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Eine kleine Regelkunde vorweg: Länger als drei Minuten darf ein Song-Contest-Beitrag nicht dauern, die Sprache des Vortrags kann hingegen frei gewählt werden. Schon etwas strenger sind dann die inhaltlichen Vorgaben, ist Werbung doch ebenso untersagt wie anstößige, diskriminierende oder in anderer Form unangemessene Inhalte. Vor allem aber sind "politische oder ideologische Botschaften" verboten - nicht nur in den Liveshows, sondern auch in allen Proben und jeglichen mit dem ESC verbundenen Events. Dass das mal direkter, mal subtiler versucht wird zu umschiffen, zeigt ein Blick in die Vergangenheit.
Schon die Gründung des Eurovision Song Contest war durchaus auch als propagandistisches Zeichen in Zeiten des aufblühenden Kalten Krieges gedacht, mit dem die Freiheit und Vielfalt westlicher Weltkultur ins Schaufenster gehoben wurde. Zur politischen Plattform wurde der Bewerb etwa 1969 in Madrid: Die 14. Ausgabe, bei der es mit Spanien, Großbritannien, den Niederlanden und Frankreich gleich vier Erstplatzierte gab, wurde von Österreich aus Protest gegen die Franco-Diktatur boykottiert. Dass im Jahr zuvor die Spanierin Massiel Cliff Richard mit seinem Klassiker "Congratulations" ausstach, war gerüchtehalber nicht zuletzt auf üppige Franco-Zahlungen zurückzuführen.
Fünf Jahre später, 1974, wurde in Portugal das Abspielen von Paulo de Carvalhos wenige Tage zuvor performtem ESC-Beitrag "E Depois do Adeus" im Radio zum Geheimsignal für die Aufständischen gegen die Militärdiktatur, während die griechische Sängerin Mariza Koch 1976 mit ihrem gegen die türkische Invasion auf Zypern gerichteten "Panaghia mou, panaghia mou" der Textkontrolle durchschlüpfte und etwa die Flüchtlingszelte im Zuge des Krieges beklagte. Nach dem Fall der Mauer priesen in den frühen 1990ern viele Beiträge die Einheit Europas - wie etwa der Siegersong 1990 von Toto Cutugno, "Insieme 1992".
So lassen sich politische Signale auch im positiven Sinne aussenden, etwa als die Türkei 2012 nach Aserbaidschan mit Can Bonomo einen schwulen, jüdischen Sänger schickte. Und auch mit einem Anti-Kriegslied kann man beim Song Contest erfolgreich sein. Bestes Beispiel dafür ist das von ESC-Veteran Ralph Siegel komponierte und Bernd Meinunger getextete "Ein bißchen Frieden", mit dem Nicole 1982 inmitten der Nachrüstungsdebatte für Deutschland den ersten Titel holte. Eine positive politische Konnotation war auch nach dem Zerfall Jugoslawiens zu erkennen, als die daraus neu entstandenen Länder in den frühen 1990ern rasch der EBU (European Broadcasting Union) und somit dem ESC beigetreten sind. Die Folge war eine Region mit ausgeprägtem Song-Contest-Faible und einigen sehr erfolgreichen Beiträgen, was etwa in Marija Šerifovićs Sieg für Serbien im Jahr 2007 resultierte. Die ESC-Teilnahme quasi als Möglichkeit zur Imagepflege, ähnlich wie es auch dem wirtschaftlich angeschlagenen Irland mit seinen Triumphen in den 1980er- und 1990er-Jahren gelungen ist.
Humor als Werkzeug der Kritik wollte hingegen Georgien 2009 einsetzen: Als der Gesangswettbewerb in Moskau stattfand, plante der Nachbarstaat mit Stephane & 3G und dem Song "We Don't Wanna Put In" anzutreten - was, wie unschwer zu erkennen ist, auf Wladimir Putin abzielte. Da man den Text trotz Aufforderung durch die EBU nicht ändern wollte, zog sich Georgien in diesem Jahr letztlich ganz vom Wettbewerb zurück. Mit einem ähnlich gelagerten, weil lautmalerisch Kritik ausdrückenden Beitrag hatte die ukrainische Sängerin Verka Serduchka, verkörpert vom Komiker Andrei Danilko, wiederum 2007 den zweiten Platz erobert. Der Song "Dancing Lasha Tumbai" wartete mit der sinnfreien Textstelle Lasha Tumbai auf, was von etlichen Zuschauern als "Russia Goodbye" verstanden wurde. Der Travestiestar hat eine solche Auslegung allerdings stets in Abrede gestellt.
Verabschieden musste man sich von Russland später allerdings trotzdem, wurde das Land in Folge des Angriffskriegs auf die Ukraine doch vom Wettbewerb ausgeschlossen, da man befürchtete, den Bewerb andernfalls in Misskredit zu bringen. "Die EBU ist eine unpolitische Mitgliedsorganisation von Sendern, die die öffentlich-rechtlichen Werte hochhalten", hieß es damals. Seit dem Austritt der russischen Sender aus der EBU 2022 ist Russland nicht mehr Teil der Song-Contest-Familie.
Als Reaktion darauf ließ Kremlchef Putin 2025 die Gegenveranstaltung "Intervision" ausrichten, bei der es "keine Perversionen und Verhöhnungen der menschlichen Natur" geben sollte, wie es Russlands Außenminister Sergej Lawrow ausdrückte. Wirklich konfliktfrei war die Beziehung zwischen dem riesigen Land und dem Song Contest bereits davor nicht, wurde Russland doch von vielen ESC-Enthusiasten schon länger wegen seiner homophoben Gesetzgebung argwöhnisch beäugt, was sich bei Auftritten von russischen Teilnehmern oftmals in Pfeifkonzerten aus dem Publikum ausdrückte.
Mit ähnlichen Reaktionen sahen sich seit dem Terrorangriff der Hamas und dem darauffolgenden Gazakrieg auch Acts aus Israel konfrontiert: Beim Contest in Malmö 2024 gab es lautstarke Demonstrationen auf den Straßen der schwedischen Stadt, Gewinneracts wie Nemo aus der Schweiz oder Österreichs JJ fielen mit kritischen Statements auf, und nicht weniger als fünf Nationen - Spanien, Irland, Island, Slowenien und die Niederlande - zogen ihre Teilnahme am Wiener ESC 2026 zurück. Ein Umstand, den ESC-Direktor Martin Green kürzlich folgendermaßen kommentierte: "Wir sind eine der weltweit größten Veranstaltungen, deshalb sind wir nie vollkommen unabhängig von dem, was im Rest der Welt passiert. Aber unser Publikum ist klug genug zu verstehen, dass es einen Unterschied zwischen einem teilnehmenden öffentlich-rechtlichen Sender und der jeweiligen Regierung gibt."
Ein nicht unwesentliches Asset der visuellen Stimmungsmache sind traditionell Flaggen. Für diese gelten heuer nach der Brandtragödie in einer Bar im schweizerischen Crans-Montana ganz besondere Regeln, sind in der Stadthalle doch nur schwer entflammbare Flaggen und Fähnchen erlaubt, die etwa über den offiziellen ESC-Shop erworben werden können. Dort gibt es neben den 35 Teilnehmerländern noch die Regenbogenfahne, die Progress-Pride-Flagge sowie die EU-Fahne im Angebot - um ganz regelkonform die persönliche Unterstützung auszudrücken. Flaggen, die nicht den ÖNORM-Vorgaben entsprechen, werden beim Security-Check aussortiert und dürfen nicht ins Venue gebracht werden. Wie sich das Fahnenbild in der Halle also zusammensetzt und ob wie teils in den vergangenen Jahren palästinensische Flaggen zu sehen sein werden, bleibt abzuwarten. Ungeachtet dessen dürfte Politik aber auch künftig ein wesentlicher Bestandteil des vielfältigen ESC-Puzzles bleiben.
(S E R V I C E - www.eurovision.tv )






