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NHM beleuchtet vermeintlich dunkles Frühmittelalter anhand alter DNA

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Schau eröffnet viele neue Perspektiven auf Vergangenheit
©APA, Roland Schlager
Seit dem Jahr 2020 nehmen Forschende aus Österreich und anderen Ländern im Rahmen des groß angelegten Forschungsprojekts "HistoGenes" die Geschichte Europas im Frühmittelalter anhand von Analysen von alter DNA neu unter die Lupe. Was man bisher - auch anhand zahlreicher Funde hierzulande - über so manches vermeintlich dunkle Jahrhundert herausgefunden hat, zeigt das Naturhistorische Museum (NHM) Wien ab Mittwoch in einer neuen Sonderschau.

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Angelehnt an das mit rund zehn Millionen Euro seitens des Europäischen Forschungsrats ERC geförderte Projekt geht man an der Wiener Ringstraße nun mit der Ausstellung unter dem Titel "GENchangers. Entschlüsselte Geheimnisse aus frühmittelalterlichen Gräberfeldern" an den Start. Das wissenschaftliche Großvorhaben wurde von Walter Pohl vom Institut für Mittelalterforschung der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mit Forschenden aus Deutschland und den USA federführend ins Leben gerufen und durchleuchtet seither fächerübergreifend die Bevölkerungsgeschichte Ostmitteleuropas in der bewegten Zeit nach dem Ende der römischen Herrschaft über weite Teile des Kontinents von ungefähr 400 bis 900 nach Christus.

Ein Schwerpunkt liegt auf Erkenntnissen, die aus Erbgut aus Gräberfeldern aus jener Epoche gewonnen werden können. Rund 7.700 Bestattungen - darunter etwa jene aus den awarenzeitlichen Gräberfeldern von Mödling und Leobersdorf im Süden Wiens - wurden und werden auch archäologisch, anthropologisch und mit den Methoden der Geschichtswissenschaften untersucht. Was man dabei gefunden hat, will man bis 26. Juli 2027 in Saal 21 auf der zweiten Ebene des NHM erzählen, hieß es am Dienstag bei der Präsentation.

Die Möglichkeiten, alte DNA zu untersuchen, werden bei vielen wissenschaftlichen Fragen als eine Art "Gamechanger" angesehen - daher auch der Sonderschau-Titel. Man habe den Titel gewählt, weil die neue Herangehensweise "frühere Vorstellungen zur Völkerwanderungszeit verändert", wie NHM-Generaldirektorin Katrin Vohland erklärte. Zentral ist in der Ausstellung ein rundes Element, in dem die Erkenntnisse aus den Gräberfeldern aus dem Süden Wiens dargestellt werden. Denn diese hielten eine der größten Überraschungen bereit. So hätte man die Schau auch "Mödling und Leobersdorf schlafen nicht miteinander" nennen können, hieß es.

Tatsächlich zeigt das alte Erbgut, dass im heutigen Leobersdorf im 8. Jahrhundert großteils ostasiatisch-stämmige Menschen lebten und im heutigen Mödling eine Mischbevölkerung mit ausschließlich europäischer Herkunft ansässig war. Auf Basis der archäologischen Befunde wäre das niemals zutage getreten, denn beide Gemeinschaften schätzten etwa die gleichen "fancy Gürtelschnallen", so Vohland. Beide Gruppen teilten also die gleiche awarisch geprägte Kultur. Man sehe anhand dieses "spektakulären Ergebnisses", was "niemand vermutet hätte", so Pohl: "Kultur ist nicht biologisch determiniert." Das sei umso erstaunlicher, weil auch heutzutage immer wieder die Tendenz zu verspüren sei, Gemeinschaft biologisch zu definieren, so der Historiker.

Insgesamt liegt der Fokus auf dem Leben der einfachen Menschen in der wechselvollen "Völkerwanderungszeit" im Karpatenbecken bzw. der Pannonischen Tiefebene. Was Migration und Integration mit der Bevölkerung gemacht hat und wie sich Herrschaftsverhältnisse verändert haben, lässt sich heute auch anhand des Erbgutes nachzeichnen. Viele der dargestellten Erkenntnisse über die Hunnen, Langobarden, Goten, Slawen, Awaren und die römische Bevölkerung wurden in den vergangenen Jahren in hochkarätigen Fachjournalen vorgestellt. Jetzt sind sie Teil der Erzählung der neuen Ausstellung, in der auch dargestellt wird, dass die Zugehörigkeit zu einem "Volk" oder einer Gemeinschaft vielfach eben nicht unbedingt durch die genetische Herkunft bestimmt war, heißt es.

Mit dem Projekt "haben wir auf einmal ganz neues Lebensbild von früheren Gesellschaften bekommen", sagte Margit Berner von der Anthropologischen Abteilung des NHM und "HistoGenes"-Gruppenleiterin. Die rekonstruierten und nun möglichst anschaulich dargestellten Stammbäume zeigen Verbindungen über viele Generationen in der einstigen Grenzregion. An den Skeletten finden sich mancherorts kaum Verletzungen. Man lebte über 150 Jahre offenbar relativ friedlich. Das Bild "von kriegerischen Völkern" stimme nicht überall, so die Anthropologin.

Man sehe, dass unter Verwandten nicht geheiratet wurde, Frauen eher aus Gruppen von außerhalb kamen und Verwandte möglichst nebeneinander bestattet wurden, erklärte Doris Pany-Kucera, Anthropologin und Co-Kuratorin der Schau. In einer der acht Stationen um das Zentralelement herum wird auch das Thema "Kindheit" behandelt - am Beispiel eines sechs- bis achtjährigen Mädchens mit einem über sechs Generationen reichenden Stammbaum. Für Ingrid Hartl vom Institut für Mittelalterforschung der ÖAW ist es wichtig, dass die Schau "Interesse weckt und Spaß macht" - und möglichst auf Reisen geht. Die Finanzierung für eine Wanderausstellung sei aber noch nicht gesichert, sagte Hartl, die auch ein Kinderbuch mit Verbindung zur Ausstellung ("Das Glasperlenteam") gestaltet hat.

(S E R V I C E - https://www.nhm.at , www.histogenes.org , Sachbuch: "Das Glasperlenteam oder wie verschiedene Berufe gemeinsam Rätsel der Vergangenheit entschlüsseln", Ingrid Hartl (Hrsg.), Anna Stemmer-Dvorak, Tyrolia-Verlag, 48 Seiten, 25 Euro, ISBN: 978-3-7022-4389-0 )

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