Die neu veröffentlichten Epstein-Akten zeigen, wie eng Politiker, Tech-Milliardäre und Prominente mit dem Sexualstraftäter vernetzt waren. Konsequenzen spürten bisher nur wenige.
von Hannah Ludmann
Epsteins Kontakte in die Welt der Mächtigen und Reichen waren ebenso weitreichend wie verstörend. Die fast 3,5 Millionen Seiten an (teils geschwärzten) Dokumenten, 2.000 Videos und 180.000 Fotos, die das US-Justizministerium am 30. Januar veröffentlichte, machen sichtbar, wie umfangreich der Amerikaner vernetzt war, um Kinder und junge Frauen mutmaßlich zu missbrauchen und sein System aus Handel mit Sex und Macht aufrechtzuerhalten.
Möglich machten das auch diejenigen, die schweigend missbilligten, was passierte. Aus den Akten geht hervor, was durch Aussagen Dutzender mutmaßlicher Opfer Epsteins schon Jahre vorher bekannt war. Doch erst die E-Mails des toten, verurteilten Straftäters verschafften dem längst Gesagten mehr Aufmerksamkeit. Was dann auf den 30. Januar folgte, war der Kampf um die Deutungshoheit der Akten. Gekämpft wird er von vielen. Verloren haben ihn bisher vor allem mächtige Europäer.
Trotz neu gewonnener Erkenntnisse – die versprochene Transparenz, die die Akten bringen sollte, blieb aus. Das US-Justizministerium signalisierte mit der neuen Veröffentlichung faktisch gleich das Ende der Aufarbeitung: Weitere Dokumente würden nicht veröffentlicht – obwohl nach wie vor entsprechende Unterlagen existieren. Neue Strafverfahren sind in den USA derzeit nicht zu erwarten.
Die Timeline der Causa Epstein


Die Unantastbaren?
Als im Januar weitere Akten öffentlich wurden, wirkte es zunächst wie eine Wiederholung bereits bekannter Enthüllungen. Tatsächlich aber sind die Verbindungen einzelner Figuren zu Epstein klarer konturiert – und in einigen Fällen politisch heikel.
Donald Trump


Gegen den US-Präsidenten gibt es keine Anklagen. Fragen warf nun jedoch ein mutmaßliches Telefonat mit einem Polizisten auf, aus dem hervorgeht, dass Trump bereits 2006 von Epsteins Vorgehen gewusst haben soll. Bisher hatte Trump stets erklärt, er habe von Epsteins Taten nichts gewusst.
Bill Clinton


Dokumente belegen, wie häufig der frühere US-Präsident Epstein traf, auch nach dessen erster Verurteilung. Nun willigten sowohl Bill Clinton als auch seine Frau Hillary Clinton ein, vor dem parlamentarischen Ausschuss zum Epstein-Skandal auszusagen. Den Clintons wird kein persönliches Fehlverhalten in der Epstein-Affäre zur Last gelegt.
Elon Musk


Der Multimilliardär hatte den Kontakt zu Epstein vorher als flüchtig dargestellt und beteuert, nie dessen Privatinsel besucht zu haben. In den nun einzusehenden Mails spricht Musk jedoch von Treffen auf „Little St. James“, einer „wilden Party“, außerdem ist ein Kalendereintrag zu sehen. Elon Musk bestreitet die Vorwürfe und bezeichnet die Akten teilweise als politisch motiviert. Für strafbares Verhalten gibt es keine Belege.
Bill Gates


Gates gab schon früh zu, sich mit Epstein getroffen zu haben und, dass das ein „Fehler“ gewesen sei. In den neuen Akten gibt es Entwürfe von E-Mails, die Epstein 2013 offenbar an sich selbst adressierte, die den Microsoft-Gründer in Verbindung bringen mit Treffen, bei denen es um Sex mit „russischen Mädchen“ gegangen sein soll. Gates weist die Vorwürfe zurück und sagt, er habe dessen Insel nie besucht und sich nie an von Epstein organisierten sexuellen Aktivitäten beteiligt.
Steve Bannon


Den Unterlagen zufolge hätte sich Steve Bannon, Trumps ehemaliger Berater, regelmäßig mit Epstein ausgetauscht, vor allem 2018/2019. Dieser war bereits als Sexualstraftäter verurteilt. Auch soll er für Epstein als Coach fungiert haben. Nun berichtete CNN von Nachrichten, in denen Bannon Epstein schrieb, dass er „Papst Franziskus stürzen wird“.
Howard Lutnick


US-Handelsminister Howard Lutnick hatte erklärt, er habe den Kontakt zu Epstein, „dieser widerlichen Person“, Mitte der Nullerjahre abgebrochen. Dem widerspricht eine neu veröffentlichte E-Mail, aus der hervorgeht, dass er 2012 einen Familienausflug auf Epsteins Karibikinsel organisiert hat. Das bestätigte er auch in einer Anhörung. Rechtliche Schritte erfolgten bisher nicht.
Thorbjørn Jagland


Gegen den ehemaligen Ministerpräsident Norwegens, Thorbjørn Jagland, wird wegen des Verdachts auf schwere Korruption ermittelt. Jagland, der als Regierungschef, Außenminister Norwegens und Generalsekretär des Europarats tätig war, soll enge Kontakte zu Epstein gehabt haben. Medienberichten zufolge bat er Epstein um finanzielle Unterstützung beim Erwerb einer Wohnung. Der Europarat hob nun seine diplomatische Immunität auf.
Peter Mandelson


Der britische Politiker Peter Mandelson soll vertrauliche Wirtschaftsinformationen und Regierungsdokumente an Epstein weitergegeben haben. Zudem belasten ihn Zahlungen über 75.000 Dollar. Trotz seines Dementis und Verweise auf „Erinnerungslücken“ sind die Folgen massiv: Im September trat er zurück und verließ nun die Labour Party. Die Behörden prüfen den Vorwurf des Amtsmissbrauchs. Ihm droht der Verlust seines Sitzes im Oberhaus; auch Premierminister Keir Starmer steht unter politischem Druck.
Miroslav Lajčák


Miroslav Lajčák, der nationale Sicherheitsberater des slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico, gab seinen Posten wegen eines Austauschs mit Epstein auf, in dem die beiden über „wunderschöne“ Mädchen diskutierten. Die E-Mails stammten aus seiner Zeit als Außenminister.
Leon Black


Der Mitgründer der Investmentfirma Apollo Global Management hatte über Jahre eine finanzielle und persönliche Beziehung zu Epstein. Zwischen 2012 und 2017 zahlte er Epstein insgesamt mehrere hundert Millionen US-Dollar für steuerliche und Nachlass-/Vermögensplanung und verwandte Finanzberatung, trotz Epsteins bereits früherer Verurteilung. Wegen der Kritik an seiner Beziehung zu Epstein trat er 2021 als CEO von Apollo zurück.
Andrew Mountbatten-Windsor


Wegen seiner Verbindung zu Epstein und der Missbrauchsvorwürfe von Virginia Giuffre musste der ehemalige Prinz seine öffentlichen Aufgaben schon vor Jahren niederlegen. Er musste bereits seinen Wohnsitz auf Schloss Windsor räumen. Die neu veröffentlichten Dokumente bringen Andrew Mountbatten-Windsor wieder unter Druck. Der Kontakt zu Epstein soll auch nach dessen Verurteilung fortbestanden haben. Zudem ist von einem arrangierten Dinner in London die Rede. Ein Foto soll ihn in Epsteins Anwesen zeigen. Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit, ob er Amtsmissbrauch begangen hat, weswegen der kürzlich auch verhaftet wurde.
Jean-Luc Brunel


Der französische Model-Agent Jean-Luc Brunel war enger Epstein-Bekannter. Er stand wie Ghislaine Maxwell im Fokus der Ermittlungen um Epstein. Gegen den Agenten wurde wegen Vergewaltigung von Minderjährigen und sexueller Nötigung ermittelt. 2022 starb er in Haft, bevor ein Prozess stattfinden konnte. Nun wird sein Fall neu aufgerollt
Mette-Marit von Norwegen


Mehrere hundert Erwähnungen finden sich zu Mette-Marit von Norwegen im Material, zahlreiche E-Mails zwischen 2011 und 2014 und die Nutzung eines Epstein Anwesens in Palm Beach für einen mehrtägigen Aufenthalt 2013. Die Kronprinzessin bedauere dies heute und betonte, sie habe die Verbindung 2014 beendet.
Noam Chomsky


Wissenschafter Noam Chomsky hat, anders als von ihm dargestellt, nicht nur beruflich, sondern auch persönlich mit Epstein Kontakt gehabt. Auch soll ein Treffen auf seiner Insel im Raum gestanden haben. Ob es dazu kam, ist unklar. Der Wissenschafter hat sich zu den jüngsten Veröffentlichungen nicht geäußert. Er hatte früher eingeräumt, Epstein gekannt zu haben und erklärt, der Kontakt habe vor allem finanzielle Fragen betroffen.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 08/2026 erschienen.



