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Für eine Zunahme von Personen, die mit einer quasi vorgefertigten psychiatrischen Selbstdiagnose in den eigentlichen diagnostischen Prozess gehen, sprachen bereits zahlreiche anekdotische Beobachtungen, wie das Team unter der Leitung der Karl Landsteiner Privatuniversität in Krems (NÖ) in der Publikation schreibt: "Bisher war systematische Evidenz aus der klinischen Praxis aber rar." Im Rahmen der Untersuchung wurden insgesamt 93 in Österreich nun niedergelassene Klinische Psychologinnen und Psychologen dazu befragt.
Unter den Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern erklärten 21 Personen oder knapp 23 Prozent der Befragten, diesem Phänomen mittlerweile "viel öfter als früher" in der alltäglichen Praxis zu begegnen. Weitere 47 - also rund die Hälfte der Teilnehmenden - gab an, dass dies "öfter als früher" der Fall sei. Unter den selbst gestellten oder gewünschten Diagnosen liegen die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Autismus klar vorne, es folgen die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und Depressionen.
Die Untersuchung weise auf eine "klare Zunahme" des Phänomens, sich sozusagen nach einer oft im Zusammenhang mit einer Online-Meinungsbildung gebildeten Vor-Diagnose auf die Suche nach einer Art offiziellen Bestätigung zu machen. Vor allem zahlreiche jüngere Menschen würden Diagnosebegriffen auf Plattformen wie TikTok oder Instagram oder in Fernsehserien erstmals begegnen und sich dann online weiter damit auseinandersetzen.
Mit einer entsprechend "sehr konkreten Diagnosevorstellung" werden Betroffene dann vorstellig. Sie hegen den "starken Wunsch, diese Identität bzw. dieses Label bestätigt zu bekommen", wird Gloria Mittmann vom Forschungszentrum Transitionspsychiatrie der Kremser Privatuni in einer Aussendung zitiert. Eine formale Diagnose könne nämlich Alltagsbelastungen "weniger wie persönliches Versagen erscheinen lassen, sondern als etwas, das benenn- und erklärbar ist". Mittmann: "Wenn eine Diagnose zentral für das Selbstbild geworden ist, kann jede Abweichung zwischen Erwartung und klinischer Einschätzung als zutiefst bedrohlich erlebt werden."
Die befragten Praktikerinnen und Praktiker berichteten, dass Klienten, die mit Selbst- und Wunschdiagnosen bei ihnen aufschlagen, vor allem weibliche Personen mit höherer Bildung und einem ausgeprägteren Nutzungsverhalten von Online-Medien sind. Sie versprechen sich vor allem eine Erleichterung von Schuldgefühlen, die Bestätigung von Vorstellungen über die eigene Identität oder soziale Anerkennung. Der Wunsch, Zugang zu einer psychologisch-psychiatrischen Behandlung oder Medikation zu erhalten, stehe hingegen weniger im Fokus. Auch spüre man als Praktiker vielfach wenig Interesse am gemeinsamen Erkunden der Problemlage.
Werden die individuellen Vorstellungen von den Expertinnen und Experten so nicht bestätigt, reichen die Reaktionen von starker emotionaler Belastung über die - mitunter auch scharfe - Ablehnung der Ergebnisse der Praktiker bis zu einem "Diagnose-Shopping"-Verhalten - also dem Weiterwandern zu anderen Stellen, von denen man sich dann die "richtige" Diagnose erhofft. Ein Fazit aus der Studie: "Fachpersonen sollten sehr transparent erklären, wie eine Schlussfolgerung erfolgte - und zugleich anerkennen, dass die gewünschte Diagnose für manche zu einem Teil ihrer Identitätsgeschichte geworden ist", meint Mittmann.
Man habe es hier mit einer Entwicklung zu tun, bei der ADHS oder Autismus auch als "soziale Identitäten" wahrgenommen werden und man sich damit einer Gruppe zugehörig fühlt, die einem Anerkennung entgegenbringen kann. Die Zunahme an Selbst- oder Wunschdiagnosen sollte dementsprechend auch in der psychologischen Aus- und Weiterbildung behandelt werden. Und: Fachkreise täten gut daran, sich mit diversen "Online-Mental-Health-Kulturen" auseinanderzusetzen, heißt es.
(S E R V I C E - https://dx.doi.org/10.1016/j.ijchp.2025.100661 )
