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Das schwere Erbe des venezolanischen Öls

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©IMAGO / Zoonar

Vom „kleinen Venedig“ zum Ölstaat in der Krise: Wie Venezuelas schweres Rohöl Geschichte schrieb – und warum es heute vor allem für US-Raffinerien wieder interessant ist.

1498 segelte Columbus zwischen den Inseln der Karibik, bis er am 31. Juli 1498 Trinidad erreichte. In der Ferne entdeckte er die Küste einer, wie er vermutete, noch größeren Insel und erreichte am 5. August 1498 diesen Küstenstreifen über die Insel Santiago. Columbus betrat allerdings keine Insel, sondern als erster Europäer nicht nur das heutige Venezuela, sondern auch das Festland von Südamerika.

Ein Jahr später segelte Alonso de Ojeda entlang der Nordküste Venezuelas, begleitet von Amerigo Vespucci. Beide waren fasziniert von den Dörfern mit Pfahlbauten, die weit ins Meer ragten. Sie erinnerten Vespucci an seine Heimat Venedig, und er nannte die Küstenregion Veneziola – das ‚kleine Venedig‘. Daraus entwickelte sich Venezuela.

Verstaatlichung

Das ‚schwarze Gold‘ tritt in Venezuela an vielen Stellen als natürliche Ölquelle an die Oberfläche. Nahe der Küste gibt es einen Öl-See, der schon den Ureinwohnern bekannt war. Die indigenen Völker nannten die zähe, schwarze Flüssigkeit ‚Mene‘, und nutzten sie, um Boote zu streichen, Holzgefäße vor Fäulnis zu schützen, für Licht, Feuer, als Klebstoff, zur Abdichtung von Dächern und gegen Hautverletzungen – als ein Mittel mit der ‚Kraft der Erde‘.

Die spanischen Eroberer wussten mit dem Öl nichts anzufangen. Venezuela war wichtig für Kakao, Kaffee und die berühmten Perlen von der Nordküste. 1914 begannen die kommerziellen Bohrungen. 1922 schoss Erdöl aus einem Bohrloch nahe Cabimas – der Öl-Boom begann. Bis die Regierung 1976 die Ölindustrie verstaatlichte und die Ölkonzerne enteignete. Die Anlagen wurden nicht mehr modernisiert, die geförderten Mengen gingen zurück – das einst reiche Venezuela verfiel zu einem Armenhaus.

Schwer-saures Öl

Letztes Wochenende traf ich in London einen befreundeten Ex-Manager aus der Ölindustrie. Während der Plauderei zwischen zwei Pensionisten erklärte er mir das Problem mit dem Öl aus Venezuela: „Als Trump die Ölkonzerne aufforderte, die Förderung in Venezuela zu übernehmen, reagierten sie zurückhaltend, würden es jedoch in den USA verarbeiten.

Der Grund liegt in der problematischen Beschaffenheit des Rohöls. Hochviskos und stark verunreinigt muss es für den Transport erhitzt oder verdünnt werden. Man spricht von ‚schwerem, saurem Öl‘ – im Gegensatz zu hochqualitativem ‚leichtem, süßem Öl‘ wie Tapis aus Malaysia oder Brent aus der Nordsee. Weiters braucht es eine kostspielige Entschwefelung und Entfernung von Metallen und Stickstoff. Das bedeutet eine kapital- und energieintensive Aufbereitung. Der große Anteil an Asphalt und Harzen senkt außerdem die Ausbeute an Leichtprodukten wie Benzin oder Diesel.

Nur wenige Raffinerien weltweit können derart verunreinigtes Rohöl verarbeiten – in den USA gibt es dafür spezialisierte Anlagen. Deshalb ist die Übernahme des Öls aus Venezuela für den amerikanischen Markt interessant. Die USA sind im Gegensatz zu anderen Ländern in der Lage, mit modernen Raffinerien das billige, schwere, schwefelhaltige Rohöl zu teuren, hochwertigen Produkten zu verarbeiten.“

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 04/2026 erschienen.

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