der Homepage. Die Caritas, der oberösterreichische Landeshauptmann sowie der Außenminister treten als Unterstützer auf. Schirmherrin ist die Frau von ÖFB-Präsident Leo Windtner.

Eine Spende an dieses Fußballprojekt beschert Windtner nun Erklärungsbedarf: Sie kam nämlich von Sepp Blatter, dem umstrittensten Sportfunktionär der Welt, der seit vielen Jahren als Alleinherrscher den Fußball-Weltverband Fifa lenkt und am 29. Mai ein weiteres Mal zum Präsidenten gewählt werden will. Ausgerechnet wenige Wochen vor dieser Wahl wird eine Fußballakademie, für die Windtner persönlich Gelder einsammelt, von der Fifa durch 100.000 Dollar unterstützt. Eine Zahlung, die Windtner von Blatter erbeten hatte. Direkt, von Präsident zu Präsident. Da drängt sich der Verdacht auf, dass sich Blatter von Windtner, der als Repräsentant Österreichs an der Fifa-Präsidentenwahl teilnehmen wird, Unterstützung erwartet.

Dass in Zeiten demokratischer Willensbildung die Fifa-Füllhörner traditionell wohl gefüllt sind, ist im Weltfußball ein offenes Geheimnis. Windtner selbst sagt dazu: "Ich habe mit Blatter noch nie über die Wahl geredet.“

Leo Windtner ist seit sieben Jahren Chef des Österreichischen Fußball-Bundes, seit 20 Jahren Generaldirektor der Energie AG. Der umtriebige Fußball- und Strommanager Windtner setzt sein Netzwerk für das von Frau und Freunden beschirmte Projekt ein, um Geld aufzutreiben.

Die Vorgeschichte: Seit dem Herbst 2013 bemühen sich die österreichischen Freunde der afrikanischen Fußballakademie auch bei der Fifa um Unterstützung. Doch Ambitionen und Anträge verlieren sich auf den Gängen der Zürcher Sportverbandsbürokratie, die Monate ziehen ins Land, kein Scheck will in Linz landen, um nach Kenia weitergeleitet zu werden.

Nach Monaten kommt für das afrikanische Akademieprojekt aus der Fifa schließlich ein negativer Bescheid. Daraufhin nimmt sich Fußballboss Leo Windtner der Sache seiner Linzer Freunde selbst an. Er sieht, wie er selbst sagt, die Fifa in einer Art Bringschuld. Im August 2014 spricht er bei einer Veranstaltung der deutschen Fußball-Legende Franz Beckenbauer mit Sepp Blatter. "Weil es sich gespießt hat, habe ich Blatter angeredet“, erklärt Windtner. Blatter habe laut Windtner gemeint: "Okay, dann schauen wir.“

Spätestens ab diesem Zeitpunkt lohnt ein ganz genauer Blick auf den weiteren Ablauf des Fördervorgangs. Das Gespräch Windtners mit Blatter fällt nämlich just in die beginnende Phase des Vorwahlkampfs innerhalb der Fifa. Blatter, der sich nicht unbedingt als lupenreiner Demokrat einen Namen und sich somit nicht viele Freunde in der westlichen Welt gemacht hat, steht im Spätsommer 2014 wieder einmal massiv in der Kritik: Immer wieder werden Bestechungsgerüchte rund um demokratische Abstimmungen innerhalb seiner Fifa-Familie laut. Michael Garcia, der ehemalige Bundesstaatsanwalt von New York, wird kurze Zeit später mit seiner Untersuchungskommission einen kritischen, 430 Seiten starken und nach wie vor nicht vollständig veröffentlichten Korruptionsreport liefern. Kurz: Blatter steht vor allem bei seinen potenziellen Wählern in Europa - den nationalen Fußballverbänden - vehement unter Beschuss.

In dieser Phase der beginnenden Blatter-Kampagne also will Windtner dem bis dahin erfolglosen Bemühen um Fifa-Geld für die Fußballakademie in Kenia einen positiven Spin geben - direkt, von Präsident zu Präsident. Windtners Wunsch wohl nicht abträglich war die nächste wahrnehmbare Aktivität des österreichischen Fußball-Präsidenten zum Thema und in Richtung Blatter. Er gab den gewohnt kritischen Fußballjournalisten der Plattform 90minuten.at ein Interview. Und sprach äußerst wohlwollend - und international sicher nicht unbeachtet - über Blatters Fifa.

Auf die Frage etwa, ob er der Meinung sei, dass die von Skandalen gebeutelte Fifa in den letzten Jahren ein transparenter Verband gewesen sei, befindet Windtner in dem Interview: "Ich glaube, dass mit der Befassung der Ethikkommission schon ein Schritt in die richtige Richtung unternommen wurde. Mit Michael Garcia wurde ein Chefermittler nominiert, der die entsprechende Kenntnis und den Hintergrund mitgebracht hat. Ich vermag jetzt nicht abzusehen, was (…) an tatsächlichen relevanten Tatbeständen abzuleiten ist.“

Die Journalisten bohren noch einmal nach: "Fühlen Sie sich als oberster Kopf des ÖFB von der Fifa transparent informiert?“ Windtner: "Ich glaube, dass die Transparenz verbessert wurde.“

Das Thema Blatter wird mit folgender Frage an Windtner beschlossen: "Ist es aus Ihrer Sicht wert, sich eine Alternative zu Sepp Blatter zu überlegen?“

Windtners Antwort: "Da müsste sich eine spontane, außergewöhnliche Opportunität ergeben. Ich sehe derzeit keine, aber ich lasse mich gerne überraschen.“

Am 26. November 2014 erscheint das Interview mit dem Titel: "Ich sehe derzeit keine Alternative zu Sepp Blatter“. Drei Wochen später, am 18. Dezember 2014, gibt die Fifa grünes Licht für die österreichischen Freunde der afrikanischen Fußballakademie und genehmigt 100.000 US-Dollar. Eine geradezu blitzartig positive Erledigung der Causa: Zuvor waren Windtners Freunde mit ihrem Förderwunsch für die afrikanische Akademie bei der Fifa mehr als ein Jahr lang abgeblitzt.

Im Jänner 2015 schickt die Fifa einen Brief an den ÖFB, der mit "Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Leo“ beginnt und in dem mitgeteilt wird, dass die 100.000 Dollar dem ÖFB-Konto für Entwicklungsprogramme gutgeschrieben werden.

Mitarbeiter der Fifa staunen nicht schlecht, als unmittelbar darauf im Fifa-Generalsekretariat ein Brief von Leo Windtner einlangt, in dem dieser sich zwar herzlich bedankt, aber darum bittet, die 100.000 Dollar nicht über den ÖFB abzuwickeln, sondern direkt auf ein Konto der afrikanischen Förderer bei einer Linzer Bank zu überweisen. Der ÖFB sei, so Windtners Begründung, zwar auch Unterstützer, aber sonst in keiner Weise involviert. Hat Windtner unter dem Deckmantel des ÖFB also ein Projekt protegiert, das in Wahrheit gar kein Projekt seines Verbandes ist? War dieser offensichtliche präsidiale Alleingang überhaupt vom Fußballverband gedeckt?

Niemand konnte oder wollte - jedenfalls bis dato - auf News-Anfragen mitteilen, wer zu welchem Zeitpunkt den letztlich erfolgreichen Förderantrag bei der Fifa stellte. Windtner behauptet, "Hope for Future“ sei Antragsteller, er selbst nur "Schrittmacher“ gewesen. ÖFB-Generaldirektor Alfred Ludwig teilt mit: "Wir als ÖFB haben keinen Antrag gestellt. Meines Wissens ist auch kein ÖFB-Gremium mit einem Förderantrag befasst worden.“

Die Fifa sieht die Sache überraschenderweise völlig anders: Am 13. März teilt das Fifa-Generalsekretariat dem "sehr geehrten Präsidenten“ Windtner erneut mit, dass die 100.000 Dollar auf ein ÖFB-Konto überwiesen werden müssten (siehe Faksimile). Der Weltfußballverband insistiert: Der Antrag sei durch den ÖFB eingereicht worden, das Geld müsse also an den ÖFB ausbezahlt werden. Was Fifa-Recht ist, muss Fifa-Recht bleiben: Der Weltfußballverband überweist 100.000 Dollar - wie angekündigt, auf ein ÖFB-Konto.

Happy End für die afrikanische Akademie, für die sich der österreichische Fußball-Präsident so einsetzt? Irrtum: Der ÖFB schickt der Fifa die 100.000 Dollar umgehend und postwendend nach Zürich zurück. Es scheint fast so, als würde der ÖFB in Wien das Geld keinesfalls haben wollen.

Monatelang haben sich die österreichischen Freunde der Akademie in Kenia um eine Förderung des Weltverbandes bemüht. Dann gibt dieser, nach Intervention Windtners, endlich 100.000 Dollar frei - nur damit der ÖFB das Geld wieder in Blatters Fördertöpfe zurückbefördert?

Es überrascht nicht, dass Leo Windtner diesen finanziellen Rückpass nicht akzeptieren will. Es ergibt sich auch gleich eine günstige Gelegenheit für eine weitere Intervention: Am 24. März 2015 macht Blatter einen Abstecher zum Fußballkongress nach Wien. Am Rande der Bande spielt Windtner wieder den Doppelpass - direkt, von Präsident zu Präsident. "Ich habe zu ihm gesagt: Das geht noch immer nicht, Herr Präsident.“ Antwort Blatter, laut Windtner: "Das wird doch gehen.“

Und es geht doch.

Zwei Tage später, bestätigt Windtner nun, seien die 100.000 Dollar auf einem Linzer Konto der Freunde der afrikanischen Fußballakademie eingelangt. Windtners Einschreiten war erfolgreich.

Damit könnten alle glücklich und zufrieden sein - sind es aber nicht: Vor wenigen Wochen erst gab es um die Person und die Wahl Blatters im ÖFB-Präsidium, dem höchsten Gremium, einen veritablen Eklat: Der Salzburger Vertreter Herbert Hübel hatte gefordert, der ÖFB möge sich öffentlich vom bald 80-jährigen Patron Blatter distanzieren. Am Ende der Sitzung stand dann nach emotionaler Debatte der einstimmige Beschluss, Blatter nicht zu wählen. Windtner allerdings wollte damals "nicht offensiv gegen Blatter marschieren“. Ein Kreuzzug mache für einen kleinen Verband "keinen Sinn“.

Hat sich Blatter Windtners Wohlwollen erwartet, als er die 100.000 Dollar an das Projekt der Windtner-Freunde auf den Weg brachte? Immerhin wird es Windtner sein, der kommende Woche als einer von 209 Delegierten zur Stimmabgabe berechtigt ist. Wird Windtner durch diese 100.000-Dollar-Spende für ein Projekt, bei dem er emotional engagiert ist, nicht fast zwangsläufig emotional eingekauft?

Windtner dementiert vehement: "Ich kann ja nicht sagen: Die Fifa ist für das Projekt Tabuzone, nur weil Blatter dort ist. Es geht ja um die Förderung eines förderungswürdigen Projektes.“ Andere Partner hätten es auch unterstützt. Und überhaupt: "Ich sehe da keine so schiefe Optik.“

Das ist immer eine Frage des Blickwinkels. Denn das Fifa-Geld ist laut dem Initiator des Kenia-Projekts mittlerweile eine "Spende“ des Weltfußballverbandes - und anscheinend keine nachweispflichtige Förderung mehr. Förderungswürdig ist die Grundidee, Kinder aus den Slums von Kenia zu holen, in jedem Fall. Dennoch: Sowohl Windtners ÖFB als auch Blatters Fifa sollten auf die geplanten und verkündeten Transferaktivitäten der afrikanischen Akademie ein Auge werfen. Im "Kurier“ stand Anfang Mai zu lesen, dass der Akademieleiter drei, vier 15-jährige Spieler nach Europa bringen und darüber hinaus mit Spielerverkäufen Geld verdienen will. Auch auf einer News vorliegenden konkreten Projektübersicht ist von "Erlösen aus Spielerverkäufen“ und "Kontakt zu europäischen Interessenten für Spielervermittlungen“ die Rede.

Die Fifa verbietet und bekämpft internationale Transfers von Spielern unter 18 Jahren. Der Weltfußballverband will den Handel mit minderjährigen Talenten aus Entwicklungsländern verhindern und skrupellosen Vermittlern das Handwerk legen.

Der Akademieleiter spricht von einem Missverständnis: Er wolle im Herbst zwei 16-Jährige zu einem Probetraining nach Leverkusen bringen. Sollten beide entsprechen, könne man ja Vorverträge abschließen. Nach zwei Telefonaten wurde dann via Mail mitgeteilt, dass sich die Akademie an die Fifa-Bestimmungen halten würde. Ein lobenswerter Ansatz. Denn eine Symbiose zwischen Wohltat und Geschäftssinn, zwischen sozialem Engagement und hartem Business wäre ziemlich einzigartig. Wohl auch im internationalen Vergleich.

Der Akademieleiter jedenfalls hat Mitte April eine offizielle Lizenz als Spielervermittler beantragt. Er will Fußballer, die er ausbildet, für den guten Zweck gleich selbst verkaufen. "Damit alles in einer Hand bleibt.“

Internationale Reaktion:
Süddeutsche Zeitung

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