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Scheidung mit 60: "Das Jahr der Verluste" von Irene Prugger

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Aktualisiert
Lesezeit
3 min
Roman über einen schweren Neustart
©Haymon Verlag, APA
Mit 60 Jahren, da fängt kein Leben an ... Das könnte als Fazit des neuen Romans der Tiroler Autorin Irene Prugger durchgehen. "Das Jahr der Verluste" wirft Lina so sehr aus der Bahn, dass sie sogar mit dem Gedanken spielt, das Ganze selbst kurz und schmerzlos zu beenden. Die üblichen Defizite, die das Alter so mit sich bringt, treten noch viel klarer hervor, wenn man sie plötzlich alleine bewältigen soll. Nach 36 Jahren Ehe will ihr Mann die Scheidung.

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Prugger, selbst Jahrgang 1959, beschreibt die Verheerungen der Zeit ziemlich ungeschminkt. Die Spannkraft geht verloren, die Vergesslichkeit nimmt zu. Beruflich gerät man immer mehr auf das Abstellgleis, und privat wird Liebe allmählich durch Gewohnheit ersetzt. All' das ist so wenig überraschend wie der Umstand, dass Gatte Lois eines Tages bekundet, die Chance eines Neuanfangs, die ihm eine andere Frau eröffne, wagen zu wollen. Lina ist überrumpelt - und lässt sich bei der Aushandlung der Scheidungsmodalitäten übers Ohr hauen. Auch das ist wohl allzu oft bittere Realität.

Der Autorin gelingt es nicht nur, Sympathie für ihre Protagonistin zu wecken und ihre Entwicklung ganz ohne Larmoyanz zu schildern, sondern auch mit einem zweiten, kursiv gesetzten Erzählstrang Spannung aufzubauen. Lina hat einen gut aussehenden, etwas älteren, geschiedenen Mann kennengelernt, mit dessen Auto sie zum Flughafen fährt, um ihren seit längerem in Kanada lebenden Sohn abzuholen, der wichtige Neuigkeiten zu überbringen hat.

Geschickt streut Prugger Hinweise, die sich so deuten lassen, als berge "Das Jahr der Verluste" noch manche Katastrophe. Ist Alexander, dem "Neuen", wirklich zu trauen oder hat er ihr unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ihre Ersparnisse für ein gar nicht existierendes Entwicklungszusammenarbeitsprojekt in Tansania entlockt? Und gelten die aufgeregten Vorbereitungen der Einsatzkräfte am Flughafen am Ende jener Maschine, mit der der Sohn in wenigen Minuten landen sollte? Droht der Totalverlust all' dessen, wofür sich überhaupt noch zu leben lohnt?

Irene Prugger, der bei der Überreichung des Otto-Grünmandl-Literaturpreises 2016 die Fähigkeit attestiert wurde, "die Leser durch enthüllende Momente, überraschende Kehrtwendungen sowie menschliche und lebensphilosophische Abgründe in ihren Bann zu ziehen", schafft es, einen für das Schlimmste vorzubereiten, und am Ende doch an die Möglichkeit des Guten glauben zu lassen. Mit 60 ist eben doch noch lange nicht Schluss.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Irene Prugger: "Das Jahr der Verluste", Haymon Verlag, 208 Seiten, 24,90 Euro)

INNSBRUCK - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Haymon Verlag

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