Wenn Unternehmen unter männlicher Führung straucheln, wird nicht selten eine Frau an die Spitze gestellt. Ein Effekt, der wirtschaftspsychologisch nachgewiesen und höchst umstritten ist. Das Phänomen der „gläsernen Klippe“ ist eine Chance, aber auch ein strukturelles Problem. Wie viel System steckt dahinter?
Den Begriff „gläserne Decke“ kennt man mittlerweile: Es handelt sich um jenes unsichtbare Hindernis, das Frauen am Aufstieg in höchste Führungspositionen hindert. Wer diese Barriere tatsächlich durchbricht, landet aber nicht selten auf einer ebenso fragilen Plattform, der „gläsernen Klippe“: Frauen gelangen zwar an die Spitze, aber erst dann, wenn es in Organisationen ordentlich kriselt.

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Evelyn Palla
Marodes Gleisnetz, Chaos im Fahrplan, niedrige Kundenzufriedenheit: Evelyn Palla übernahm die Führung der DB 2025 in höchst turbulenten Zeiten

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Bettina Orlopp
Während sich die deutsche Commerzbank mitten im Übernahmestreit mit der Unicredit befand, übernahm Bettina Orlopp die Führung

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Karin Bergmann
Bergmann übernahm 2014 die Leitung des Theaters nach der fristlosen Entlassung ihres Vorgängers, in einer der größten Krisen des Hauses

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Brigitte Bierlein †
Nachdem die ÖVP-FPÖ-Koalition im Sommer 2019 skandalträchtig scheiterte, wurde Bierlein interimistisch zur ersten Bundeskanzlerin Österreichs bestellt
Als Zeichen der Veränderung
Dabei sind Frauen, wie so oft, doppelt gefordert. Denn eine Organisation in turbulenten Zeiten zu übernehmen, heißt nicht nur, sie zu führen, sondern auch, Vertrauen wiederherstellen zu müssen. Auch Ingrid Thurnher, nun interimistisch ORF-Generaldirektorin, versuchte in der ZIB, das Vertrauen in ihre Organisation zu stärken. Dass die Zeichen, wie so oft nach öffentlich gewordenen Skandalen, nun wirklich auf Veränderung stehen, untermauern Unternehmen gerne mit der Bestellung einer Frau an die Spitze. Eine Chance für weibliche Führungskräfte, aber auch ein zweischneidiges Schwert.
Dass weibliche Führung eine starke symbolische Wirkung hat, ist vielen Aufsichtsräten bewusst. Weniger sichtbar ist jedoch das Risiko, das mit solchen Berufungen einhergeht. Denn wenn Frauen ausgerechnet in schwierigen Situationen Verantwortung übernehmen, tragen diese auch ein höheres Risiko zu scheitern.
Die „gläserne Klippe“
Dieser Effekt ist seit Längerem Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Der Begriff „gläserne Klippe“* geht auf eine Studie aus dem Jahr 2005 zurück, bei welcher die Forschenden zu dem Ergebnis kamen, dass Unternehmen mit negativer Geschäftsentwicklung deutlich häufiger Frauen in Vorstandsämter beriefen. Frauen, die die Führung in strauchelnden Unternehmen übernehmen, übernehmen also auch das Risiko, beruflich zu scheitern.
Gläserne Klippe (eng. „glass cliff effect“):
Der Begriff geht auf eine Studie der Professoren Michelle K. Ryan und Alexander Haslam zurück, die 2005 Ernennungen in Vorstandspositionen britischer Unternehmen analysierten und diese mit deren Geschäftsentwicklung abglich.
Weitere Forschungen bestätigten dieses Muster. In einer Studie der LMU und Uni Konstanz wurden 26.156 Führungswechsel in US-Unternehmen zwischen 2000 und 2016 untersucht, um den Einfluss von Krisen auf die Wahrscheinlichkeit weiblicher Ernennungen in die oberste Führungsebene festzustellen.
Das Ergebnis: Die Chance für Frauen, in Führungspositionen berufen zu werden, liegt generell bei fünf Prozent. In einer Krisensituation steigt diese Chance aber auf 7,6 Prozent. Und: Je mehr mediale Aufmerksamkeit das Unternehmen während einer Krise bekam, desto eher wurde eine Frau an die Spitze beordert.
(K)Eine Frage des Geschlechts
Viele Frauen stellen sich diesen Herausforderungen trotz aller Widrigkeiten. So auch Martha Schultz, Präsidentin der Wirtschaftskammer Österreich. Sie übernahm ihr Amt nach dem Rücktritt von Harald Mahrer im November 2025. Für sie selbst ist ihre Ernennung aber keine Frage des Geschlechts: „Ich habe diese Aufgabe übernommen, weil die Situation danach verlangt hat – nicht, weil ich eine Frau bin“, so die amtierende Präsidentin. Über ihre Signalfunktion ist sich Schultz, die zudem Bundesvorsitzende von Frau in der Wirtschaft ist, aber im Klaren. „Natürlich ist mir bewusst, dass es ein Signal ist, wenn erstmals eine Frau an der Spitze der Wirtschaftskammer steht. Für mich geht es aber nicht um Symbolik, sondern um Verantwortung und Wirkung.“
Perfekte Voraussetzungen gibt es selten

Schultz betont zwar, dass Führungskompetenz nicht vom Geschlecht abhängt, gleichwohl sieht sie Qualitäten, die Frauen häufiger einbringen. „Viele Frauen bringen dabei ein sehr ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein und große Leistungsbereitschaft mit. Dazu kommen oft Stärken, die in Führung besonders wertvoll sind – etwa gut zuzuhören, unterschiedliche Perspektiven einzubinden und Entscheidungen sorgfältig abzuwägen.“
Strukturelle Probleme
Dass Chefinnen für Unternehmen wichtig sind, davon ist sie überzeugt. Und auch davon, dass viele Frauen gerne aufsteigen würden, wenn sie die Möglichkeit hätten. „In Österreich gibt es sehr viele qualifizierte Frauen, die Verantwortung übernehmen wollen – in Unternehmen, Organisationen und Institutionen.“ Es sind aber vor allem die äußeren Bedingungen, die es Frauen erschweren, Führung zu übernehmen. „Was häufig bremst, sind nicht die Fähigkeiten, sondern die Rahmenbedingungen. Vor allem eine verlässliche Kinderbildung und Kinderbetreuung ist entscheidend, damit Karrierewege tatsächlich offenstehen.“
Stiller Einfluss
Auch der österreichische Headhunter Hans Jorda beobachtet seit Jahren, wie Frauen in Unternehmen entscheidende Rollen übernehmen, allerdings nicht immer sichtbar. „In den meisten Firmen, bei denen ich das Management analysiert habe, treffe ich auch auf Frauen, und die gehören in vielen Fällen zu den besseren Managern“, so Jorda. Dennoch sind sie oft nicht dort zu finden, wo die formale Macht liegt. „Die wenigen, die da sind, halten in vielen Fällen die Firma zusammen. Oft sind das Assistentinnen oder Frauen in der ‚zweiten Reihe‘. Man kann sagen: Sie sind die geheimen Geschäftsführerinnen.“
Ein Grund dafür liegt seiner Ansicht nach auch in unterschiedlichen Selbstbildern. „Das Problem ist, dass Frauen sich im Vergleich zu Männern viel öfter unterschätzen, und Männer sich tendenziell überschätzen.“ Frauen würden außerdem schneller an mögliches Scheitern denken, während Männer dieses Risiko oft ausblenden.
Frauen als positive Signale
Die WKO-Präsidentin appelliert: „Wenn mehr Frauen Führungsverantwortung übernehmen können, stärkt das Betriebe und den gesamten Wirtschaftsstandort.“ Damit hat sie recht, denn Frauen in Vorstandspositionen sind für Unternehmen durchaus profitabel, wie eine Studie von Myriam N. Bechtoldt, Christina E. Bannier und Björn Rock zeigt.
Die Studie untersuchte die größten börsennotierten Unternehmen aus Deutschland und Großbritannien zwischen 2005 und 2015. Zwar wurde ersichtlich, dass die „gläserne Klippe“ für die untersuchten Unternehmen keine große Rolle zu spielen scheint, es zeigte sich aber auch, dass der Finanzmarkt auf die Ernennung von Frauen als Vorstände positiv reagiert: „Deutsche Unternehmen weisen vor der Ernennung von Frauen in Vorstandspositionen eine im Durchschnitt bessere Geschäftsentwicklung auf als vor der Ernennung von Männern“, so Studienautorin und Wirtschaftswissenschafterin Christina E. Bannier.
Die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) hat in einer Analyse aus dem Jahr 2025 Ähnliches belegt. Die Studie „Breaking the Glass Ceiling: Do Female Directors Boost Firm Performance?“ untersuchte die sogenannten FBR-Effekte* und bestätigte, dass ein höherer Frauenanteil im Aufsichtsrat auch mit höherer Eigenkapitalrentabilität und Gesamtkapitalrentabilität einherging.
FBR
„Female Board Ratio“, kausaler Effekt des Anteils von Frauen im Aufsichtsrat.
Mehr als nur Symbolik
Trotz solcher Ergebnisse bleibt der Anteil von Frauen in Führungspositionen in Österreich vergleichsweise niedrig. Während der europaweite Führungsanteil von Frauen durchschnittlich bei 37 Prozent liegt, werden hierzulande nur 32,9 Prozent der Führungspositionen von Frauen besetzt.
Für Headhunter Jorda ist das nicht nur eine Gleichstellungsfrage, sondern auch ein wirtschaftliches Problem. Österreich verliere dadurch an Wettbewerbsfähigkeit. Den Schritt zu wagen, wenn sich die Gelegenheit bietet, dazu rät auch WKO-Chefin Schultz: „Viele Frauen sind sehr gut und gründlich vorbereitet, bevor sie Verantwortung übernehmen. Das ist eine Stärke. Aber manchmal wäre es gut, einfach den Schritt zu machen – Männer tun das oft mit großem Selbstbewusstsein.“
Damit Frauen selbstverständlich führen können, braucht es bessere Rahmenbedingungen und Unternehmen, die ihr weibliches Führungskapital nicht erst in der Krise entdecken.


Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 12/2026 erschienen.







