Fördern Social-Media-Konzerne bewusst Suchtverhalten und sind sie für die möglichen Folgen haftbar? Ein richtungsweisender Gerichtsprozess soll das klären - und weckt damit Erinnerungen an große Verfahren gegen die Tabakindustrie in den 1990ern.
Wie viel ist ein 13-jähriges Kind wert? Der Facebook- und Instagram-Konzern Meta weiß es natürlich: ungefähr 270 US-Dollar.
Kaley, besser bekannt unter dem Kürzel „KGM“, war ein solches Kind. Schon mit sechs Jahren beginnt sie, YouTube zu nutzen. Mit neun meldet sie sich bei Instagram an, mit zehn beim TikTok-Vorgänger Musical.ly. Ein Jahr später, mit elf, folgt Snapchat – all diese Plattformen haben in den Vereinigten Staaten eigentlich ein Mindestalter von 13 Jahren. Zumindest zu der Zeit, als Kaley sich dort anmeldet, waren die technischen Schranken offensichtlich kinderleicht überwindbar.
Psychisch krank wegen Social Media?
Wie viele andere verfällt Kaley den endlosen Feeds voller personalisierter Inhalte und Tricks wie Snapchats „Streaks“, die tägliche Nutzung fördern sollen. Psychisch geht es ihr über die Jahre immer schlechter. Heute leidet sie unter Suizidgedanken, Depressionen und einem Entstellungssyndrom*.
Entstellungssyndrom, auch Körperdysmorphe Störung:
Betroffene beschäftigen sich obsessiv mit kleinsten körperlichen Makeln, oft folgt soziale Isolation oder der Wunsch nach Schönheits-OPs.
Heute ist Kaley 20 Jahre alt. Seit drei Jahren prozessiert sie gemeinsam mit ihrer Mutter im Fall „KGM vs. Meta et al.“ gegen die Social-Media-Plattformen Meta, Google, Bytedance und Snap. Der Vorwurf: Die Unternehmen würden ihre Plattformen und Apps wissentlich so gestalten, dass sie süchtig machen. Und das trotz Warnungen über potenzielle gesundheitliche Schäden.
Beweisen sollen das unter anderem interne Dokumente der Unternehmen, die von der Organisation „The Tech Oversight Project“ veröffentlicht wurden – auch die Passage über den „Wert“ eines Kindes findet sich darin.
Interne Chats:
„Instagram ist eine Droge“ und „Wir sind quasi Drogendealer“, schreiben Meta-Angestellte in Chatprotokollen.
1.600 Prozesse in einem
In dem seit 2023 laufenden Prozess geht es nicht nur um Kaley: Ihr Fall ist einer von insgesamt 1.600 ähnlichen Klagen, die nun in diesem einen Verfahren gebündelt werden. Darunter ist etwa der Fall der 18-jährigen Annalee S., die im Jahr 2020 Suizid beging. Instagram-Videos, die selbstverletzendes Verhalten glorifizieren, sollen dabei eine Rolle gespielt haben. Die Social-Media-Konzerne wollten diese Zusammenlegung verhindern, sind damit aber vergangenen November gescheitert. Snap und Bytedance erreichten im Dezember eine außergerichtliche Einigung, sie sind damit nicht mehr Teil des Verfahrens. Details dazu sind bisher nicht bekannt.
Wegen der Dimensionen sprechen Expertinnen und Experten in den USA von einem „Tobacco Moment“ für die Social-Media-Branche. Ende der 1990erJahre warfen US-Staatsanwälte Tabakkonzernen vor, die Risiken von Zigarettenkonsum bewusst verschleiert zu haben. Am Ende verpflichteten sich die Unternehmen im Rahmen des „Tobacco Master Settlement Agreement“ zu Zahlungen in Höhe von mehr als 200 Milliarden US-Dollar. Auf Meta und Co. könnte nun Ähnliches zukommen.
Auf Kinderfang
Einer der Vorwürfe der Klägerinnen gegen Meta lautet: Das Unternehmen habe gewusst, dass die Überprüfung des Alters durch Instagram und Facebook nicht richtig funktioniert. „Tweens“, also Kinder unter 13, seien intern sogar zeitweise als Fokusgruppe betrachtet worden. Aus einem Meta-Dokument geht hervor, dass im Jahr 2015 rund ein Drittel aller Zehn- bis Zwölfjährigen in den USA Instagram nutzten. „Wenn wir bei den Teens gewinnen wollen, müssen wir sie schon als Tweens abholen“, heißt es in einem weiteren Dokument. Und: „Wir haben Tweens US-weit als die Altersgruppe mit der stärksten Bindung etabliert.“
„School Blasts“
Die Dokumente zeigen auch, wie Meta aktiv Schulkinder ins Visier nahm. In einem Strategiepapier aus dem Jahr 2016 ist etwa von „School Blasts“ die Rede. Schülerinnen und Schüler bestimmter Schulen mit wenig Facebook-Nutzern sollten an Schultagen Massenbenachrichtigungen erhalten, um für mehr Aktivität zu sorgen. In einer Nachricht aus demselben Jahr heißt es, „die Einbindung der überwiegenden Mehrheit der Jugendlichen in einem Gebiet/einer Schule in unsere Produkte ist entscheidend für die Steigerung der insgesamt in diesem Gebiet verbrachten Zeit(…)“.
Die Entscheidung für den Fokus auf Minderjährige kam offenbar von ganz oben: „Mark (Zuckerberg, Anm.) hat entschieden, dass Teenager in H1 2017 erste Priorität haben“, heißt es in einer internen E-Mail.
Negative Effekte als PR-Problem
Interne Erhebungen würden zeigen, dass erhöhte Facebook-Nutzung mit niedrigerem Wohlbefinden korreliere, heißt es in einem weiteren Dokument. „Langfristig“ würde sich der Effekt allerdings umkehren. Zusätzliche Forschung sei nötig. Das „Narrativ“, Facebook wäre schlecht für die Jugend, müsse jedenfalls stärker gekontert werden, und zwar durch besseres PR-Arbeit.
Zuckerberg wollte Beauty-Filter zurück
Ein weiterer Einblick in Metas interne Prozesse zeigt, wie das Unternehmen offenbar gesundheitliche Risiken gegen bessere Nutzungszahlen aufwog: Im Jahr 2018 startete Instagram eine interne Evaluierung seiner Beauty-Filter, mit denen das eigene Gesicht „verschönert“ werden kann. 2019 wurde die Funktion deaktiviert. Noch im selben Jahr sprach Mark Zuckerberg aber offenbar intern darüber, die Funktion wegen ihrer Beliebtheit wieder aktivieren zu wollen.
Intern stieß das offenbar auf wenig Gegenliebe. Mehrere Angestellte baten Zuckerberg, das nicht zu tun – darunter laut einem New-York-Times-Bericht auch eine Führungskraft. Die Frau schrieb in einer Mail an Zuckerberg, die Schönheitsfilter seien vor allem für junge Mädchen toxisch. Auch ihre eigene Tochter leide an einem Entstellungssyndrom. Zuckerberg antwortete nicht – und ein Jahr später war die Funktion wieder aktiv.
Laut Anwalt Mark Lanier würden die vorgelegten Beweise zeigen, dass „diese Unternehmen Maschinen gebaut haben, die Kinderhirne süchtig machen“. Und: „Sie haben es mit Absicht getan.“
Nicht „klinisch“ süchtig
Sowohl Meta als auch Google weisen solche Vorwürfe zurück. Instagram-Chef Adam Mosseri sagte im Gerichtssaal in Los Angeles, die App mache zwar süchtig, aber wie eine gute Fernsehserie – und nicht „klinisch“. Laut Meta-Chef Mark Zuckerberg stehe eine Maximierung der auf seinen Plattformen verbrachten Zeit heute nicht mehr so im Fokus wie früher. Meta würde sich stattdessen auf „nachhaltige Bindungen“ konzentrieren. Instagram sei ein „wertvoller Dienst“, kein schädliches Produkt.
Auf Fragen zum Schutz von Kindern auf Facebook und Instagram antwortete Zuckerberg oft ausweichend. Für eine bessere Altersverifizierung brauche es die Hilfe von Unternehmen wie Apple und Google, die hier als Entwickler von Smartphone-Betriebssystemen mehr Möglichkeiten hätten, sagte Zuckerberg.
Metas Anwälte argumentierten außerdem, die psychischen Probleme der Klägerin seien durch ihr schwieriges familiäres Umfeld ausgelöst worden und nicht durch ihre Social-Media-Nutzung.
YouTube „kein soziales Netzwerk“
Die Anwälte von Google bauen ihre Verteidigung vor allem darauf auf, dass die Videoplattform „kein soziales Netzwerk“ sei, sondern „eine Streaming-Plattform wie Disney+ oder Netflix“ – eine Parallele zur Argumentation von Instagram-Chef Mosseri.
YouTube habe außerdem 2017 bewusst entschieden, nicht auf virale Videos zu setzen, sondern auf die Bindung zwischen Videomachern und ihren Abonnenten. Nutzungsdaten der Klägerin würden außerdem nicht auf ein Suchtverhalten hinweisen – sie habe die App zwischen 2020 und 2024 im Schnitt nur 29 Minuten täglich genutzt, sagte ein Google-Anwalt.
Was sagt die Wissenschaft?
Eine Meta-Analyse von Shannon et al. (2022) mit Daten von über 9.200 Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigt: Problematische, suchtähnliche Social-Media-Nutzung korreliert mit Depressionen, Angstzuständen und Stress. Jugendliche gelten als besonders vulnerabel, weil die Bereiche im Gehirn, die für Emotionsregulation zuständig sind, noch nicht voll entwickelt sind.
Eine weitere Metastudie von Dane und Bhatia (2023) mit Daten aus 17 Ländern ergab: Social-Media-Nutzung korreliert mit Körperbildsorgen, gestörtem Essverhalten und schlechter mentaler Gesundheit. Besonders betroffen sind Mädchen und Frauen.
Eine Social-Media-Pause linderte in einer Studie von Dondzilo et al. (2024) Essstörungs-Symptome unter Studentinnen und Studenten signifikant - schon nach einer Woche.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 10/2026 erschienen.







