Jeffrey Epstein umgab sich gerne mit bekannten Intellektuellen. Unter ihnen ist auch der renommierte österreichischer Mathematiker und Biologe Martin Nowak. News-Recherchen zeigen, dass er sich bei Epstein nach „interessanten Frauen“ erkundigte – und dass er im Tagebuch eines mutmaßlichen Missbrauchsopfers vorkommt.
Der Niederösterreicher Martin Nowak ist einer der meistzitierten österreichischen Wissenschaftler. Die Plattform Research.com reiht ihn unter die hundert einflussreichsten Biologen und die 800 Top-Wissenschaftler überhaupt. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften wählte ihn bereits 2001 zum „Korrespondierenden Mitglied der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse im Ausland“ – ein Ritterschlag.
Nowaks akademisches Werk ist jedoch nicht der Grund, wieso sich sein Name aktuell vermehrt in den Medien findet. Dieser Grund heißt Jeffrey Epstein. Nowak war 19 Jahre lang ein guter Bekannter und zweitweise wohl auch enger Freund des wohl bekanntesten Sexualstraftäter unserer Zeit. Neue Dokumente zum Fall Epstein belegen, dass Nowak und Epstein eine noch deutlich engeres Verhältnis zueinander hatten als bisher angenommen.
Zwischen 2002 und 2019 standen die beiden in regelmäßigem Kontakt, und das offenbar unbehelligt von den Ermittlungen gegen Epstein. Diese führten 2008 zu einer als skandalös niedrig kritisierten 13-monatigen Haftstrafe wegen der Anstiftung zur Prostitution Minderjähriger. News-Recherchen zeigen, dass sich der E-Mail-Verkehr zwischen Nowak und Epstein nicht auf einen reinen intellektuellen Austausch begrenzte: Immer wieder drehte sich die Unterhaltung auch um Privates – und um Frauen.


Die Harvard-Professoren Daniel Gilbert und Martin Nowak mit Jeffrey Epstein (v.l.) bei einer Veranstaltung in Nowaks Institut PED im Jahr 2004
© mauritius images / Rick Friedman / AlamyCold Call
In seinem Buch „SuperCooperators“ aus dem Jahr 2011 beschreibt Nowak sein erstes Aufeinandertreffen mit Epstein so: Eines Tages im Jahr 2000 habe dieser aus heiterem Himmel angerufen. Epstein stellt sich als Wall-Street-Tycoon vor, stellt viele Fragen. Einen Tag später erreicht Nowaks Arbeitgeber, das Institute for Advanced Studies in Princeton, eine großzügige Spende.
Wenig später lädt Epstein Nowak zum Abendessen ein, in sein Anwesen in New York. Nowak ist der einzige Gast, er habe sich geschmeichelt gefühlt. Die Gespräche hätten sich um seine Forschung zu Kooperation gedreht. Am Ende schlägt Epstein Nowak vor, eine Konferenz über die Evolution der Sprache zu organisieren, die ein Jahr später stattfindet.
„Wie in einem James-Bond-Film“
Einige Zeit nach der Konferenz erfolgt die nächste Einladung Epsteins: Nowak möge ihn doch auf seiner Privatinsel besuchen. Eine „Assistentin“ Epsteins organisiert einen Flug nach Puerto Rico, von dort geht es per Helikopter weiter auf Epsteins Privatinsel, Little St. James. Den Heli fliegt die Assistentin. „Ich fühlte mich wie in einem James-Bond-Film“, schreibt Nowak.
Auf der Insel hätten die beiden täglich miteinander gefrühstückt und sich über Wissenschaft unterhalten. Epstein sei „der perfekte Gastgeber“ gewesen, hätte ihm sogar einen Tauchlehrer organisiert. Eines Tages habe der berühmte britische Kosmologe Stephen Hawking vorbeigeschaut. Ihm habe Epstein sogar ein U-Boot gemietet, damit er sich die Unterwasserwelt um die Insel ansehen konnte.
Mäzen Epstein
Am Tag von Nowaks Abreise von Little St. James, so die Darstellung in seinem Buch, versprach ihm Epstein, er würde ihm „ein eigenes Institut bauen“. So kam es auch: 2003 spendete Epstein 6,5 Millionen Dollar an Harvard für den Aufbau des „Program for Evolutionary Dynamics“ (PED) unter Nowaks Leitung. Ursprünglich sollten es sogar über 30 Millionen Dollar werden. Das Forschungsprogramm sollte sich grundlegenden Fragen der Evolutionstheorie mit mathematischen Ansätzen annähern. In einem Interview mit dem „New York Magazine“ sagte Nowak im Jahr 2003, „Jeffrey“ hätte sein Leben verändert: „Durch seine Unterstützung fühle ich mich, als könnte ich alles tun, was ich will.“
Ab 2005 wird bekannt, dass gegen Epstein in Florida wegen möglicher Sexualverbrechen ermittelt wird. Die Harvard-Universität verbietet deshalb 2006 die Annahme weiterer Geldspenden Epsteins. Martin Nowaks PED war der größte Empfänger solcher Spenden. Aus dem Bericht einer Untersuchungskommission geht hervor, dass Nowak sich danach immer wieder vergeblich dafür eingesetzt habe, dass Epstein wieder an sein Institut spenden dürfe. 2011 schreibt Epstein dann an Nowak, er habe eine Lösung für das „Geldproblem“.
Wenig später spendet der Milliardär Leon Black, der Epstein jahrelang zweistellige Millionenbeträge überwies, zwei Millionen Dollar. 2014 und 2015 spenden Black und seine Stiftung zusätzlich insgesamt fünf Millionen Dollar für die Personal- und Mietkosten des PED. Die veröffentlichten E-Mails legen nahe, dass die Kommunikation zu den Spenden weiterhin über Epstein bzw. seine Angestellten gelaufen sein dürfte.
Ziemlich gute Freunde
Auch die persönliche Beziehung zwischen Epstein und Nowak litt unter dessen Haftstrafe offenbar nicht nachhaltig. Nowak besuchte auch danach noch mehrfach Epsteins Insel, teilweise auch in weiblicher Begleitung, nutzte Epsteins Wohnungen in New York und besuchte dessen „Zorro Ranch“ in New Mexico. Von einer Zweckfreundschaft ist nicht auszugehen: In ihren E-Mails unterhielten sich Epstein und Nowak nicht nur über Wissenschaft und Forschung. Nowak unterhält sich mit Epstein über seine Eltern, schwärmt über sein neues Auto.
2017 schickt er Epstein mehrere Links zu Immobilien in der Nähe seines neuen Hauses in Kalifornien – offenbar hätte er seinen Freund gerne als Nachbar gehabt. Gebrochen hat Nowak mit Epstein wohl zu Lebzeiten nicht mehr – davon zeugt seine Erwähnung in dessen Tage vor seinem Tod verfassten Testament. Fünf Millionen Dollar sollte Nowak aus Epsteins Nachlass erben. Ob er davon je etwas sehen wird, ist allerdings unwahrscheinlich: Die US-Justiz hat Epsteins Vermögen eingefroren, um die Ansprüche seiner Opfer zu decken.
Imagepflege via Harvard
Nach seiner Haftstrafe setzt Epstein sein Netzwerk zunehmend für Image-Politur ein. Auch Nowak spielt mit. 2014 fragt ihn eine Epstein-Mitarbeiterin, ob das PED auf seiner Website„für Jeffrey“ eine eigene Seite einrichten könne. Das wäre „sehr hilfreich für die Google-Suchergebnisse“. Nowak willigt ein, und die Seite geht tatsächlich online. Wenige Monate später wird sie auf Druck von Opferschutzorganisationen wieder entfernt. Auf Epsteins eigener Website wird ebenfalls auf das PED verwiesen. Ab 2019 versucht Nowak, eine Löschung der Verweise zu erwirken.
Zu dieser Zeit untersuchte eine Harvard-Untersuchungskommission die Verbindungen Epsteins zur Universität. 2020 sanktionierte Harvard Nowak. Sein Institut wurde in ein anderes eingegliedert, er durfte zwei Jahre lang keine Abschlussarbeiten mehr betreuen und keine neuen Forschungsprojekte mehr beginnen. Nowak habe Epstein unerlaubterweise ein eigenes Büro in seinem Institut eingerichtet und zugelassen, dass dieser dort zwischen 2010 und 2018 mindestens 40 Mal – oft in Begleitung junger „Assistentinnen“ – ein und aus ging, heißt es in dem Bericht der Kommission.
In diesem Trauma-Tagebuch aus einem Gerichtsverfahren gegen den Milliardär Leon Black finden sich neben Schilderungen grausamer Misshandlungen einer damals 16-Jährigen auch die Passage: „Mr. Nowack (sic) tat mir leid, er fühlte sich so unwohl wie ich“. Der Text ist spaltenweise von oben nach unten zu lesen.
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= Beispiel
Das Trauma-Tagebuch
Ein besonders erschütterndes Dokument aus den Epstein-Files ist das Tagebuch von „Jane Doe“, einem mutmaßlichen Opfer Epsteins. Dieser soll das damals 16-jährige neurodivergente Mädchen an Bekannte wie US-Milliardär Leon Black „verliehen“ haben, der sie brutal misshandelt haben soll. Black weist alle Vorwürfe zurück. In dem Tagebuch ist auch zu lesen – in „verschlüsselter“ Form, wie im Bild zu sehen: „Mr. Sauerkraut Krauss und Martin Minsky sind ekelhaft, aber für Mr. Nowack tat es mir leid. Ihm war das so unangenehm wie mir.“ Gemeint sein dürften die US-Wissenschaftler Lawrence Krauss, Marvin Minsky, und eben Martin Nowak. Dieser schreibt auf Anfrage, er erinnere sich nicht an die Situation, aber: „Krauss hat sich einmal über meinen Glauben lustig gemacht“ – Nowak ist praktizierender Katholik. Von den Verbrechen Epsteins habe er erst 2019 erfahren.
„did you torture her?“
Manche der Nachrichten zwischen Nowak und Epstein sind kryptisch – was aktuell in sozialen Medien zu teils wilden Diskussionen führt. In einer E-Mail aus 2011 schreibt Nowak etwa „Unsere Spionin wurde nach dem Abschluss ihrer Mission gefasst.“ Epstein antwortet darauf mit „Hast du sie gefoltert?“ Nowak sagt auf Anfrage, dass der Satz aus dem Videospiel „Civilization II“ stamme. Wenn man dort diesen Satz angezeigt bekäme, hieße das, dass man etwas geschafft habe. Wenn ihm etwas gelinge, würde ihm deshalb manchmal dieser Satz einfallen. Und Epsteins Mail? „Ich habe keine Ahnung, was Epsteins Antwort ausgelöst hat“.
Der E-Mail-Verkehr zwischen Nowak und Epstein zeugt außerdem von zahlreichen Telefonaten, Besuchen Nowaks in Epsteins Apartments, dessen Haus in New York, dessen Privatinsel Little St. James und Epsteins „Zorro Ranch“ in New Mexico. Manchmal war Nowak dabei auch in Begleitung – etwa einer damaligen Harvard-Doktoratsstudentin.


Diese Unterhaltung zwischen Nowak und Epstein wurde bereits zum Stoff für wilde Verschwörungstheorien. Laut Nowak ist seine Mail eine Anspielung auf das Videospiel „Civilization II“. Epsteins Antwort könne er sich nicht erklären – es habe keinen Spion gegeben und niemand sei tatsächlich gefoltert worden.
Nowak, Epstein und die Frauen
Frauen bzw. „Mädchen“ auch sind immer wieder Thema der E-Mail-Korrespondenz zwischen den beiden Freunden. Im Mai 2013 berichtet Nowak Epstein von einer Reise nach Korea. Dort sei er „wie ein Prominenter“ behandelt worden. Er sei bei einer Veranstaltung neben Jessica Alba gesessen und habe eine persönliche Assistentin namens „So Young“ gehabt. Ein Jahr später mailt Nowak Epstein ein Foto dieser Frau.
„Zeig mir eine schöne Frau und ich kann die Welt aus ihren Fundamenten heben“, schreibt Nowak 2014 an Epstein. Und: „Mädchen“ seien eine „Offenbarung unendlicher Schönheit“, ein „Fenster zur Ewigkeit“. Epstein antwortet mit: „Tut mir leid, dass wir nicht dazu kamen, über Mädchen zu sprechen.“
Ob es bei Worten geblieben ist? Im November 2013 fragt Nowak Epstein, ob er denn „interessante Frauen in New York treffen“ könne. Epstein leitet diese Mail an seine „Assistentin“ und spätere Partnerin Karyna Shuliak weiter, mit dem Kommentar: „Noch eine Anfrage, es ist verrückt!“ Shulyak antwortet mit: „Als ob du einen Laden voller Frauen hättest.“ Nowak rechtfertigt sich News-Anfrage so: Epstein habe ihm eine etwa 40-jährige Architektin vorstellen wollen, die er dann in einem Restaurant getroffen habe.


2013 erkundigte sich Nowak bei Epstein nach „interessanten Frauen“. Der Betreiber eines Missbrauchsrings leitet die Mail an seine Assistentin und spätere Verlobte Karyna Shuliak weiter. Nowak gibt an, Epstein habe ihm eine etwa 40-jährige Architektin vorgestellt, die er dann in einem Restaurant getroffen habe.
Enger Kontakt auch zu Maxwell
Mit Epsteins langjähriger Partnerin und Komplizin Ghislaine Maxwell verstand sich Nowak offenbar ebenso gut. Sie sitzt seit 2019 eine 20-jährige Haftstrafe ab. Im August 2002 bedankt sich Nowak bei ihr für die „unglaubliche Gastfreundschaft“ und entschuldigte sich dafür, ihr „so viele Sorgen bereitet“ und „den Tag ruiniert“ zu haben. Er sei „froh, niemanden umgebracht“ zu haben. Auch um diese Mail ranken sich in sozialen Medien wilde Gerüchte. Nowak sagt auf News-Anfrage, die Mail beziehe sich auf einen Unfall, bei dem er sich das Schlüsselbein gebrochen habe. Er sei deswegen „völlig geschockt“ gewesen.
Auch in Mails aus dem März 2002 ist der Ton sehr amikal. Nowak schreibt über seinen Wunsch, mit Maxwell auszureiten und „im Mondlicht“ schwimmen zu gehen. Maxwell kündigt daraufhin an, ihm VHS-Kassetten mit Videos zum Reiten lernen und einige „Überraschungen“ zu schicken.
Wie diese Mail lässt Nowak auch viele andere auf News-Anfrage unkommentiert. Er verabscheue Epsteins Verbrechen, schreibt er. „Alle Aktivitäten, die Menschen verletzen, sind für mich absolut abscheulich.“ Eindeutige Beweise für strafbares Fehlverhalten Nowaks finden sich in aus den bisher veröffentlichten E-Mails und Dokumenten nicht. Für ein fragwürdiges Naheverhältnis allerdings schon.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 08/2026 erschienen.




