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Es gebe eine "hochgradige soziale und regionale Ungleichverteilung des Vorschulbesuchs", schreibt Autor Mario Steiner in seinem Beitrag in der "Österreichischen Zeitschrift für Soziologie". Problematisch ist das nicht nur, weil man durch die Zuteilung ein Schuljahr verliert. Die Studie, für die sich Steiner die Entwicklung der Schuleintrittskohorte von 2006/07 (rund 83.500 Kinder) über 15 Jahre hinweg angesehen hat, zeigt auch einen deutlichen Zusammenhang zwischen Vorschulbesuch und einer weniger erfolgreichen Bildungslaufbahn.
Laut Schulpflichtgesetz ist die Vorschule eigentlich nur für Kinder gedacht, deren Entwicklungsstand verzögert ist (etwa bei Aufmerksamkeitsvermögen, Sprachverständnis, Grob- und Feinmotorik, sozial-emotionale Reife) oder die dem Unterricht der ersten Schulstufe nicht ohne besondere Sprachförderung folgen können. Ob ein sechsjähriges Kind tatsächlich in der Vorschule landet, hängt allerdings stark von seinem Heimatbundesland ab. Zuletzt (2022/23) reichte die Spanne von einem Prozent in der Steiermark bzw. dem Burgenland bis 26 Prozent in Salzburg.
Kinder mit Migrationshintergrund oder mit Eltern mit geringer formaler Bildung besuchen über alle Bundesländer hinweg öfter die Vorschule, die regionalen Schwankungen sind aber laut Steiner auch hier "enorm". So ist die Wahrscheinlichkeit, einer Vorschulklasse zugewiesen zu werden, für Kinder von Pflichtschulabsolventen je nach Bundesland drei- bis siebenmal höher als bei Akademikerkindern.
Die Daten zeigen laut dem IHS-Forscher außerdem, dass der Vorschulbesuch und eine weniger erfolgreiche Bildungslaufbahn zusammenhängen, selbst wenn Faktoren wie Bildung der Eltern, Migrationshintergrund oder soziale Durchmischung der in der Mittelschule oder AHS-Unterstufe besuchten Schule herausgerechnet werden. So haben die ehemaligen Vorschüler später deutlich öfter höchstens einen Pflichtschulabschluss und seltener die Matura - unabhängig davon, ob sie das Jahr in einer separaten Vorschulklasse oder integrativ in einer ersten Klasse Volksschule nach dem Vorschullehrplan unterrichtet wurden.
Für Steiner sind die Ergebnisse ein weiterer Beleg dafür, dass "leistungshomogene Schulformen" wie die Vorschule soziale Ungleichheit verschärfen. Seine Untersuchung könne zwar nur Zusammenhänge und nicht Ursachen aufzeigen und bei Kindern, die der Vorschule wegen Entwicklungsrückständen zugewiesen wurden, seien schlechtere Bildungsergebnisse "bis zu einem gewissen Grad auch zu erwarten". Trotzdem sei der Schluss zulässig, dass mit der Vorschule und Schuleingangsphase in der derzeitigen Form "die Zielsetzung, Nachteile und Rückstände auszugleichen, nicht ausreichend erfüllt werden kann".
Ein "mutiger Schritt" wäre für den Forscher, das Konzept der Vorschulen und Schulreife überhaupt in Frage zu stellen. Beispiele für eine andere Herangehensweise sieht er etwa in Deutschland und der Schweiz, wo die Schulreife nicht vor Beginn der Schullaufbahn erhoben, sondern als Bildungsauftrag in den ersten Schuljahren verstanden wird. Auf die zunehmende Vielfalt im Klassenzimmer reagiert man dort laut Steiner mit Individualisierung und innerer Differenzierung, nicht mit "Sonder- und Extrabeschulung".






