ABO

Friedrich Merz vor dem Treffen mit der CDU-Basis: Darum steht der Kanzler unter Druck

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
9 min
Artikelbild

Bundeskanzler Friedrich Merz beobachtet am 8. Mai 2025 in der Neuen Wache in Berlin das Niederlegen eines Kranzes zum Gedenken an die deutsche Kapitulation vor 80 Jahren am 8. Mai 1945.

©Odd Andersen, AFP, APA

Kanzler Friedrich Merz trifft am Montag in Berlin die Kreisvorsitzenden seiner Partei, an der Basis ist die Stimmung nach drei Landtagswahlen gereizt. Was hinter dem Druck steckt und welche Stationen den 70-Jährigen geprägt haben.

News auf Google bevorzugen

Für Friedrich Merz ist es ein Termin mit Signalwirkung: Am Montag trifft der deutsche Bundeskanzler im Berliner Konrad-Adenauer-Haus die Kreisvorsitzenden seiner CDU, sein Auftritt ist für den frühen Abend angesetzt. Von den Vorsitzenden der knapp 330 Kreisverbände hat sich nur rund die Hälfte angemeldet, und aus der Parteibasis kommen nach einem Herbst der Niederlagen offen kritische Töne bis hin zu der Forderung, Merz solle den Parteivorsitz abgeben.

Merz ist seit dem 6. Mai 2025 Kanzler, seit Jänner 2022 führt er die CDU. Am 11. November wird er 71 Jahre alt. Sein Weg an die Spitze war lang und alles andere als geradlinig: Er führte die Unionsfraktion schon vor einem Vierteljahrhundert, verließ dann den Bundestag für zwölf Jahre und kehrte erst 2021 zurück.

Darum steht Merz so unter Druck

Der wichtigste Grund sind drei Landtagswahlen im September. In Sachsen-Anhalt wurde die AfD am 6. September stärkste Kraft. Zwei Wochen später, am 20. September, folgte der doppelte Rückschlag: In Berlin stürzte die CDU laut amtlichem Endergebnis um 9,5 Prozentpunkte auf 18,8 Prozent ab, stärkste Partei wurde die Linke mit 25,7 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern kam die CDU nach dem endgültigen Ergebnis der Landeswahlleitung nur noch auf 4,9 Prozent und flog damit erstmals aus einem Landtag. Dort lag die AfD mit 38,2 Prozent vor der SPD mit 35,5 Prozent.

Hinzu kommen schwache Umfragewerte. Im DeutschlandTrend von Infratest dimap vom Oktober zeigten sich nur 10 Prozent der Befragten mit der Arbeit des Kanzlers zufrieden, ebenso viele mit der Koalition aus Union und SPD. Das Institut spricht von historischen Tiefständen. In der Sonntagsfrage kam die Union auf 20 Prozent, die AfD als stärkste Partei auf 27 Prozent.

Dazu kommt Streit in der Koalition. Die CDU-Spitze will eine Senkung der Strompreise für alle, hat sie bei der SPD aber bisher nicht durchgesetzt. Am 9. November entscheiden die CDU-Gremien zudem über die Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten, die CSU wirbt für Ilse Aigner. Einzelne CDU-Politiker schlagen vor, Kanzleramt und Parteivorsitz nach dem Vorbild der Ära Merkel zu trennen. Der Wiener Politikberater Karl Jurka rechnete im September sogar mit einem baldigen Kanzlerwechsel.

Blurred image background

Keir Starmer, Emmanuel Macron und Friedrich Merz (von links) im Zug auf dem Weg nach Kiew.

 © AFP, APA

Herkunft und Ausbildung

Friedrich Merz wurde am 11. November 1955 in Brilon im Hochsauerlandkreis geboren, jenem Wahlkreis, den er bis heute im Bundestag vertritt. Der CDU gehört er laut seinem Lebenslauf seit 1972 an. 1975 legte er in Rüthen das Abitur ab, nach dem Wehrdienst studierte er Rechts- und Staatswissenschaften in Bonn und Marburg.

Auf das erste juristische Staatsexamen 1982 folgten die Referendarzeit am Landgericht Saarbrücken und 1985 das zweite Staatsexamen. Merz arbeitete zunächst ein Jahr als Richter am Amtsgericht Saarbrücken, seit 1986 ist er Rechtsanwalt. Bis 1989 war er Referent beim Verband der Chemischen Industrie, eine frühe Nähe zur Wirtschaft, die seine politische Laufbahn begleiten sollte.

Vom Europaparlament an die Fraktionsspitze

Seine parlamentarische Laufbahn begann in Europa: Von 1989 bis 1994 saß Merz im Europäischen Parlament. 1994 holte er das Direktmandat im Hochsauerlandkreis und verteidigte es 1998, 2002 und 2005. Im Bundestag stieg er schnell auf, 1998 wurde er stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion.

Im Februar 2000 wählte ihn die CDU/CSU-Bundestagsfraktion als Nachfolger von Wolfgang Schäuble zu ihrem Vorsitzenden, wie die Konrad-Adenauer-Stiftung in ihrem Biogramm festhält. 2002 übernahm Angela Merkel den Fraktionsvorsitz, Merz blieb bis 2004 stellvertretender Vorsitzender. 2009 schied er aus dem Bundestag aus. Die Rivalität mit Merkel prägte das Bild von Merz über Jahre.

Die Jahre in der Wirtschaft

Abseits der Politik machte Merz Karriere als Wirtschaftsanwalt. Von 2005 bis 2021 war er Partner und ab 2017 Senior Counsel der internationalen Kanzlei Mayer Brown. Von 2016 bis 2020 saß er dem Aufsichtsrat der BlackRock Asset Management Deutschland AG vor. Zehn Jahre lang, von 2009 bis 2019, führte er zudem ehrenamtlich die Atlantik-Brücke, einen Verein zur Pflege der deutsch-amerikanischen Beziehungen.

Diese Jahre brachten ihm Erfahrung in der Wirtschaft und internationale Kontakte, aber auch Kritik: Gegnerinnen und Gegner hielten ihm im Wahlkampf vor, zu nah an Konzernen und Finanzindustrie zu stehen. Sein Biograf Volker Resing sah darin im Gespräch mit News dagegen etwas Neues: einen Kanzler ohne Regierungserfahrung, aber mit Managementerfahrung aus der Wirtschaft.

Comeback und der Weg ins Kanzleramt

2021 entschied sich Merz, wieder für den Bundestag zu kandidieren, und gewann erneut den Hochsauerlandkreis. Im Dezember 2021 setzte er sich in der Mitgliederbefragung der CDU mit 62 Prozent durch. Am 22. Jänner 2022 bestimmte ihn ein digitaler Parteitag mit 95 Prozent zum Bundesvorsitzenden, eine schriftliche Abstimmung bestätigte das Ergebnis. Kurz darauf übernahm er auch wieder den Vorsitz der Unionsfraktion, den er bis 2025 behielt.

Nach dem Bruch der Ampelkoalition gewann die Union die vorgezogene Bundestagswahl am 23. Februar 2025. Die Kanzlerwahl am 6. Mai 2025 wurde dennoch zur Zitterpartie: Im ersten Wahlgang verfehlte Merz die nötige Mehrheit, nach Angaben der Konrad-Adenauer-Stiftung erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik. Erst im zweiten Anlauf wählte ihn der Bundestag mit 325 Stimmen von 630 Mitgliedern zum zehnten Bundeskanzler.

Blurred image background

Friedrich Merz (zweiter von rechts) beim Familienfoto des G7-Gipfels in Kananaskis in Kanada am 16. Juni 2025.

 © AFP, APA, BRENDAN SMIALOWSKI

Kanzler zwischen Weltbühne und Koalitionsstreit

Außenpolitisch setzte Merz früh Akzente. Gemeinsam mit Emmanuel Macron und Keir Starmer reiste er nach Kiew, beim G7-Gipfel im kanadischen Kananaskis saß er im Juni 2025 erstmals als Kanzler mit am Tisch. Im Februar 2026 besuchte er China, traf Staatschef Xi Jinping und konnte einen Airbus-Auftrag verkünden.

Innenpolitisch tut sich die Koalition aus Union und SPD deutlich schwerer. Merz verspricht Reformen bei Steuern, Sozialstaat und Bürokratie, Kritikerinnen und Kritiker werfen ihm vor, zu wenig umgesetzt zu haben. Eine Zusammenarbeit mit der AfD schließt er aus. Wie viel Rückhalt er in der eigenen Partei noch hat, wird sich beim Treffen mit den Kreisvorsitzenden zeigen.

Blurred image background

Friedrich Merz (hinten Mitte rechts) beim Besuch des Robotikunternehmens Unitree in Hangzhou am 26. Februar 2026.

 © AFP, APA, JADE GAO

Steckbrief

Name: Friedrich Merz

Geboren: 11. November 1955 in Brilon (Nordrhein-Westfalen)

Partei: CDU (Mitglied seit 1972, Bundesvorsitzender seit 22. Jänner 2022)

Amt: Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland seit 6. Mai 2025

Beruf: Jurist, Richter am Amtsgericht Saarbrücken 1985 bis 1986, Rechtsanwalt seit 1986

Politische Stationen: Europäisches Parlament 1989 bis 1994, Bundestag 1994 bis 2009 und seit 2021, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion 2000 bis 2002 und 2022 bis 2025

Wirtschaft und Ehrenamt: Mayer Brown 2005 bis 2021, Aufsichtsratsvorsitz BlackRock Asset Management Deutschland 2016 bis 2020, Vorsitz der Atlantik-Brücke 2009 bis 2019

Wahlkreis: Hochsauerlandkreis

Quellen

CDU Deutschlands: Lebenslauf Friedrich Merz (2025)

Konrad-Adenauer-Stiftung: Friedrich Merz, Biogramm in der Geschichte der CDU (2025)

Infratest dimap: DeutschlandTrend Oktober 2026 (1. Oktober 2026)

Landeswahlleiter Berlin: Wahl zum 20. Abgeordnetenhaus von Berlin, amtliches Endergebnis (12. Oktober 2026)

Landesamt für innere Verwaltung Mecklenburg-Vorpommern: Landtagswahl am 20. September 2026 (2026)

Quelle: APA

Weitere Quelle: dpa

Politik Ausland
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER