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Insgesamt zieht sich ein Widerspruch zwischen persönlicher Zuversicht und gesellschaftspolitischer Skepsis durch die Studie. Während 88 Prozent ihre eigene Zukunft (eher) positiv einschätzen, sind es bei der Entwicklung der Gesellschaft nur 33 Prozent. Dabei ist nicht nur die Zufriedenheit mit der Demokratie gering, sondern - bei insgesamt leicht gestiegenem politischen Interesse (49 Prozent) - auch das Vertrauen in Parteien (38 Prozent) und das Parlament (58). Zum Vergleich: Am höchsten ist das Institutionen-Vertrauen in Wissenschaft und das Bundesheer (je 77 Prozent).
Eine laut Studienmitautorin Martina Ott (PH Vorarlberg) für das Jugendalter typische Ambivalenz zeigt sich auch bei den politischen Einstellungen im Detail: Während demokratische Grundwerte wie Beteiligung an Wahlen oder Kompromissbereitschaft mehr als 80 Prozent Zustimmung bekommen, stimmen gleichzeitig 56 Prozent dafür, dass eine "starke Hand" einmal Ordnung in den Staat bringen sollte.
Die Schulen werden von den Jugendlichen zwar als wichtige Orte demokratischer Bildung erlebt, etwa beim Erlernen von Meinungsvielfalt und Argumentation. Allerdings fehlt echte Mitbestimmung, für 57 Prozent werden dort Entscheidungen ohne ihre Beteiligung getroffen. Der Bildungsminister sah darin einen Auftrag an die Schulen, die Demokratiebildung auszubauen - nicht nur an den AHS-Oberstufen, wo dafür mit Herbst 2027 ein eigenes Fach eingeführt wird, sondern auch in den anderen Schulformen. "Politische Bildung darf kein Randthema sein", betonte er. Mitbestimmung müsse außerdem erlebbar sein. "Demokratie lernt man nicht nur durch ein Lehrbuch oder Theorie, sondern durch Erfahrung und Teilhabe."
Handlungsbedarf ortete Wiederkehr außerdem beim gesundheitlichen Wohlbefinden der befragten 14- bis 19-Jährigen, das sich im Vergleich zur ersten Erhebung von 2020 deutlich verschlechtert hat. Demnach ist ein Drittel dauernd oder oft schlecht gelaunt oder gereizt, hat Rücken- oder Kopfschmerzen bzw. Einschlafprobleme. Während vor fünf Jahren noch 50 Prozent von einer mittleren und vier Prozent von einer hohen Beschwerdelast berichtet haben, waren es diesmal 63 bzw. acht Prozent. Besonders betroffen sind junge Frauen, diversgeschlechtliche Jugendliche bzw. Jugendliche aus Familien mit wenig Geld. Als größte Sorgenthemen werden familiäre Konflikte, schwere Krankheiten und Krieg in Europa genannt.
Der Minister betonte in dem Zusammenhang die Verantwortung der Schulen, die psychische und körperliche Gesundheit der Jugendlichen zu verbessern und verwies auf die Verdoppelung des psychosozialen Unterstützungspersonals. Insgesamt zeige die Studie, "dass die heranwachsende Generation massiv unter Druck ist. Und sie erwartet sich zurecht, dass wir als Gesellschaft darauf reagieren, beispielsweise indem wir politische Bildung stärken."
Insgesamt fällt das Zeugnis für die Schule durchwachsen aus. Etwas mehr als die Hälfte der Jugendlichen geht (sehr) gern in die Schule und schätzt die eigenen Leistungen als gut ein. Gleichzeitig bereitet die Schule 59 Prozent der Befragten Sorgen, vor allem Mädchen und diversgeschlechtlichen Jugendlichen. Bei über einem Viertel äußert sich das (sehr) durch schulbedingte Bauchschmerzen.
Generell streben die Jugendlichen in einer als krisenhaft und unsicher wahrgenommenen Welt nach Sicherheit und Stabilität, was sich auch in einem Wertewandel äußert. Materialistische Werte wie ein hoher Lebensstandard (48 Prozent), das Durchsetzen eigener Bedürfnisse (28) sowie Macht und Einfluss (20) sind mehr Befragten wichtig als vor fünf Jahren. Gleichzeitig haben idealistische Werte wie Umweltschutz, Toleranz oder die Unterstützung Benachteiligter etwas an Bedeutung verloren. "Idealismus muss man sich in diesen Zeiten einfach auch leisten können", kommentierte Ott das Ergebnis.
Am wichtigsten sind so gut wie allen befragten Jugendlichen gute Beziehungen zu nahen Menschen, eine gute Ausbildung und "die guten Dinge des Lebens" zu genießen. Jugendliche wünschen sich auch öfter als vor fünf Jahren mehr Freizeit (65 Prozent), ein höheres Einkommen (51) und gute Aufstiegsmöglichkeiten (51). Bei ihrem zukünftigen Beruf ist 75 Prozent wichtig, dass sie einen sicheren Arbeitsplatz finden. Zwei Drittel nennen außerdem genügend Freizeit und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Der "soziale Nahbereich", so Forscherin Ott, sei für die Jugendlichen ein Rückzugsort und eine "zentrale Ressource", die sie brauchen, um sich den Herausforderungen von Schule und Gesellschaft zu stellen. Gleichzeitig gebe es aber eine wachsende Entfremdung vom politischen System.






