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Schrecken der Textproduktion: "Ach die dumme Literatur!"

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Unterhaltsame Literaten-Selbstzweifel
©APA
Der österreichische Zeichner Nicolas Mahler hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr zum originellen Literaturvermittler entwickelt, bei dem die Materialrecherche und -auswahl zunehmend die Zeichnungen in den Hintergrund drängt. Das gilt auch für seinen neuesten Band, für den er in Briefen und Tagebüchern bekannter Autorinnen und Autoren gestöbert und dabei jede Menge Selbstzweifel und Probleme bei ihrer literarischen Produktion gesammelt hat: "Ach die dumme Literatur!"

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Der prägnante Titel ist Hermann Hesse entliehen, der 1907 in einem Brief über sein Unvermögen klagte, "was Rechtes" zu Papier zu bringen. "Arg. Heute nichts geschrieben. Morgen keine Zeit", schrieb Franz Kafka 1912 in sein Tagebuch. "Es gelingt mir fast nichts", notierte Max Frisch in seinem "Berliner Journal", "täglich sechs bis acht Stunden schreibend, ein hohes Vergnügen dabei. Meistens brauche ich es nicht einmal wiederzulesen, um zu wissen, dass alles unbrauchbar ist." Ingeborg Bachmann bekennt: "Mein Gedicht Ehrgeiz ist zero." Und Friederike Mayröcker fragt sich: "Ist Schreibarbeit gleich Lesbarkeit?"

Liest man das, fragt man sich unweigerlich, wie je Literatur zu Papier gebracht werden konnte. Mahler hat in einer solchen Fülle Klagen von hochkarätiger Prominenz von Thomas Bernhard bis James Joyce und Bert Brecht bis Samuel Beckett gesammelt und mit treffenden Porträtvignetten auf buntem Papier versehen, dass es nicht nur zum Schmunzeln, sondern auch zum Lachen ist. Doch dann beginnen erst die Probleme, denn bis das Geschriebene gedruckt ist und als Buch in den Handel kommt, gibt es unzählige weitere Schwierigkeiten zu überwinden. "Ein Buch zu veröffentlichen, bringt dieselben Komplikationen mit sich wie eine Hochzeit oder eine Beerdigung", schreibt E.M. Cioran, und mehrfach erkennt man in den Zeichnungen den gramgebeugten Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld bei der Lektüre von Autorenkorrespondenz.

In der Dichte und Ausfälligkeit seiner Beschwerden scheint Thomas Bernhard das Ranking mit Abstand anzuführen. Die Art und Weise, wie er etwa gegen Unselds Einsatz für Marianne Fritz' Mammutroman "Dessen Sprache du nicht verstehst" ("Die grösste verlegerische Peinlichkeit, die mir bis jetzt bekannt ist") oder die angebliche werbetechnische Bevorzugung von Martin Walser wütet, macht sprachlos. Und immer wieder: das liebe Geld. Mahler reagiert darauf mit einer naheliegenden Assoziation - und zeichnet Thomas Bernhard als Dagobert Duck auf dem Weg zu seinem Geldspeicher.

(S E R V I C E - "Ach die dumme Literatur!", ausgewählt und gezeichnet von Nicolas Mahler, Suhrkamp, 126 Seiten, 20,60 Euro)

BERLIN - DEUTSCHLAND: FOTO: APA

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