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"Ich mag diesen Lindenberg-Lifestyle: einfach mal runtergehen abends an die Bar und die Leute beobachten: Wer geht rein, wer kommt raus, was sind das für Geschichten?" Die Storys, die Oerding in seinen zwölf Songs erzählt, sind nicht nur vom Hotel-Leben geprägt, sondern auch von Reisen.
Denn 2024 nimmt sich der 44-Jährige eine mehrmonatige Auszeit, reist nach Mexiko und durch die USA. "Ich erinnere mich, dass ich bei einer der letzten Open-Air-Shows 2023 auf der Bühne schon darüber nachdachte, wie ich später eigentlich nach Hause komme und ob ich noch Hafermilch im Kühlschrank habe. Da hatte ich das Gefühl, auf der Bühne nicht mehr richtig bei der Sache zu sein."
Auch privat verändert sich einiges: Oerdings Vater stirbt, er trennt sich nach einer langen Beziehung. "Das sind alles Dinge, die mir gezeigt haben: Es ist eigentlich ein ganz guter Moment, die Handbremse zu ziehen."
Nach zwei Monaten auf Reisen und ohne Musik hält es Oerding dann nach eigenen Angaben nicht mehr aus. "Das war ein schönes Gefühl oder vielmehr eine Bestätigung. Ich kann nicht ohne. Ich muss jetzt sofort los, mir eine Gitarre kaufen." Der Sänger schreibt den Song "Hier gehöre ich hin", der sein achtes Studioalbum eröffnet.
"Bei all dem, was einen so aus dem Leben geworfen hat, war das Leben als Musiker immer das, was mich rausgeholt hat. Und was auch zu mir passt und zu mir steht: Hier gehöre ich hin." Zu Uptempo-Beats und behutsamen Gitarren erzählt er von der Suche nach sich selbst.
Die erste Single-Veröffentlichung nach der Pause setzt den Ton für die weiteren Songs. In "Niemals zu spät", "Mehr Glück als Verstand" oder "Sonntag" geht es um Erinnerungen an früher, dringend benötigte Ruhepausen und radikale Veränderungen. Gedanken, die sich viele beim Reisen fernab des Alltags machen. Auch über den eigenen Beruf und seine Berufung.
"Ich hatte den Eindruck, es ist gerade eine Zeit im Pop-Bereich, wo es eigentlich egal ist, was ich mache. Weil das Radio gerade eh kaum noch deutschsprachige Popmusik der alten Garde spielt. Deshalb wollte ich bei diesem Album einfach das machen, was aus mir kommt und mir Spaß macht."
Richtig Freude macht vor allem der Gospel-Song "Halleluja", der musikalisch und textlich heraussticht. Agnostiker Oerding bedankt sich bei einer höheren Macht für Döner Kebab, ein Anti-Alkoholkater-Pulver und den Rausschmiss von Robbie Williams bei Take That: "Sonst würden wir nicht 'Angels' singen am Ende der Nacht."
Insgesamt gehe das Album zurück zu seinen Wurzeln. "Also wirklich live eingespielt, keinen großen Schnickschnack, eher reduziert, puristisch, sehr akustisch mit Liveband." Auf seinen letzten beiden Platten habe er zu viele Gleichnisse und Analogien benutzt. Das habe im Rückblick nicht gefallen. "Bei diesem Album ist oftmals die Aussage im Refrain sehr eindeutig – andere Menschen würden sagen: banal. Aber ich wollte genau das", sagt der Songwriter offen. "Stumpf ist manchmal Trumpf."
Dennoch hat Oerding auf "Hotel" einiges zu erzählen. Im Duett mit Peter Maffay setzt er dessen Weltschmerz-Ballade "Eiszeit" (1982) fort. Der Kalte Krieg ist zwar vorbei, dennoch verschieben sich aktuell wieder politische und gesellschaftliche Parameter. "Hass lebt und Menschen sterben", heißt es in "Eiszeit 2.0". Der Altrocker singt: "Hätte nicht gedacht, dass ich das noch einmal erleb, ich hab' gedacht, wir haben daraus gelernt". Oerding sagt zu dem politischsten Lied des Albums: "Wahrscheinlich kannst du den Song in zehn Jahren wieder schreiben. Der Mensch ist einfach wahnsinnig dumm".
Ganz persönlich wird der am Niederrhein geborene Musiker in "Wolken" zusammen mit Michael Patrick Kelly. Darin verarbeitet er in emotionalen Worten den Tod seines Vaters im vergangenen Jahr.
Ab April ist Oerding, der häufig mit Hut auf der Bühne steht, erneut Gastgeber des Vox-Tauschkonzerts "Sing meinen Song". Und er geht wieder auf Tour. Diesmal hoffentlich, ohne an Hafermilch im Kühlschrank zu denken. Am 17. April gastiert er im Gasometer in Wien.






