Bernard Arnault: Europas Nummer-eins-Milliardär

Er führt das Luxusimperium LVMH seit 33 Jahren und will bis zum 80. Geburtstag bleiben. Bernard Arnault hat fünf bestens ausgebildete Nachfolger, seine Kinder, am Start, doch offenbar einiges vor. Von einer Übernahme der Galerie Gagosian wird gemunkelt.

von Bernard Arnault © Bild: Francois Durand/Getty Images for Dior

Steckbrief Bernard Arnault

  • Name: Bernard Jean Étienne Arnault
  • Geboren: 5. März 1949, Roubaix, Frankreich
  • Beruf: französischer Unternehmer und Milliardär; Vorsitzender und CEO des Luxusgüter-Konzerns LVMH Moët Hennessy – Louis Vuitton (LVMH)
  • Familienstand: verheiratet mit Hélène Mercier-Arnault (2. Ehe)
  • Kinder: Antoine Arnault, Delphine Arnault, Alexandre Arnault, Frédéric Arnault, Jean Arnault

Von Ruhestand will Bernard Arnault nichts wissen. Im Gegenteil. Offenbar hat der 73-Jährige Chef des weltweit führenden Luxuskonzerns LVMH noch einiges vor. Erst kürzlich trug er Vorsorge, dass für all seine Pläne ausreichend Zeit bleibt: Arnault ließ die Altersgrenze für CEOs im Unternehmen anheben. Statt 75 Jahre - was ihn im März 2024 zum Rückzug gezwungen hätte - darf der CEO des Luxusimperiums LVMH nun bis zu 80 Jahre alt sein.

Gute sechs Jahre Zeit bleiben Bernard Arnault demnach, sein Lebenswerk auszubauen oder zu festigen. Was bloß dem persönlichen Befinden dient, denn nötig hat das Unternehmen beides nicht.

Nach einer Umsatzsteigerung von 44 Prozent im Jahr 2021 steuert der französische Luxusgüterkonzern LVMH, kurz für Moët Hennessy - Louis Vuitton SE, abermals auf ein Rekordjahresergebnis zu. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum steigerte der Konzern seinen Umsatz im ersten Halbjahr 2022 um 28 Prozent auf rund 36,7 Milliarden Euro.

Der Antrieb des größten Aktionärs des Luxuskonzerns und reichsten Europäers ist weit mehr als nur die wachsende Summe auf seinem Bankkonto. Der Chef über mittlerweile 75 Luxusmarken wie Christian Dior, Dom Perignon, Bulgari, Louis Vuitton, Celine, Givenchy, Fendi, Loro Piana, Sephora und Tiffany und Co. hat indes größte Freude am Gewinnen.

33 Jahre CEO - eine Strategie

Seit Bernard Arnault im Jahr 1989 die Anteilsmehrheit bei LVMH erlangte und gegen den Willen der Familienmitglieder von Vuitton und Hennessy Präsident des Konzerns wurde, hat er sein Erfolgsgeheimnis perfektioniert: kränkelnde Marken zum richtigen Zeitpunkt kaufen und ihnen mit strategischer Emphase neues Leben einhauchen. Vielleicht waren seine ersten Schritte im Geschäftsleben, im Immobiliengeschäft des Vaters, Ferret-Savinel, dafür prägend. Nachdem Arnault sein Studium der Ingenieurwissenschaften in Paris abgeschlossen hatte, zeitigte er mit dem Bau und Handel mit Ferienwohnungen an der an der Côte d'Azur oder auch in Palm Beach, USA, große Erfolge.

Danach kaufte und sanierte er mit dem angeschlagenen Textilkonzern Boussac Saint-Frères samt dessen Tochterunternehmen Christian Dior sein erstes Unternehmen -mit Erfolg und Lust auf mehr.

Es geht ums Siegen

»Was ich liebe, ist, zu gewinnen. Ich liebe es, die Nummer eins zu sein«

Diese Strategie bringt Bernard Arnault seit Jahren in die Top Ten der weltweit reichsten Menschen. Vor sieben Jahren nannte er im Interview mit "The Telegraph" seine Motivation: "Was ich liebe, ist, zu gewinnen. Ich liebe es, die Nummer eins zu sein."

Als es tatsächlich passierte und er Elon Musk und Jeff Bezos auf Platz eins ablöste -die drei wechselten einander in den letzten Jahren wiederholt auf den Top-drei-Plätzen im "Forbes"-Rankling ab -, gab sich Bernard Arnault überraschend unbeeindruckt. Die Liste repräsentiere schließlich nur eine Zahl, die ihm nichts bedeute, so Arnault.

Konkret lautet die Zahl, die das Magazin "Forbes" für seine Liste erhob, 152 Milliarden. So hoch wird Arnaults Vermögen geschätzt. Er und seine Familie halten 50 Prozent der Anteile des florierenden börsennotierten Unternehmens. Arnault ist gut darin, die eigene milliardenschwere Bedeutung zu relativieren. "Es geht nicht um Geld in meiner Tasche, sondern um den Wert von LVMH, den sich Tausende von Stakeholdern und Pensionsfonds teilen. Ja, durch unsere Arbeit ist der Wert des Unternehmens gestiegen, aber ehrlich gesagt betrachte ich solche Dinge nie als persönliche Meilensteine", sagt er vor wenigen Monaten.

Viel mehr Freude als an reinen Zahlen hat Arnault daran, im richtigen Moment das richtige Unternehmen zu kaufen. Vor zwei Jahren hat er dies mit dem Kauf von Tiffany & Co. um 13 Milliarden Euro abermals geschafft. Damals habe ihm ein neben den teuersten Juwelen im Schaufenster liegengelassenes Fensterputztuch das perfekte Timing signalisiert, erzählt er gern. Es sei der Moment gewesen, in dem er wusste, dass zwischen den Diamanten eine Aufgabe auf ihn warte, beschreibt Arnault die teuerste Akquisition in der Geschichte des Konzerns.

Praxis als unerkannter Verkäufer

Privat liebt er Herausforderung vor allem auf dem Tennisplatz. Will man Arnault überraschen, tut man dies - eine Idee seiner Kinder - etwa mit einem Match gegen Roger Federer. Was sollte man dem Besitzer der Superyacht "Symphony" - eines Sechs-Deckers für bis zu 16 Gäste -, eines Schlosses in Bordeaux und von Häusern in Paris, London und Saint-Tropez auch sonst schenken? Vor allem, wenn Freunde den Konzernchef als passionierten Arbeiter beschreiben, der selten Restaurants besucht, kaum Alkohol trinkt und lediglich Klavierspielen als Hobby bezeichnet? Seine Kunstfertigkeit am Flügel soll ihm laut oft überlieferter Anekdote geholfen haben, das Herz seiner zweiten Frau, der kanadischen Konzertpianistin Hélène Mercier, zu gewinnen. Darüber hinaus gibt Arnault aus dem Privaten gerade noch preis, das ihn seine Erhebung zum Ritter 2013 "sehr stolz" gemacht habe.

Die Erfolgsgeschichten aus seinem Unternehmen sind ihm da viel wichtiger. Wie jene, die besagt, dass der CEO tatsächlich heute noch oft in seinen Läden unerkannt Kunden bediene, um auf dem Laufenden zu bleiben. Dieser Trick helfe ihm, am Ball zu bleiben, und sei - wie der regelmäßige Besuch seiner Fabriken und der Ateliers der Designer -unabdingbar für die Erfolgsgeschichte, ist zu erfahren.

Als persönliches Erfolgsrezept bezeichnet Bernard Arnault eine "Kombination aus Instinkt und konkreten Fakten", einen Mix aus Rationalität und Bauchgefühl.

Fünf Kinder zu Nachfolgern erzogen

Geprägt haben den Milliardär auch die Misserfolge anderer. Er ist ein aufmerksamer Beobachter dieser Dinge. "Ich bin in Nordfrankreich aufgewachsen, wo es die Nachkommen dieser großen Familien-Textilimperien gab", beschreibt er im Rahmen einer exklusiven Tiffany-Ausstellung in London. Diese Erben hätten sich eine Zeit lang auf ihren Lorbeeren ausgeruht, erinnert er sich gern, bis sie die Arbeit vernachlässigt hätten und ihre Unternehmen untergegangen seien.

Arnault hat dafür gesorgt, dass es bei seinen fünf Kindern aus zwei Ehen anders läuft. Eine hohe Arbeitsmoral und hochwertige Schulabschlüsse standen im Vordergrund der Erziehung wie auch tatkräftiges Lernen im weitverzweigten Unternehmen. "Wir haben sie dazu erzogen, fleißig zu sein. Und das sind sie auch", so Arnault. Das deutsche "Manager Magazin" beschreibt die Vorbereitung der fünf Arnault-Sprosse als eine Dressur wie bei Rennpferden.

Tatsächlich mutmaßt die Branche längst, wer einst das Rennen um den Spitzenplatz im Imperium machen wird. Das Zeug dazu wird allen Erben Arnaults zugesprochen, Delphine und Antoine aus seiner erster Ehe ebenso wie Alexandre, Frédéric und Jean aus Ehe Nummer zwei.

Die erstgeborene Delphine, 47, begann ihre Karriere bei der Strategieberatungsfirma McKinsey. Sie kam im Jahr 2000 zu LVMH und ist seit 2003 als erste Frau und jüngste Person in diesem Amt Mitglied des Verwaltungsrats der LVMH-Gruppe. Seit 2013 ist sie außerdem Direktorin und geschäftsführende Vizepräsidentin bei Louis Vuitton sowie u. a. Mitglied des Verwaltungsrats der Marken Céline, Loewe und Pucci. Ihr Mann ist der französische Tech-Milliardär Xavier Niel.

Delphine Arnault
© Pascal Le Segretain/Getty Images Delphine Arnault

Ihr jüngerer Bruder Antoine, 45, verheiratet mit Topmodel Natalia Vodianova, ist CEO von Berluti, Vorsitzender von Loro Piana und bei Louis Vuitton Kommunikationsdirektor. Er begann in der Werbearbteilung von Vuitton und zeichnete dort u. a. für die Kampagne mit Persönlichkeiten aus Politik, Sport und Film wie Michail Gorbatschow, Muhammad Ali, Zinedine Zidane und Sean Connery verantwortlich.

An allen Schaltstellen ein Arnault

Arnaults drittältestes Kind, Alexandre, 30, ist heute die Nummer zwei bei Tiffany, davor leitete er bis Ende 2020 die Gepäckmarke Rimowa. Nach dem Erwerb von Tiffany wechselte er nach New York, um dem angestaubten Schmuckhaus mit Hilfe von Freunden wie Beyoncé und Jay-Z als Tiffany-Botschafter neuen Glamour zu verleihen. Beide waren auch Gäste bei Alexandres Hochzeit mit Géraldine Guyot, Gründerin der Accessoire-Marke D'Estrëe, in Venedig im Vorjahr.

Alexandre Arnault und Antoine Arnault
© Pascal Le Segretain/Getty Images Alexandre (li.) und Antoine Arnault

Der 27-jährige Frédéric leitet indes als jüngster CEO in der Schweizer Uhrenbranche die LVMH-Uhrenmarke Tag Heuer. Zuvor studierte er Mathematik und Computertechnik und absolvierte Trainings bei McKinsey und Facebook. Er war es, der Schauspieler Ryan Gosling erfolgreich als Markenbotschafter für Tag Heuer holte.

Frederic Arnault
© Kristy Sparow/Getty Images For Tag Heuer Frédéric Arnault

Arnaults jüngster Sohn, der 23-jährige Jean, hat Abschlüssw in Finanzmathematik und als Maschinenbauingenieur und absolvierte Praktika bei Morgan Stanley und beim Formel-1-Team McLaren, bevor er ins Familienunternehmen eintrat. Jean Arnault ist aktuell Marketing-und Entwicklungsleiter der Uhrensparte von Louis Vuitton, wo er die Strategie der Wertschöpfungskette überarbeitet.

Jean Arnault:

Langer Atem als Krisenstrategie

Alle Vertreter der jungen Generation der Familiendynastie lassen bei Gelegenheit gern wissen, dass sie ausgebildet wurden, das Imperium in die Zukunft zu führen. Brancheninsider tippen im Moment auf die beiden mittleren Söhne als wahrscheinlichste Nachfolger des Konzerngründers. Das richtige Verhalten in Krisenzeiten hat der Vater ihnen mitgegeben.

»In einer Krise bedeuten Quartalsergebnisse nichts. Man muss weiter investieren«

Bernard Arnault nennt Ausdauer und Zuversicht als wichtigster Ausstattung, wenn der Markt schwierig wird. "Man muss vermeiden, auf die Quartalsergebnisse zu schauen, denn in einer Krise bedeuten sie nichts. Und man muss weiter investieren. Immer. Denken Sie daran, dass die Menschen, die besonders schwere Zeiten durchgemacht haben, nach vorne blicken wollen. Sie wollen optimistisch sein", erklärt er im "Telegraph".

Damien Hirst und Dior vereint?

Indes zeichnet sich sein vielleicht spannendstes Match abseits des Tenniscourts am Horizont des Kunstmarkts ab. So wollen Gerüchte nicht verstummen, dass Bernard Arnault als seinen größten Coup plant, die legendäre Galerie von Kunsthändler Larry Gagosian zu kaufen. Zwar hat Gagosian bereits öffentlich dementieren lassen, doch gibt es reichlich Argumente, die für eine Übernahme des Kunstkonzerns mit 22 Räumlichkeiten weltweit sprechen. Gagosian formte seine Megagalerie nach einem ähnlichen Konzept, es gibt einen übereinstimmenden Kundenstamm, die Reichweite beider Unternehmen ist auf Internationalität ausgelegt, und im Alter von 77 ist Gagosian schon länger auf der Suche nach einem Nachfolger.

Zudem ließ Gagosians COO Andrew Fabricant Anfang des Jahres aufhorchen. Das Magazin "Artmajeur" zitierte seinen Aufruf Kunst-und Modeindustrie zu einer Einheit zu machen: "Bernard Arnault kauft Tiffany, kauft dann ein Basquiat-Gemälde und stellt eine limitierte Patek-Philippe-Uhr her, die Jay-Z zum ersten Mal trägt. Kunst, Business und Mode werden immer miteinander interagieren. Es hilft beiden Seiten."

Sammler ist Bernard Arnault sowieso. Seine Häuser stattet er bevorzugt mit Kunstwerken von Jean-Michel Basquiat, Damien Hirst, Maurizio Cattelan, Andy Warhol und Pablo Picasso aus.

Es mag dieses Vorhaben sein, das er sich als Ziel bis zum 80. Geburtstag als CEO seines Luxusimperiums gesetzt hat.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 47/2022 erschienen.