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Was hinter der Euro-Stärke steckt

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Der Euro hat eine wichtige Marke geknackt: Die Gemeinschaftswährung stieg erstmals seit 2021 über die Marke von 1,20 Dollar. Hintergrund ist eine zunehmende Schwäche des Dollar, die durch die US-Politik und Spekulationen an den Finanzmärkten befeuert wird.

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1. Warum ist die Marke so wichtig?

An den Finanzmärkten gelten runde Zahlen als wichtige psychologische Marken. Zudem hat EZB-Vizepräsident Luis de Guindos die Marke im vergangenen Jahr als eine Art Schmerzgrenze bezeichnet. Der Weg dorthin war jedoch nicht geradlinig. Bereits im September hatte sich der Euro diesem Niveau genähert, dann aber wieder nachgegeben. Historisch gesehen liegt der Kurs von 1,20 Dollar nur knapp über dem Durchschnittswert des Euro seit seiner Einführung 1999. Er ist noch weit von seinem Rekordhoch von rund 1,60 Dollar aus dem Jahr 2008 entfernt. Dennoch: Allein im vergangenen Jahr legte der Euro um rund 13 Prozent zu. Das war der stärkste Anstieg zum Dollar seit 2017.

2. Warum ist der Euro so stark?

Der Hauptgrund ist die Schwäche des Dollar. Die Politik von US-Präsident Donald Trump mit Handelskonflikten, Streitigkeiten mit Verbündeten und verbalen Angriffen auf die unabhängige Notenbank Fed hat der Währung zugesetzt. Einige Pensionsfonds aus Skandinavien haben sich deshalb bereits von US-Staatsanleihen getrennt oder planen einen solchen Schritt. Viele Investoren streuen ihre Anlagen breiter und schichten aus Dollar-Papieren um, was den Euro ebenfalls stützt.

Die jüngsten Kursgewinne wurden zudem durch Spekulationen über eine mögliche Intervention der USA und Japans gegen die Yen-Schwäche befeuert. Das setzte den Dollar auf breiter Front unter Druck. Trump selbst bezeichnete die Abwertung als "großartig", was an den Finanzmärkten als ein Signal interpretiert wurde, dass er dies tolerieren wird.

3. Leiden die Europäischen Unternehmen darunter?

Ja. Ein starker Euro verteuert Exporte in Länder außerhalb des Währungsraums. Das verschlechtert die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen aus der Euro-Zone. "Der starke Euro ist kein Knockout, aber er frisst sich Stück für Stück in die Marge", sagte der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Dirk Jandura, kürzlich der Nachrichtenagentur Reuters. "Gerade in wettbewerbsintensiven Märkten mit hoher Preissensibilität lassen sich Wechselkursnachteile nur begrenzt weitergeben."

Die Folgen dürften sich in den kommenden Bilanzen der Unternehmen niederschlagen. Nach Schätzungen von Goldman Sachs erwirtschaften die im Index STOXX 600 notierten europäischen Konzerne 60 Prozent ihrer Umsätze im Ausland. Fast die Hälfte davon entfällt wiederum auf die USA. Aktienanleger haben die Folgen der Währungsstärke wegen der insgesamt verbesserten Konjunkturaussichten in Europa bisher weitgehend ignoriert. Die Bank Barclays schätzt, dass der Euro-Anstieg zuletzt für etwa die Hälfte der Gewinnwarnungen verantwortlich war.

4. Ist die EZB besorgt?

Die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) achten in der Regel mehr auf die Geschwindigkeit und das Ausmaß von Wechselkursbewegungen als auf ein bestimmtes Niveau. Der Anstieg um rund zwei Prozent in der vergangenen Woche dürfte die Notenbanker aber aufhorchen lassen. Es war der größte wöchentliche Sprung seit April 2025, als Trumps umfassende Zölle zum "Liberation Day" für globale Turbulenzen sorgten. "Sollte der Euro immer weiter aufwerten, könnte dies ab einem gewissen Punkt natürlich eine geldpolitische Reaktion erforderlich machen", sagte EZB-Ratsmitglied Martin Kocher der "Financial Times". Die jüngsten Kursgewinne des Euro bezeichnete Kocher als "moderat".

Eine weitere Aufwertung des Euro könnte gleichzeitig die Importe verbilligen, weil beispielsweise Rohstoffe meist in Dollar abgerechnet werden. Das könnte die Inflation dämpfen und Spielraum für Zinssenkungen schaffen.

5. Könnte der Euro den Dollar als Leitwährung ablösen?

Wohl kaum. Der Anstieg des Euro bedeutet nicht, dass er den Dollar in naher Zukunft ersetzen wird. Der Dollar macht knapp 60 Prozent der weltweiten Währungsreserven aus, der Anteil des Euro liegt bei etwa 20 Prozent. Die Dominanz der USA im Welthandel und die Größe ihrer Kapitalmärkte dürften dafür sorgen, dass sich daran so schnell nichts ändert. EZB-Präsidentin Christine Lagarde argumentiert zwar, dass die unberechenbare US-Wirtschaftspolitik dem Euro eine größere globale Rolle verschaffen könnte. Dies würde jedoch voraussetzen, dass die Euro-Zone ihre Finanzarchitektur umbaut. Eine Banken- und Kapitalmarktunion könnte durch einheitliche Regeln einen stabileren Finanzsektor schaffen, der Banken krisenfester macht und den grenzüberschreitenden Kapitalfluss erleichtert.

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