von
Der gelungene Start vor zwei Jahren scheint die Gruppe eher zusätzlich beflügelt, denn unter Druck gesetzt zu haben. "Weil wir eine gemeinsame Sprache gefunden und einen neuen Sound entdeckt haben", betont Auer. "Irgendwie war es viel mehr was Gemeinsames, oder gemeinsam etwas ansteuern. Wir haben auch viel rumprobiert, aber mehr zweckorientiert."
Alle seien "sehr daran interessiert, dieses Ursprungsgefühl, das am Anfang eines Songs steht, irgendwie zu schützen und nicht zu sehr zu verschlimmbessern, sowohl was textliche Auseinandersetzung betrifft als auch dann in der Produktion", ergänzt Bassistin Milena Klien, die zu zwei ihrer Songs auch den Gesang beisteuert. Ursprünglich hatte man für dieses Album einen "sehr argen" Livecharakter im Kopf, so Auer. "So, als würden alle in einem Raum stehen, ohne dass da viele extra Elemente dazukommen. Ich habe mir dann aber sehr stark gewünscht, doch ganz viel Produktionsspaß mit reinzumachen, weil live spielt man live, und bei der Aufnahme kann man lustige Produktionssachen machen."
Laut Pressetext kam auch eine elektrische Zahnbürste zum Einsatz. "Ja, im Song 'Jeder Fluss'", klärt Auer auf. "Es ist eine Zahnbürste ohne Kopf an die Gitarrensaite gehalten. Daraus hat unser Produzent Jakob Herber (u.a. Bilderbuch, Anm.) dann auch ein Instrument gebastelt, das man am Keyboard spielen kann und einen ganz tollen Klang erzeugt. Der ist sehr prominent in diesem einen Song - aber leider, leider nicht viel mehr auf dem Album." Und wie kommt man auf so eine Idee? "Wahrscheinlich beim Zähneputzen ..."
Im Lied "Die Katze" läuft eine solche über Klaviertasten, behauptet die Plattenfirma. "Die ist echt", bekräftigt zunächst Auer und gesteht auf nochmalige Nachfrage, dass dem doch nicht so ist. Er habe sich jetzt nicht zu schwindeln getraut, sagt er. Was die anderen in der Band nur anstachelt: "Wir haben es mit ein paar Tieren probiert. Wir haben mehrere Tiere aufs Klavier geworfen und geschaut, welche passen", kommt es aus der Runde. Am Ende habe "der Kakadu" das Rennen gemacht.
Wahr ist jedoch, dass Endless Wellness auf "Domino Days" mit toller Instrumentierung aufwarten - etwa mit einem starken Gitarrensound. "Man hat eine Vorstellung, findet etwas gerade gut, hört selbst etwas gerne, und versucht das irgendwie herzustellen. Manchmal ergeben sich innerhalb der Spielwiese Sachen und manchmal ist es auch harte Arbeit, einen Sound hinzukriegen, den man im Kopf hat. Weil der Weg ist manchmal weit vom Demo zu einer endgültigen Aufnahme", so Gitarristin und E-Geigerin Adele Ischia.
Die Songtexte bei Endless Wellness warten mit originellen Sprachbildern auf. Man würde sich wunderbar beim Verfassen ergänzen, betont Klien. "Philipp und ich sind sehr lange Freunde, haben sehr viel Musik gemeinsam gehört und hatten eine ähnliche musikalische Sozialisierung mit deutschsprachiger Musik. Deswegen haben wir eine Basis, über Texte zu reden. Wir müssen vieles nicht erst ausdiskutieren. Trotzdem geht Philipp anders an die Texte heran. Er ist begabt darin, rhythmisch zu schreiben. Er ist ja eigentlich Schlagzeuger im Herzen. Er hat zum Beispiel für den Song 'Kontrolle ist Messer' zwei Verse zum Reimen gebracht, die sich eigentlich logisch nicht reimen."
Mit "Domino Days" im Gepäck geht es auf Tournee. Los geht es am 21. Oktober in Innsbruck (Treibhaus). Es folgen weitere Konzerte in Österreich, Deutschland und der Schweiz. "Wir spielen ohne Metronom, was wirklich schon die Ausnahme ist", beteuert Drummer Patrick Huter. "Die meisten Liveproduktionen haben Backingtracks oder zumindest ein Metronom, was den Vorteil hat, dass jeder Abend irgendwie gleich gut ist. Für manche Genres wie Hip-Hop macht der Einsatz auch Sinn. Ich finde es für Publikum super, wenn unerwartete Sachen passieren können, und dass wir uns jeden Abend gegenseitig ein bisschen überraschen, ein bisschen schauen können, was passiert."
So gerne Endless Wellness auf der Bühne stehen, einfach ist das Musikleben nicht. "Es ist eine Entscheidung, die man sich gut überlegen sollte", nickt Ischia. "Man baut das Leben rundherum. Ich habe zum Beispiel so gut wie keinen Urlaub, weil ich angestellt bin. Die fünf Wochen 'Urlaub' brauche ich für die Gruppe." Als "kleine Band" trage man auch einen Teil der Kosten: "Allein so ein Album zu machen, wenn man keine Förderung bekommt, ist halt unfassbar teuer."
Es treffe ja nicht nur Kunstschaffende, assistiert Klien. "Wie bei allem ist es wichtig, sich auf die Strukturen und nicht die Individuen zu konzentrieren. Die Struktur ist, dass alles viel mehr kostet und Menschen sich das Leben nicht mehr leisten können. Es braucht eine Form von struktureller Veränderung - vor allem eben auch in der Kreativbranche. Kultur ist kein nettes Add-on, das man halt auch haben kann. Für die Seele des Menschen sind nicht nur Essen, Schlafen und soziale Beziehungen wichtig, sondern auch die Auseinandersetzung und das Erleben von Kunst und Kultur. Das muss ernst genommen werden."
(Das Gespräch führte Wolfgang Hauptmann/APA)
(S E R V I C E - Tourdaten Österreich: 21.10. Innsbruck, Treibhaus; 24.10. Dornbirn, Spielboden; 29.10. Wien, Arena; 31.10. Linz, Posthof; 1.11. Graz, Dom im Berg; 4.11. Salzburg, Rockhouse; 5.11. St. Pölten, Cinema Paradiso; 6.11. Villach, Kulturhofkeller; 7.11. Vöcklabruck, OKH)
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/WOLFGANG HAUPTMANN
