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Seit 1995 beobachteten Forschende im Kibale-Nationalpark von Uganda die mit rund 200 Tieren - Erwachsene und Junge - mit Abstand größte Gruppe wild lebender Gemeiner Schimpansen (). Zum Vergleich: Alle anderen bekannten Gruppen umfassen - teils deutlich - unter 100 Tiere. Einen Grund für die beispiellose Gruppengröße nennt Roman Wittig von der Forschungsorganisation CNRS in Lyon, der nicht an der Studie beteiligt war: "Die Ngogo-Schimpansen haben von 1999 bis 2010 eine benachbarte Gruppe fast komplett ausgelöscht und viele der verbliebenen Weibchen integriert."
Bis 2015 verzeichnete das Team um Aaron Sandel von der University of Texas in Austin innerhalb der Gruppe wechselnde Allianzen, Freundschaften und Hierarchien - wie bei anderen Schimpansen-Gruppen auch. Den ersten Hinweis auf ein Zerwürfnis beobachtete das Team am 24. Juni 2015: Da trafen im Zentrum des Territoriums zwei Lager aufeinander - eines aus dem westlichen, das andere aus dem zentralen Areal. Dabei ergriffen die westlichen Schimpansen die Flucht, verfolgt von den anderen. "Es folgte eine sechswöchige Phase der Meidung", schreibt das Team. "Eine so lange Meidungsphase war vorher nicht beobachtet worden."
Darauf folgte eine zunehmende Polarisierung: Ab 2016 starteten Männchen der westlichen Gruppe Patrouillengänge, ab 2017 reagierte das andere Lager seinerseits mit Patrouillen, erste Kämpfe folgten. Schließlich nutzten beide Gruppen separate Gebiete. "Aus dem Zentrum eines gemeinsamen Territoriums war eine Grenze geworden", schreiben die Autoren. Die Schimpansen vermehrten sich nur noch innerhalb ihres eigenen Lagers.
2018 war die Spaltung besiegelt: Die westliche Gruppe bestand aus zehn Männchen und 22 Weibchen ab zwölf Jahren, die zentrale Gruppe aus 30 Männchen und 39 Weibchen. Danach eskalierte die Gewalt. Alle beobachteten Angriffe gingen von der kleineren Gruppe aus.
In sieben Fällen wurde das angegriffene Männchen getötet. 2021 folgte die nächste Eskalationsstufe: Nun wurden auch junge Schimpansen zum Ziel. Bis 2024 töteten westliche Schimpansen 17 Jungtiere. Zudem verschwanden 14 weitere Schimpansen der zentralen Gruppe spurlos.
Die Entwicklung erinnert an einen Bericht der Primatenforscherin Jane Goodall aus den 1970er-Jahren aus Tansania: Dort hatten nach der Spaltung eines Verbands Schimpansen im Lauf von vier Jahren ein Weibchen und alle vier Männchen der konkurrierenden Gruppe getötet. Allerdings galt der Fall als Anomalie - auch weil die Affen teilweise gefüttert wurden.
Genetische Untersuchungen deuten laut Sandel und Kollegen darauf hin, dass dauerhafte Aufspaltungen von Schimpansengruppen überaus selten sind. In einem "Science"-Kommentar berichtet James Brooks vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen von einer Spaltung einer Gemeinschaft von Bonobos () vor fast 50 Jahren in der Demokratischen Republik Kongo, allerdings ohne ausufernde Gewalt: Beide Bonobo-Gruppen koexistieren demnach bis heute.
Sandel und Kollegen heben Faktoren hervor, die zu der Gewalt beigetragen haben könnten - darunter die schiere Gruppengröße. "Mit fast 200 Individuen, darunter mehr als 30 ausgewachsene Männchen, überstieg die Gruppe der Ngogo-Schimpansen die Größe anderer Gruppen und überdehnte möglicherweise die Kapazität zur Aufrechterhaltung von Beziehungen."
Das glaubt auch Wittig. "Bei zunehmender Anonymisierung zwischen den Mitgliedern sind andere Strukturen erforderlich, die es bei Schimpansen nicht gibt", sagt der Direktor des Taï Chimpanzee Projects an der Elfenbeinküste.
Auch das Team um Sandel hebt die Bedeutung persönlicher Verbindungen zwischen den Lagern hervor: Kurz vor der Spaltung, 2014, waren sechs ausgewachsene Schimpansen gestorben. Möglicherweise hätten die Todesfälle die sozialen Bande zwischen Untergruppen geschwächt. Und Anfang 2017 starben 25 Schimpansen - davon 14 ausgewachsene Tiere - bei einer Epidemie. Eines der Männchen war in der westlichen Gruppe eines der letzten Tiere, das noch Kontakte zur anderen Gruppe unterhielt. Sein Tod könne die Eskalation beschleunigt haben, heißt es.
"Im Fall der Ngogo-Spaltung wurden Individuen, die zusammen gelebt, gefressen, sich gepflegt und patrouilliert hatten, zum Ziel tödlicher Angriffe wegen ihrer neuen Gruppenzugehörigkeit", schreiben die Autoren. "Dies unterstreicht, dass Schimpansen einen Sinn für Gruppenidentität haben, der über Vertrautheit oder deren Fehlen hinausgeht."
Die Beobachtung widerspreche gängigen Theorien zu Ursachen von Kriegen bei Menschen, die demnach von kulturellen Faktoren wie Sprache, Religion, ethnischer oder politischer Zugehörigkeit abhängen. Wenn man sich auf solche kulturellen Faktoren konzentriere, übersehe man grundlegende soziale Prozesse, die menschliches Verhalten prägten - und die es auch bei den nächsten Verwandten des Menschen gebe.
Lassen sich die Erkenntnisse auf Menschen übertragen? Der Experte Wittig betont, dass Schimpansen und Bonobos nicht nur die nächsten lebenden Verwandten des Menschen sind. Sie seien sogar enger mit Menschen verwandt als mit Gorillas. Daher seien Erkenntnisse zu ihrem Verhalten grundlegend, "um zu verstehen, wo wir herkommen". Menschen könnten daraus lernen, betont auch Erstautor Sandel: "Möglicherweise finden sich Gelegenheiten für Frieden in den kleinen, täglichen Handlungen von Versöhnung und Begegnung zwischen Individuen."
Das gilt offenbar besonders für große Gesellschaften. "Beziehungen über Grenzen hinweg sind ganz, ganz wichtig", antwortet Wittig und nennt als Beispiel die Verbindung zwischen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem französischen Präsidenten Charles de Gaulle nach dem Zweiten Weltkrieg. "Wir können lernen, dass persönliche Beziehungen einen wichtigen Austausch bringen können - zwischen Gruppen, Nationen, Blöcken."
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