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Andreas Dresen: "Gewohntes weiß man oft nicht zu schätzen"

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Andreas Dresen mag es, im Alltag herum zu rühren
©Afp, John MACDOUGALL, APA
Andreas Dresen, Deutschlands Filmspezialist für das subtil Zwischenmenschliche und Charaktere, die einem vertraut sind wie Familienmitglieder, legt mit "Alte Liebe" sein neues Werk vor. Die Romanverfilmung über ein gealtertes Paar läuft ab Freitag (23. Oktober) in den Kinos. Aus diesem Anlass sprach der 63-jährige Regisseur mit der APA über das Herumrühren im Alltag, Beziehungsfundamente, auf denen man trampeln kann, und die Opulenz der psychologischen Welt seiner Figuren.

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APA: Wie sind Sie zu "Alte Liebe" gekommen? Hatten Sie den Roman gelesen oder wurde er Ihnen zugetragen?

Andreas Dresen: Ich kannte das Buch tatsächlich noch nicht, als es mir von den ProduzentInnen geschickt wurde. Sie hatten sich schon kurz nach dem Erscheinen 2009 die Option gesichert und bereits mit mehreren Teams an einem Drehbuch gearbeitet. Irgendwann haben sie halt auch mich gefragt. Ich habe den Roman dann gelesen und fand ihn wirklich schön und auch sehr lustig. Ich mochte diesen Humor, diesen lakonischen, fast Loriot-haften Sprachwitz. Aber ich hatte leider keine Zeit.

APA: Hat der Stoff für Sie mit Anfang 50 vielleicht auch einfach noch nicht gepasst? Anders als jetzt, zehn Jahre später?

Dresen: Wahrscheinlich auch. Ich habe mit "Wolke 9" ja schon mal einen Film über ältere Menschen gemacht, in dem Fall über Liebe und Sexualität. Das ist vor 20 Jahren gewesen - da musste ich tatsächlich noch ganz schön recherchieren. Das wäre jetzt kein Problem mehr. (lacht) Und sicher schaue ich mit 63 jetzt auf einen Stoff wie "Alte Liebe" mit anderen Augen. Ich habe zwar nicht 40 Jahre in einer Beziehung geschafft, aber kenne doch viele Fragen, die sich diese Figuren stellen.

APA: "Alte Liebe" ist ein Roman, der von kleinen Beobachtungen und Dialogen lebt, nicht von Handlung. Das erscheint auf den ersten Blick filmisch gar nicht so leicht umsetzbar.

Dresen: Es passiert tatsächlich sehr wenig, das Buch hat keinen klassischen Plot. Aber meine Drehbuchkollegin Laila Stieler und ich mögen das dreiaktige US-Dramaturgieschema sowieso nicht. Wir machen gerne Geschichten, die scheinbar nur im Alltag herumrühren. Denn da findet man genau die Dinge, die interessant sind. Wir haben im Vergleich zum Roman für den Film sogar noch ein paar Handlungselemente reduziert, weil wir nicht in die Falle tappen wollten, eine kleine Geschichte künstlich aufzublasen. Wir haben genau das Gegenteil gemacht und sie geschrumpft. Für uns liegt die Opulenz der Erzählung in der Opulenz der psychologischen Welt der beiden Figuren.

APA: Wenn Sie auf die Beziehung der beiden Hauptfiguren Lore und Harry blicken, die seit Jahrzehnten ein Paar sind: Überwiegt für Sie persönlich das Tröstliche der Vertrautheit zwischen den beiden oder die eingeschliffenen Muster des Konflikts?

Dresen: Es ist beides. Zu Beginn des Films treffen wir sie in einem Zustand, in dem Lore mit der bevorstehenden Pensionierung hadert, weil sie sich nicht vorstellen kann, ein Leben ohne Arbeit zu führen und sich unentbehrlich fühlt. Wie wir alle, wenn wir immer denken: "Wenn ich meinen Platz räume, dann bricht die Welt zusammen." Kein Problem dagegen für Harry, er ist eben ein typischer Vertreter seines Geschlechts. Männer sind wahrscheinlich ein bisschen genügsamer und auch bequemer. Die stellen sich bestimmte Fragen lieber erst gar nicht. Harry reichen seine Zigarre, sein Kaffee und sein Garten - dann ist die Welt in Ordnung.

APA: Und doch ist das Gefühl zwischen den beiden stets liebevoll ...

Dresen: Auch wenn es häufig bei ihnen ganz schön knallt, ist die Liebe als Grundierung immer da. Leider nehmen sie das gar nicht mehr wahr. In langen Beziehungen kann man sich ja durchaus Gemeinheiten an den Kopf werfen und dann anschließend doch wieder sehr liebevoll miteinander umgehen. Dass man wieder in diesen Modus der Normalität zurückfindet, macht ein Zusammenleben überhaupt erst möglich. Irgendwann erkennen Lore und Harry den Wert ihrer Beziehung wieder. Gewohntes weiß man eben oft nicht mehr zu schätzen und sucht immer nur nach dem Haar in der Suppe. Das ist ja nicht nur in Beziehungen so, sondern auch in der Gesellschaft. Das ist bitter und auch sehr zerstörerisch. Irgendwann stirbt Lores Mutter, was sie in eine tiefe Krise stürzt, in der Harry auf sehr schöne Art für sie da ist. Da kommt plötzlich die Beziehungswippe wieder ins Gleichgewicht, und die beiden merken, was ihr Fundament ist. Auf dem kann man schon mal rumtrampeln, aber so leicht geht es eben nicht kaputt.

APA: Sie sind bekannt für Improvisationen beim Dreh, was bei einer Literaturadaption wie "Alte Liebe" aber schwieriger ist, nehme ich an?

Dresen: Wir haben tatsächlich nicht viel improvisiert. Das meiste ist wirklich ganz straff geschriebener Dialog, denn in dieser Geschichte braucht es ein gewisses Tempo und Sprachwitz, den man in der Improvisation nicht so ohne weiteres hinbekommt. Aber natürlich gibt es immer Dinge, die von den Schauspielern eingebracht werden. Es gibt zum Beispiel eine Stelle, da duscht Lore im Pflegeheim ihre demente Mutter und klagt ihr Leid. Und da dreht sich Liane Düsterhöft als Mutter in einem Take plötzlich um und schaut Dagmar Manzel an. Und Dagmar hat zum Glück auf grandiose Weise nicht nur mitgespielt, sondern begonnen zu weinen. Das war ein magischer Moment und ist jetzt eine der Schlüsselszenen des ganzen Films, obwohl sie nicht im Drehbuch stand. Das ist ein einziges Mal zwischen den beiden Schauspielerinnen passiert und war ein großes Geschenk.

APA: Eine weitere Änderung im Vergleich zur Vorlage ist die Akteinteilung in die vier Jahreszeiten. Weshalb?

Dresen: Die Jahreszeiten beschreiben den Kreis des Lebens, die ewige Wiederkehr. Aber auf Frühling, Sommer und Herbst folgt halt irgendwann auch der Winter. Eine Beziehung lebt auch vom Alltag, und der kommt durchaus mal wortlos daher, es gibt Rituale, Wiederholungen. Aber alles ist eben auch endlich, dessen sollte man sich immer bewusst sein und nicht anderswo nach dem Glück suchen, obwohl man es vielleicht ganz in der Nähe findet.

APA: Ist das eine Botschaft, die Sie mit "Alte Liebe" von Beginn weg im Kopf hatten? Oder gehen Sie so nicht an Ihre Projekte heran?

Dresen: Billy Wilder hat einmal auf die Frage geantwortet, ob er eine Botschaft habe: "Dann wäre ich Briefträger geworden." Das finde ich ziemlich lustig. Wenn ich einen Roman lese, dann bringt der im Idealfall etwas in mir zum Schwingen. Und wenn ich Lust habe, mich damit zu beschäftigen, dann gehe ich dem nach. So entsteht nach und nach eine ganz eigene Welt. Auch jeder Zuschauer sieht unsere Geschichte mit seinen eigenen Erfahrungen und wird anderes entdecken. Möge er sich das rausnehmen, was für ihn gut und wertvoll ist. Ich will da gar keine große Interpretationshilfe geben.

APA: Was die Rezeption Ihrer Werke aber eint, ist der Umstand, dass das Gefühl einer unglaublichen Authentizität dominiert, dass Ihre Figuren einem so nahe kommen wie ein Familienmitglied. Wie schaffen Sie das?

Dresen: Ich glaube, das ergibt sich einfach. Stil ist ja nicht etwas, das man vor sich herträgt. Aber was ich natürlich nie ausblenden kann, bin ich selbst. Ich messe die Dinge, die ich vor der Kamera sehe, mit meiner eigenen Lebenserfahrung und sage Schauspielern, wenn ich ihnen etwas nicht glaube, und versuche, ihnen zu helfen, wenn ich das kann. Und so entsteht etwas aus der eigenen Seele, der Herkunft heraus. Mal gelingt es besser und mal weniger.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

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