ABO

Steinway & Sons: Die Kunst der leisen Töne

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
6 min
Artikelbild

©Steinway&Sons

Steinway & Sons dominiert die internationalen Konzertbühnen, ohne laut aufzutreten. In der Hamburger Manufaktur entstehen Instrumente, die seit Generationen Maßstäbe setzen. Hier treffen Geschichte, Handwerkskunst und moderne Technologie aufeinander. Über ein Unternehmen, das lieber auf leise Töne setzt als auf laute Werbung und Influencer-Marketing.

Der Geruch von Holz liegt allgegenwärtig in der Luft. Dominant, aber keineswegs unangenehm – im Gegenteil. Für viele Mitarbeitende ist genau dieser Duft einer der Gründe, sich in der Hamburger Manufaktur als Klavierbauer zu bewerben, oft in zweiter oder sogar dritter Generation. Viele erinnern sich noch heute an den Holzgeruch, der an den Arbeitshemden von Vater oder Großvater haftete, wenn diese von der Arbeit nach Hause kamen.

Dass hier mehr als 500 Menschen beschäftigt sind, fällt auf dem weitläufigen Backsteingelände kaum auf. Beim Rundgang durch die Werkstätten wird jedoch schnell klar, warum viele von ihnen dem Unternehmen seit Jahrzehnten treu bleiben. Immer wieder ertönt ein freundliches „Moin“, die Stimmung wirkt gelöst, beinahe familiär.

Zum Holzduft gesellt sich plötzlich der Geruch frisch gebrühten Kaffees. Eine Filterkaffeemaschine auf einer Werkbank leistet ebenso selbstverständliche Dienste wie die erfahrenen Klavierbauerinnen und Klavierbauer, deren Arbeit nicht nur körperlich anspruchsvoll ist, sondern vor allem höchste Konzentration und Präzision verlangt.

Von Steinweg zu Steinway

„Unsere Mitarbeitenden können sich total mit dem Instrument und der Mission unseres Firmengründers identifizieren“, sagt Pressechefin Sabine Hoepermann – auch wenn viele von ihnen selbst keine Klavierspieler sind. Dennoch wissen sie genau, worauf es ankommt. Der Rundgang durch die Manufaktur fühlt sich an wie eine Reise in eine andere Zeit: eine Zeit, in der Handwerkskunst, Teamgeist und Liebe zum Detail oberste Priorität hatten.

Diese Welt erlebte auch Firmengründer Henry E. Steinway. 1797 als Heinrich Engelhard Steinweg im Harz geboren, baute der deutsche Tischlermeister bereits mit 20 Jahren seine ersten Saiteninstrumente. 1825 gründete er in Seesen eine eigene Werkstatt. Da dort nur Reparaturen erlaubt waren, fertigte er 1836 seinen ersten Flügel heimlich in der Küche seines Wohnhauses.

In diesen später als „Küchenflügel“ bekannten Prototypen flossen bereits wegweisende Innovationen ein, darunter der einteilige Resonanzbodensteg. Mit ihm verwirklichte Steinweg erstmals seine Vision vom bestmöglichen Klavier und legte den Grundstein für seinen späteren Weltruhm.

1857 meldete er sein erstes Patent an. Es folgten 140 weitere. Steinway wurde zum Maß aller Flügel und Klaviere weltweit. Von Billy Joel über Lang Lang bis Lady Gaga: Die Liste der Steinway Artists ist lang. In der Hamburger Manufaktur erinnert eine kleine, aber eindrucksvolle „Hall of Fame“ an jene berühmten Künstlerinnen und Künstler, die für Auftritte ausschließlich auf Steinway-Instrumenten musizieren. Bezahlt werden sie dafür allerdings nicht.

Bei Steinway lässt man lieber die Qualität des Instruments für sich sprechen statt überbezahlter Testimonials.

Bild

Mit höchster Präzision fertigen die Klavierbauer in Hamburg und New York jeden Flügel von Hand. Etwa ein Jahr wird zur Herstellung eines Flügels benötigt. Sorgfältig gelagertes Holz, Resonanzboden und Mechanik formen seit 1853 den unverwechselbaren Steinway-Klang

 © Stefan Weeber / Christopher Payne
Bild

Über Generationen hinweg

Das Sortiment von Steinway & Sons umfasst sieben Flügelmodelle und ein Klaviermodell. Die Preise liegen je nach Ausführung zwischen 109.000 und 229.000 Euro – hochpreisig, wie auch Hoepermann sagt. Doch dessen ist man sich bewusst. Sonderanfertigungen können sogar noch teurer ausfallen.

Besonderen Wünschen und den damit verbundenen handwerklichen Herausforderungen widmet man sich in der Manufaktur aber mit größter Freude. In Teilen kann vor Ort immer noch der Prototyp des „Sound of Harmony“ Flügels bestaunt werden: Eine Sonderbestellung des chinesischen Sammlers Guo Qingxiang aus dem Jahr 2008.

Mehr als 40 kostbare Furnierarten, darunter Ebenholz, Oliv-Esche, Rosenholz und Palisander, wurden verarbeitet, um ein Gemälde des chinesischen Künstlers Shi Qi auf dem Instrument entstehen zu lassen. Bis heute zählt „Sound of Harmony“ zu den teuersten Steinway-Flügeln der Welt. Die Fertigstellung dauerte mehr als vier Jahre.

Zwischen Altem und Neuem

Seit der Gründung fertigte Steinway rund 627.200 Instrumente weltweit. Jährlich verlassen etwa 1.300 Flügel und Klaviere die Hamburger Manufaktur. Besonders berühmt ist der Konzertflügel D-274, die Nummer eins auf den Konzertbühnen, aber auch in den Wohnzimmern dieser Welt. Ein legendärer Flügel, dessen Konstruktion seit 1884 unverändert blieb. Bis heute gilt das Design als unübertroffen und als Investition für Generationen. 12.000 Einzelteile sind zu dessen Herstellung notwendig, sowie bis zu 20 Laminate aus Ahorn und Mahagoni, die durch das seit 1878 patentierte Verfahren zum Rim geleimt werden.

Neben der Erzeugung werden in Hamburg auch historische Flügel restauriert. „Manchmal erhalten wir Instrumente aus dem Jahr 1920 zur Generalüberholung“, so Hoepermann. Nach der Restaurierung gehen sie spielbereit an ihre Eigentümer zurück.

Gleichzeitig hält moderne Technologie Einzug, wenn auch mit Bedacht: Das Selbstspielsystem Spiriocast gilt als Revolution im Hause Steinway. Beinahe jeder Flügel, der heute die Manufaktur verlässt, wird mit Spirio ausgestattet, erklärt Hoepermann. So können Steinway-Kunden ihr eigenes Spiel aufzeichnen und wiedergeben, aber auch Live-Darbietungen der Lieblingskünstler miterleben.

Zwischen jahrhundertealtem Handwerk und digitaler Innovation zeigt der Besuch bei Steinway & Sons, dass wahre Beständigkeit nicht im Stillstand liegt – sondern im kompromisslosen Festhalten an Qualität.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 03/2026 erschienen.

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab 20,63€
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER