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Historiker enttarnen viele NS-kontaminierte Bundesimmobilien

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Das angesprochene Gebäudeensemble in der Grazer Paulustorgasse
©Sima Prodinger, APA
Im Rahmen des Forschungsprojektes "Kontaminiertes Erbe?" hat die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) Gebäude aus ihrem Portfolio auf deren Nutzung in der NS-Zeit untersuchen lassen - und der "Geigerzähler der Geschichte", wie es die Historikerin Barbara Stelzl-Marx ausdrückte, hat vielfach angeschlagen. Nur zwei von 74 näher untersuchten Gebäuden wiesen keine "Kontamination" auf. Einige weitere Bauten sollen noch untersucht und die Erkenntnisse öffentlich gemacht werden.

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Bisher fehlte eine echte Gesamtanalyse der Nutzung von Liegenschaften, die sich heute im Immobilienportfolio befinden, für die Jahre 1938 bis 1945. Immer wieder ist die BIG als Eigentümer auf Zeugnisse verschiedener Verwendungen durch das NS-Terrorregime gestoßen. Das betraf vor allem Amtsgebäude. BIG-Immobilienexperte Peter Höflechner - auch Teil des Fachbeirats des am Donnerstag vorgestellten Pilotprojektes - hat diese Hinweise über viele Jahre hinweg akribisch gesammelt.

Diese Arbeit bildete den Grundstock für jene 74 Gebäude - der Fokus der Untersuchung lag auf Wien und seine Umgebung sowie Graz -, die das Historikerteam um die Leiterin des Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung (BIK) und Professorin an der Uni Graz, Stelzl-Marx, letztlich unter die Lupe genommen hat. Zwar gab es bei all diesen Liegenschaften Verdachtsmomente auf Bezüge zum nationalsozialistischen Unrechtsregime, bei 72 erhärteten sie sich auch, hieß es vor Journalisten.

Insgesamt zwischen 500 und 600 Immobilien im Portfolio könnten durch die Nazis genutzt worden sein, erklärten die BIG-Geschäftsführer Christine Dornaus und Gerald Beck. Diese steinernen "Zeitzeugen" durch Wissenschafterinnen und Wissenschafter sozusagen zu befragen, sei eine Art historische Verpflichtung gewesen. Rund 500.000 Menschen in ganz Österreich gehen jeden Tag in eines der 2.000 BIG-Gebäude hinein. Man wolle mit der Auseinandersetzung - angestoßen durch die frühere Direktorin des Jüdischen Museums, Danielle Spera - auch das Bewusstsein unter Mitarbeitern und Nutzern für die früheren Abläufe in den Liegenschaften heben.

Tatsächlich waren manche der Gebäude in der "dunklen Zeit" des NS-Regimes Schauplätze vielfältiger Verbrechen - viele ausgeführt von der willfährigen Justiz und dem Polizeiapparat. Hinter so manchen nur selten mit Hinweisen darauf versehenen Mauern "sind schreckliche Dinge passiert", betonte Spera, Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats des Projekts. So etwa im Gebäudeensemble in der Grazer Paulustorgasse. Dort sind heute u.a. Dienststellen der Landespolizeidirektion Steiermark untergebracht. In der NS-Zeit war es Sitz der berüchtigten Gestapo und ihres ebenso berüchtigten Gefangenenhauses. Heute findet man dort etwa ein "stylisches Restaurant", geht man aber mit mehr historischem Wissen durch das Eingangstor des ansprechenden Ensembles, könne sich die Gefühlslage mitunter ändern, so Dornaus.

Neben der Paulustorgasse haben sich die Historikerinnen und Historiker eingehender mit drei weiteren Orten beschäftigt. Wie groß "die Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche durch das NS-Regime war", zeigen diese beispielhaft: So etwa die durchaus schicken Büro- und Gastrogebäude in der Wiener Wollzeile 1-3. Zur NS-Zeit waren sie Sitz der "Mercurbank" und damit schon vor dem "Anschluss" Österreichs an Nazideutschland Teil des Netzwerkes der "inoffiziellen NS-Bank", der Dresdner Bank. Genauer analysiert hat man u.a. auch das heutige Bezirksgericht in südsteirischen Deutschlandsberg. Hier befanden sich damals Arrestzellen der SS, von denen aus noch kurz vor Kriegsende Menschen deportiert und in den Tod geschickt wurden, erklärte Stelzl-Marx: "Hier tickt der Geigerzähler sehr laut."

Die Forschenden fanden zu den Objekten jedenfalls eine Vielzahl an Dokumenten, die eben in den allermeisten Fällen zeigten, dass es NS-Verstrickungen gab. Offensichtlich offenbaren aber fast alle diese Liegenschaften ihre Historie dem vorbeiflanierenden Fußgänger aber nicht. Das will man in den Folgeprojekten in einigen Fällen ändern, so Stelzl-Marx und die BIG-Geschäftsführung. Näher wissenschaftlich analysiert werden, sollen fünf weitere Objekte.

Zudem will man die Öffentlichkeit möglichst breit über die Erkenntnisse informieren: Aufgebaut wird eine Onlinelandkarte mit den untersuchten Objekten und den neuen Informationen dazu. An den Liegenschaften werden zudem Infotafeln angebracht, bei denen man sich den aktuellen Wissensstand per QR-Code auf das Mobiltelefon holen wird können. Dazu kommen Informationsveranstaltungen oder Diskussionen in betroffenen Objekten. Mit alldem wolle man zur Erinnerungskultur beitragen. Das Projekt sei nicht "für die Schublade gedacht", sondern eher als Start in eine umfassende Aufarbeitung und Vermittlungstätigkeit zu sehen, betonte Beck.

Service: Link zur im Aufbau befindlichen Online-Landkarte: https://kontaminiertes-erbe-bik.lbg.ac.at/ , BIK-Website: https://bik.lbg.ac.at

GRAZ - ÖSTERREICH: FOTO: APA/Sima Prodinger/Sima Prodinger

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