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In ihrer täglichen Arbeit sehe sie "so starke Abhängigkeiten vom Bildschirm", argumentierte die Primaria der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hall und Direktorin der Innsbrucker Universitätsklinik für Psychiatrie im Kindes- und Jugendalter, bei dem Medientermin anlässlich des 12. Kinder- und Jugendpsychiatrie-Kongresses in der Tiroler Landeshauptstadt, ihre Meinung zum Social-Media-Verbot. Das ständige Vergleichen im Internet würde oft dazu führen, dass der eigene Körper nicht angenommen werde - insbesondere Mädchen seien davon betroffen.
Nach dem Amoklauf an einer Schule in Graz im Vorjahr sei besonders aufgefallen, dass Kinder und Jugendliche mit "verstörenden Bildern und Videos" konfrontiert waren. Im Anschluss hatte sich indes eine politische Debatte über ein mögliches Social-Media-Verbot entzündet. "Ein hoher Medienkonsum geht mit mehr psychischen Erkrankungen einher", hielt Sevecke fest. Das Recherchieren von Nachrichten und Fakten würde dagegen einen positiven Effekt auslösen.
Für Thomas Lackner, leitender Psychologe an der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hall, wäre es mit einem Verbot alleine jedoch nicht getan. Kinder und Jugendliche bräuchten die Diskussion über "Grenzen". "Erwachsene müssen sich verantwortlich fühlen für Kinder und Jugendliche", nahm er die Eltern stark in die Pflicht. Es gelte insgesamt, Familien zu "stärken". Lange vor der Corona-Pandemie habe es nämlich tiefgreifende Veränderungen in den Familienstrukturen gegeben. Eltern seien oftmals "kaum in der Elternrolle" und hätten "keine Energie" für ihre Kinder.
In der Versorgung orteten die beiden Experten indes Aufholbedarf. Der Ausbau der stationären Plätze im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Rahmen des von der schwarz-roten Tiroler Landesregierung kürzlich aufgelegten "Regionalen Strukturplan Gesundheit 2030" sei zwar "passend", sagte Sevecke. Allerdings brauche es im Hometreatment mehr Kapazitäten, nachdem die Wartezeit für einen stationären Platz noch immer vier bis sechs Monate betrage. Eine stationäre Aufnahme sei "ein großer Schritt", gab Lackner zu bedenken. In der Betreuung zu Hause könne die Zeit an der Klinik "angebahnt" oder im besten Fall sogar vermieden werden. Zudem würde man durch den "niederschwelligen und flexiblen Zugang" mehr Familien erreichen.
Neben dem privaten Bereich bildet laut den Medizinern die Schule eine wichtige Säule zur Stärkung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. "Es wird viel getan. Aber es könnte an den Schulen mehr getan werden", hielt Sevecke fest. Als Beispiele nannte sie etwa Aufklärungsprogramme, Stressmanagement oder mehr Bewegung. Sport würde Stress deutlich abbauen. Bei einem Zusammenwirken von Schule, Gesellschaft und Familie könnten "weitreichende Effekte" erzielt werden. Dem schloss sich Lackner an, der eine Weiterentwicklung der Schulsozialarbeit befürwortete.
Laut aktuellen Zahlen fühlen sich circa 40 bis 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen hierzulande psychisch belastet. Besonders betroffen seien sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche sowie Kinder psychisch belasteter Eltern. Für Sevecke war die "Generation Alpha" - also jene Kinder, die seit 2010 geboren wurden - die "vulnerable Gruppe" der aktuellen Zeit. Früher seien Erwachsene ab dem Pensionsalter am stärksten von Belastungen betroffen gewesen.
