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Volksschule dauert in der Hälfte der EU-Länder sechs Jahre

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Die Trennung der Kinder soll um zwei Jahre verschoben werden
©HELMUT FOHRINGER, APA, Themenbild
Im nächsten Herbst soll an mindestens fünf Standorten ein Schulversuch zur "sechsjährigen Volksschule" starten. Die Aufteilung auf Mittelschule und AHS-Unterstufe mit zehn Jahren "ist zu früh, Kinder entwickeln sich nicht alle im gleichen Tempo", begründete Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) seinen Vorstoß am Donnerstag. Herzstück des Modells ist eine enge Kooperation mit Mittelschulen und AHS-Unterstufen. Jetzt werden Freiwillige für den Schulversuch gesucht.

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Im Regierungsprogramm hat die schwarz-rot-pinke Koalition eigentlich eine "Erleichterung von Modellregionen für die Gemeinsame Schule der 10- bis 12- bzw. 14-Jährigen" angekündigt. In Wien wäre Bildungsstadträtin Bettina Emmerling (NEOS), Wiederkehrs Amtsnachfolgerin, dafür bereitgestanden. Doch die Ankündigung von Vorarbeiten des Ministeriums hatte im Frühjahr in der Volkspartei für Irritation gesorgt. "Das Gymnasium steht für die ÖVP nicht zur Disposition", wurde betont. Der am Donnerstag angekündigte Schulversuch ist mit den Koalitionspartnern ÖVP und SPÖ nicht abgestimmt. Für Schulversuche sei er als Minister alleine zuständig, stellte Wiederkehr auf Nachfrage klar. Bei positiven Ergebnissen der Begleitstudie wären in einem nächsten Schritt dann auch Modellregionen möglich.

Die Volkspartei reagierte am Donnerstag auch auf den geplanten Schulversuch skeptisch, ÖVP-Bildungssprecher Nico Marchetti sprach in einer Aussendung von einem "neuen Türschild" ohne echten Mehrwert. Auch für die Initiative "Pro Gymnasium" sind zusätzliche Jahre in der Volksschule "keine Antwort auf fehlende Grundkompetenzen". Die FPÖ ortete gar einen "ideologischen Kniefall vor der Mittelmäßigkeit". Der Arbeiterkammer geht das Modell wiederum nicht weit genug, sie forderte stattdessen eine Gesamtschule für Zehn- bis 14-Jährige. Wiens Bildungsstadträtin Emmerling appellierte unterdessen an Wiener Schulen, sich für den Schulversuch zu bewerben und versprach ihnen Unterstützung.

Derzeit dauert die Volksschule in Österreich vier Jahre, mit zehn Jahren müssen sich die Kinder zwischen Mittelschule und - ausreichend gute Noten vorausgesetzt - AHS-Unterstufe entscheiden. In Österreich haben Bildung und Finanzen der Eltern allerdings besonders starken Einfluss auf die Bildungschancen der Kinder, betonte Wiederkehr bei der Pressekonferenz. Die Wahl des Schultyps habe oft weniger mit den tatsächlichen Leistungen der Kinder zu tun als mit der sozialen Herkunft.

Eine Verlängerung der Volksschulzeit sei deshalb "vor allem eine Frage der Chancengerechtigkeit", derzeit würden die Kinder in Österreich früher getrennt als in fast allen anderen Ländern der EU. Eine Aufteilung erst mit zwölf soll den Schülerinnen und Schülern zwei zusätzliche Jahre bringen, um in vertrauter Lernumgebung ihre Stärken zu entwickeln. Ein späterer Wechsel und sanfterer Übergang soll außerdem Druck herausnehmen und eine "informiertere" Entscheidung über den weiteren Schulweg ermöglichen: "Ziel ist ein Schulsystem, das Kinder nicht schon mit zehn Jahren schubladisiert."

Die "sechsjährige Volksschule" soll im Schuljahr 2027/28 zunächst an mindestens fünf ausgewählten Standorten in wenigstens drei Bundesländern freiwillig erprobt und dabei wissenschaftlich begleitet werden. Ein weiterer Durchgang ist im Jahr darauf geplant. Für Wiederkehr ist dabei wichtig, dass sich auch Gymnasien beteiligen, um aussagekräftige Evaluierungsergebnisse zu den Auswirkungen der verlängerten Volksschule etwa auf Schulwahl, Chancengerechtigkeit und Leistung zu erhalten.

Interessierte Volksschulen können sich bis 16. Oktober melden, es können auch nur einzelne Klassen am Pilotprojekt teilnehmen. Voraussetzung ist die Zustimmung der Lehrer- und Elternvertretung am Standort und der Eltern und Lehrer der betroffenen Klassen sowie eine gesicherte Kooperation mit einer benachbarten Schule der Sekundarstufe I (Mittelschule, AHS-Unterstufe).

Schon vor dem heutigen Startschuss hätten sich Schulen aus mehreren Bundesländern beim Ministerium gemeldet, zeigte sich Wiederkehr optimistisch. Eine Möglichkeit wäre auch, den Schulversuch an den Praxis-Volks- und Mittelschulen durchzuführen, die zu den dem Ministerium unterstellten Pädagogischen Hochschulen (PH) gehören. Eine Weisung zur Teilnahme werde es von ihm aber nicht geben, stellte Wiederkehr klar.

Inhaltlich gehe es beim Schulversuch nicht darum, einfach zwei Jahre an die Volksschule dranzuhängen, betonte Wiederkehr. Die Idee: Die Kinder lernen den Stoff der zwei zusätzlichen Jahre ("Grundstufe III") im gewohnten Klassenverband, die Klassenlehrerin bleibt die gesamte Zeit über als wichtigste Bezugsperson erhalten und der Übergang zur Sekundarstufe wird fließend gestaltet. Für den Übertritt in die 3. Klasse Mittelschule oder AHS-Unterstufe gibt es eine Platzgarantie, bei AHS-Reife ist ein Platz im Gymnasium laut dem Minister sicher.

Im Detail sind in der 1. und 2. Klasse bei der "sechsjährigen Volksschule" keine Änderungen im Vergleich zum Regelsystem vorgesehen. Im 3. und 4. Jahr stehen bereits punktuell Mittelschul-oder AHS-Lehrer der Partnerschulen in der Klasse und in der 5. und 6. Schulstufe gibt es dann - genau wie im Regelsystem - Unterricht durch Fachlehrer nach dem Lehrplan der Sekundarstufe I. Ihre bisherige Klassenlehrkraft bleibt den Kindern aber auch in der "Grundstufe III" für vier bis sieben Stunden pro Woche als Klassenvorstand erhalten und unterrichtet sie zusätzlich im neuen Pflichtfach "Persönlichkeitsbildung".

Dort sollen Selbstvertrauen und Resilienz gefördert und die Kinder auf den nächsten Bildungsabschnitt vorbereitet werden, schon in den ersten vier Jahren soll "Persönlichkeitsbildung" laut Plan des Ministeriums in alle Gegenstände "eingewoben" werden. Außerdem ist im Schulversuch durchgehend "individualisierte Förderung und kontinuierliche Unterstützung im Erwerb der Grundkompetenzen" vorgesehen. Dafür gibt es im Schulversuch auch zusätzliche Ressourcen, konkret vier Stunden in der 5. und 6. Schulstufe etwa für Förderung in Kleingruppen. Auch für das Fach "Persönlichkeitsbildung" gibt es extra Mittel. Eine mögliche flächendeckende Umsetzung der "sechsjährigen Volksschule"wäre dem Minister zufolge trotzdem "ressourcenneutral" umsetzbar.

Räumlich kann der Unterricht im 5. und 6. Schuljahr entweder am Volksschulstandort direkt stattfinden oder in der Partner-Mittelschule bzw. AHS. Zweitere Variante würde den Volksschulen die Suche nach Räumlichkeiten für zwei zusätzliche Jahrgänge ersparen. Am Ende der beiden Jahre bekommen die Kinder unabhängig vom Schulstandort ein AHS- bzw. Mittelschul-Zeugnis mit einem Vermerk des Schulversuchs. Im Zeugnis müssen außerdem Ziffernnoten stehen, egal wie die Leistungsbeurteilung der Partner-Volksschule in den ersten vier Jahren ausgesehen hat.

(S E R V I C E - https://data.europa.eu/doi/10.2797/212303 )

++ THEMENBILD ++ Illustration zum Thema Schule / Schulbeginn. Im Bild: Der Schriftzug Volksschule aufgenommen am Dienstag, 29. August 2023, im Bezirk St. Pölten Land in Niederösterreich. Die Sommerferien neigen sich dem Ende zu. Am 4. September startet der Unterricht für SchülerInnen und LehrerInnen in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland, in den übrigen Bundesländern ist es am 11. September so weit.

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