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Wohnbau und Weltverbesserung: Neuer Scharang-Roman

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Neues von Michael Scharang
©APA, Herbert Neubauer
Michael Scharang träumt von einer besseren Welt. Und schreibt davon. In der Kunst gehe es nicht darum, die Welt zu beschreiben, wie sie sei, sondern wie sie sein solle, erfährt man in seinem neuen Roman "Der Kranführer oder Die Errichtung einer Stadt" aus dem Mund des Essayisten und Autors Michael. Der studierte Philosoph, Nachbar der titelgebenden Hauptfigur, ist natürlich ein kleines Selbstporträt des Verfassers - und mehr als nur Randfigur beim großen Weltverbessern.

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Der 85-Jährige, der über Musils Dramen dissertierte und Karl Kraus zu seinen Hausgöttern zählt, hatte schon in jungen Jahren - etwa durch "Politische Lesebuchtexte" oder im "Arbeitskreis Literaturproduzenten" - versucht, die Realität der Arbeitswelt und die Aufgabe der Dichtung miteinander in Einklang zu bringen. In seinem Alterswerk hat er - nach viel beachteten Romanen wie "Auf nach Amerika" (1992), "Das jüngste Gericht des Michelangelo Spatz" (1998) und "Komödie des Alterns" (2010) - einen neuen Anlauf unternommen und dabei einen Zyklus von visionären Reformentwürfen vorgelegt, bei dem die gewählte einfache Sprache ebenso irritiert wie die einfache Verwirklichung der gesellschaftsverändernden Vorhaben.

In "Aufruhr" war ein Lohnstreik in einem Kaufhaus Ausgangspunkt für eine Revolte, vor der die Regierung ins Exil flüchtet. In "Die Wagenburg oder Die Flüchtlinge von Ratz" wurde in einem kleinen niederösterreichischen Ort nahe der tschechischen Grenze mit gelebter Willkommenskultur, die gleichzeitig den ländlichen Raum wiederbelebte, das verwirklicht, wovon viele "Demokratieverdrossene" träumen: eine menschliche, anständige, solidarische und unmittelbar wirksame Politik. Im neuen Roman nimmt sich Scharang eines der größten politischen Probleme der Gegenwart vor: Die Wohnungsnot bzw. die Sicherstellung leistbaren Wohnens ist das zentrale Thema städtischer Wahlkämpfe in Mitteleuropa und hat der Linken in Graz wie Berlin Wahlerfolge beschert. Bei Scharang heißt die Lösung: industrielles Bauen.

Um Wohnraum in großem Stil billig bauen und daher auch billig vermieten zu können, braucht es in dem Roman nur eine Handvoll engagierter, gutmeinender, miteinander und mit den wesentlichen Playern in Industrie und Politik gut vernetzter Männer, einen neuen, leicht formbaren Kunststoff, jede Menge Liptauer, Brot und Jungzwiebel und vor allem viele Flaschen Merlot. Denn bei Speis und Trank und guten Gesprächen kommen den Herren die besten Ideen, die mit ein paar Telefonaten von Helfern in Windeseile umgesetzt werden. Drei Dörfer in der Nähe von Wien erhalten so in Rekordtempo Bebauungsringe, in denen - freilich mithilfe von Betonkernen - auch architektonische Archetypen wie Turm oder Pyramide verwirklicht werden, während die verlassenen Ortskerne revitalisiert und mit Geschäften und Gemeinschaftsräumen neu belebt werden.

Michael ist nicht nur am Rand dabei, sondern mittendrin: nicht als Anführer, aber als eifriger Anrührer des weltbesten Liptauers. Auch als Servierer eines nie versiegenden Nachschubs an Weinflaschen und Gläsern ist er begeisterter Gastgeber, als Kommentator sorgt er von Marx bis Hegel für das philosophische Fundament des märchenhaften Baubooms, und schließlich wird er auch Chefredakteur. Eine neu gegründete Zeitung soll den Jungbauern im ebenfalls zur neuen Blüte gebrachten ländlichen Raum geistige Nahrung bringen, eine Stadtzeitung die Anliegen der Bewohner der Neubauten ungefiltert wiedergeben.

Die real existierenden österreichischen Medien kommen dagegen nicht gut weg. Während sich die Auslandspresse in Lobeshymnen über das Weltwunder des in Österreich verwirklichten industriellen Bauens ergeht und ein deutsches TV-Team gleich einen Mehrteiler über die Revolution von oben dreht, die zwar keiner Graswurzelbewegung gleichkommt, aber immerhin begrünte Fassaden miteinbezieht, hat die heimische Presse nur was herumzumäkeln. Dabei hat man in der neuen Stadt sogar noch gute Ideen für die Einbindung der KI, ohne die es ja künftig gar nicht geht. "Michael meldet sich zu Wort: Ich habe es ja schon oft gesagt: Wir sind nicht zu schlagen. Industrielles Bauen, erschwingliches Wohnen und jetzt auch noch Künstliche Intelligenz."

Irgendwie fühlt man sich als Spielverderber, wenn man das alles nicht so toll findet. Aber zum Glück zeigt Michael auch da Größe. "Wir schmoren hier in unserem eigenen Saft. Wir brauchen Kritik von außen."

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Michael Scharang: "Der Kranführer oder Die Errichtung einer Stadt", Czernin Verlag, 22 Euro, 160 Seiten)

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