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Im September haben die ESA-Mitgliedstaaten in Paris einen "Aufruf zur Dynamisierung der europäischen Weltraumexploration" verabschiedet. Hierin finden sich erste Andeutungen, wohin die Reise gehen könnte: "Der niedrige Erdorbit ist ein Tor zu Wissenschaft, Forschung, Innovation und wirtschaftlicher Aktivität", heißt es darin etwa. Die Internationale Raumstation ISS nähere sich dem Ende ihrer Lebenszeit, "der Aufbau einer wettbewerbsfähigen europäischen Kapazität für den Transport von Astronauten wäre ein weiterer entscheidender Schritt, um unsere technologische und industrielle Basis zu stärken, den Zugang zu sichern und Europa als zentralen Akteur zu positionieren, der die Möglichkeiten in der Umlaufbahn mitgestaltet".
"Die USA, Russland und China fliegen Astronauten in den Weltraum", so Aschbacher. Europa habe die notwendige Exzellenz, auch "wir können das tun". Bisher flogen ESA-Astronauten bei den führenden Nationen, vor allem den USA, mit. Eigene dafür geeignete Vehikel fehlen derzeit noch. Für die ESA-Zwischentagung der Ministerebene in Rom im Dezember arbeitet Aschbacher derzeit einen Vorschlag aus, wie die autonome bemannte Raumfahrt in einer ersten Phase aussehen könnte, nämlich Astronautenflüge in den "lower orbit als ersten Schritt". Wenn der Vorschlag angenommen würde, "wäre das eine historische Entscheidung", so der ESA-Chef. Und es könnte den Weg ebnen, später auch einmal selbstständig zum Mond zu fliegen.
Um ein Trägersystem für Astronauten zu bauen, veranschlagt der aus Tirol stammende ESA-Direktor grob zehn Milliarden Euro über die nächsten zehn Jahre verteilt. Wolle man, wie bisher, eher ausländische Dienstleistungen nutzen, ginge es in etwa um fünf Milliarden Euro im gleichen Zeitraum. Für den Start bemannter Raketen eigne sich durchaus der europäische Weltraumbahnhof in Kourou in Französisch-Guyana.
Die europäische Idee von mehr Autonomie in der bemannten Raumfahrt gewinnt auch vor dem Hintergrund an Profil, als dass sich das bisherige Modell des Transports auch mittel- bis langfristig wohl ändert: Das US-Raumfahrtunternehmen SpaceX fokussiere strategisch immer mehr auf den Einsatz von "Starship" anstelle der "Falcon 9", so Aschbacher. Was bleibt, ist also eine große Unsicherheit.
Der NASA-Kurswechsel vom ursprünglich geplanten "Lunar Gateway" hin zu einer Mondbasis sei ebenso als eine Art Weckruf einzuordnen. "Europa will autonomer werden." Doch auch abseits der Astronautenflüge gehe es um die Stärkung Europas. So spiele die robotische Raumfahrt bei der Weltraumexploration hinein: "Das geht Hand in Hand. Maschine und Mensch arbeiten ja enger und enger zusammen."
"Wenn man sich in Zukunft die Exploration des Mondes vorstellt und den Aufbau der Mondbasis, dann geht es auch um Maschinen, die autonom gesteuert werden, die wahrscheinlich mit Künstlicher Intelligenz agieren werden und die dort autark arbeiten. Natürlich wird es auch Astronauten geben, die das Ganze mitbedienen und eine ganz andere Dimension hinzufügen." Die Ministerebene in Rom entscheide über beides, so Aschbacher, die bemannte Raumfahrt sowie Robotik.
Seine ferne, "sehr bildliche" Vision für den Mond: "Die NASA wird ihre Station aufbauen, ein Habitat für Astronauten haben und Experimente durchführen. Europa wird das Gleiche machen, aber für seine Zwecke. Und Europa wird natürlich mit der NASA zusammenarbeiten. Wir werden uns vielleicht Stromproduktion teilen, oder einer kauft vom anderen. Wir haben Kommunikation. Wir werden uns gegenseitig unterstützen wie auf der Erde." Aber es gebe natürlich Elemente, die nebeneinander existieren - auch von jenen ganz anderer Staaten wie etwa China, die ebenso den Mond im Fokus haben.
An Europas Zusammenarbeit im globalen Wettbewerb appellierte der ESA-Direktor bereits am Mittwoch bei seiner Keynote bei den erstmalig abgehaltenen "Austrian Space Days" am Standort Flughafen Wien in Schwechat: "Europa steht unter Druck." Notwendig seien finanzielle Mittel, eine Entbürokratisierung und "ein Quantensprung in Bezug auf Innovation". Die verstärkt wahrzunehmende Fokussierung einzelner Länder auf eigene Satellitenprogramme sei, bei allem Verständnis für staatliche Souveränität, kritisch zu sehen, wenn die Satellitensysteme letztlich nicht kompatibel sind. In Europa habe man 23 Mitgliedsländer in der ESA, 27 in der EU. Er warnte vor Fragmentierung.
Am Beispiel des Satellitennetzwerkes von SpaceX: Starlink dominiere aktuell den Weltmarkt bei satellitengestützten Internetsignalen und Kommunikation. "Es ist ganz klar, dass hier ein Land den Weltmarkt beherrscht. Und wenn Europa jetzt zehn eigene Systeme aufbaut, wird es nicht konkurrieren können. Deshalb muss sich Europa stärken, um sich auch gegen andere, internationale Akteure behaupten zu können, die ja global arbeiten."
Ebenso ein Punkt auf Aschbachers To-Do-Liste sind Verhandlungen mit der NASA: Man hatte mit der US-Raumfahrtagentur vereinbart, "Lunar Gateway" mit aufzubauen, auch das "European Service Module" bereitzustellen und im Gegenzug drei Flüge zum Gateway zu erhalten. Nach dem Gateway-Aus müsse man die Verhandlungen wieder von Neuem beginnen: "Meine Forderung an die NASA war, dass wir dafür über Flüge zur Mondoberfläche verhandeln. Und genau das machen wir jetzt", so der Experte, der zugleich auf die gute Zusammenarbeit mit der NASA als "unser stärkster Partner" verweist.
Konkrete Einbußen für die ESA sieht Aschbacher nicht: "Natürlich haben wir Geld in Technologieentwicklung investiert, die wir jetzt aber anderweitig verwenden können." Es sei damit nicht verloren, es könnte letztlich auch der angestrebten Autonomie der ESA zugutekommen.
Auf das aktuelle ESA-Jahr blickt der seit 2021 der Agentur vorstehende Generaldirektor sehr zufrieden. Von den für 2026 geplanten rund 65 Missionen und Satelliten seien bereits 30 gelauncht worden. Man sei "sehr beschäftigt" gewesen. Unter anderem flog die Trägerrakete Ariane 6 erstmals mit vier Feststoff-Boostern ins All.
Beim ESA-Projekt "Ariane Next" - dem geplanten wiederverwendbaren Nachfolger der Ariane 6 - wurden bereits vier Kandidaten im Rahmen der ausgeschriebenen "Challenge" vorausgewählt: zwei aus Deutschland, einer aus Spanien und einer aus Frankreich. Nun stehen weitere Tests an. Hier gehe es um die stufenweise Weiterentwicklung bis letztlich hin zur Schwerlastrakete, die 20 Tonnen oder mehr transportieren kann. Aschbacher: "Es heißt immer, Europa ist langsam - überhaupt nicht. Wir sind auf einem guten Pfad."
Und über Europas Zukunft diskutiert Aschbacher auch schon bald wieder in Österreich, nämlich als Gastredner bei der Jahreskonferenz des "European Space Policy Institute" (ESPI) Anfang kommender Woche (19. bis 20. Oktober) in Wien.
(S E R V I C E - https://www.esa.int/ ; https://austrianspacedays.com/ ; ESPI-Konferenz: https://www.espi.eu/events/ac20/ ; Aufruf der ESA-Mitgliedstaaten: https://go.apa.at/ZavMYkvu )
SCHWECHAT - ÖSTERREICH: FOTO: APA/Lena Yadlapalli
