Verpöntes Ritual von

Wie schädlich ist es wirklich,
vorm Fernseher einzuschlafen?

Blaues Licht steht unter der Kritik, die Schlafqualität enorm zu beeinträchtigen

Ein Mann schläft auf der Couch bei laufendem Fernseher © Bild: Corbis

Fast jeder hat es schon einmal getan und für viele ist es tägliche Routine: Einschlafen vor dem Fernseher. Und während die einen selig vor der Flimmerkiste schlummern, warnen die anderen vor den dramatischen Folgen. Im Fokus der Kritik steht das blaue Licht, das so gut wie jedes elektrische Geräte abgibt und die Schlafqualität stark beeinträchtigen soll. Was ist dran an dieser These? Wie schädlich ist es, vor dem Schlafengehen via Smartphone noch eine Runde im Internet zu surfen oder beim Einschlafen fernzusehen? News.at fragte nach.

Die Sache ist die: Das Hormon Melatonin ist dafür zuständig, dass wir müde werden und einschlafen. Nicht umsonst wird es auch Schlafhormon genannt. Dazu der Wiener Schlafexperte Dr. Michael Saletu: "Die Melatonin-Produktion erreicht zwischen 23.00 Uhr und Mitternacht ihren Höhepunkt." Nun gibt es aber mehrere Studien, die belegen, dass vor allem das blaue Licht die Ausschüttung von Melatonin unterdrückt. Und wie der Zufall so will, wird dieses spezielle Licht von so gut wie jedem elektrischen Gerät vom Smartphone übers Notebook bis hin zum Fernseher abgegeben.

»Das blaue Licht gibt vor, nicht schlafen zu müssen.«

Da kann die einzige logische Konsequenz doch nur lauten: Der nächtliche Medienkonsum beeinträchtigt die Schlafqualität. Manch einer geht sogar so weit zu behaupten, dass Fernsehen und Co. uns spätabends daran hindern, in den Tiefschlaf zu sinken. Und was sagt der Experte dazu? "Das blaue Licht verlängert den Einschlafprozess per se. Auf das Tiefschlafverhalten hat es aber keinen Einfluss." Eine wesentliche Rolle spiele dabei die innere Uhr: "Die Ausschüttung von Melatonin dient als innerer Zeitgeber." Wird sie nun durch das Blaulicht gehemmt, geht auch der Zeitgeber verloren. "Das Licht desynchronisiert unsere innere Uhr. Es gibt vor, nicht schlafen zu müssen."

Wobei der Fernseher im Vergleich zu Tablet und Co. Saletu zufolge noch das geringere Übel ist. Der Grund: Die Entfernung zum Fernseher ist meist größer als die zu diversen Kleingeräten. Somit dürfte auch der Anteil an blauem Licht, das auf die Netzhaut trifft, geringer sein. Prinzipiell seien aber jegliche Medien aus dem Schlafzimmer zu verbannen. Denn abgesehen vom Blaulicht trage noch ein anderer Faktor wesentlich zur Misere bei: die emotionelle Erregung. Schließlich würden negative via Facebook und Co. konsumierte Nachrichten das Einschlafen erschweren. Dieser doppelte negative Effekt kommt laut Saletu besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zum Tragen.

»Ein falsches Ritual wird antrainiert.«

Doch noch mal zurück zum Fernseher im Schlafzimmer: "Das Bett soll dem Körper suggerieren, dass es Zeit ist, schlafen zu gehen." Wer dagegen in Decke und Polster gekuschelt lange Wachzeiten zubringt - egal ob nun mit oder ohne Medien -, führt seinen Körper in die Irre. "Ein falsches Ritual wird antrainiert." Vor allem bei Ein- und Durchschlafstörungen seien besagte Geräte aus dem Schlafzimmer zu verbannen. Denn nichts kontraproduktiver für einen von Schlaflosigkeit Geplagten, als in der Nacht den Fernseher einzuschalten. Hat sich ein Negativkreislauf wie dieser nämlich erst mal verfestigt, ist er nur schwer wieder zu durchbrechen.

Wenn es aber doch so schlecht ist, warum schlafen dann so viele Leute vor laufendem Fernseher ein? Dazu der Experte: "Wenn man keine Schlafprobleme hat, ist das auch kein Problem." Mitunter könne die Flimmerkiste sogar beim Einschlafen helfen. "Das kann dann ruhig auch ein anregender Krimi sein." Dabei dachten wir, Aufregendes am Abend sei verpönt? Darauf Saletu: "Nicht umsonst heißt es 'Ohne Krimi geht die Mimi nicht ins Bett'." In erster Linie ginge es nämlich darum, sich von beruflichen wie privaten Sorgen abzulenken. Und das könne man mit einem Krimi mitunter besser als mit einem Film, der uns, geradeheraus gesagt, langweilt. So oder so empfiehlt der Experte, im Wohn- und nicht im Schlafzimmer fernzuschauen.

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