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Die Unruhe vor dem Sturm: Xaver Bayers Briefroman "Hauch"

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Ein "Hauch" von Xaver Bayer
©APA, HERBERT NEUBAUER
Immer wieder stürmt es in der ländlichen Gegend, in die sich der Schriftsteller Veit auf einem alten Bauernhof zurückgezogen hat, sodass seine Naturbeobachtungen, die er seiner Freundin Dora mitteilt, fast den Charakter von Katastrophenwarnungen bekommen. Das Buch, in dem Xaver Bayer den Nachrichtenaustausch der beiden festhält, heißt jedoch ganz harmlos "Hauch". Das ist nicht die einzige Irritation, die der Briefroman, den Bayer am Dienstag in Wien vorstellt, auslöst.

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Schon das Sujet wirkt antiquiert. E-Mail-, SMS- oder Facebook-Romane sonder Zahl sind geschrieben worden, um in der alten Kulturtechnik des gedruckten Buches auf neue Kommunikationsformen zu reagieren. Bayer, Wiener des Jahrgangs 1977 und 2020 für sein Buch "Geschichten mit Marianne" mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet, hält bewusst dagegen. Es ist auch eine Form der Enthaltsamkeit und der Konzentrationsübung, die sich Veit und Dora, eine literarische Übersetzerin, die zum Broterwerb auch auf Kongressen dolmetscht und daher mitunter in der Welt herumjettet, auferlegt haben.

Der Briefwechsel wirkt freilich nicht nur unzeitgemäß, seine Aufrechterhaltung ist auch gefährdet. Die Post ist unzuverlässig - auch im positiven Sinn, denn die Scanner ihrer Maschinen lassen sich durch gezeichnete Briefmarken überlisten - und für den Fall des endgültigen Zusammenbruchs des Postverkehrs haben die beiden bereits geheime Brief-Hinterlegungsdepots vereinbart. Dumm nur, wenn diese ebenso vergessen werden wie der besprochene Code zum Austausch geheimer Nachrichten.

"Hauch" lässt sich als ein Zustandsbericht über die Unruhe vor dem Sturm lesen. Dora und Veit beobachten und interpretieren die Entwicklungen in ihrer Umgebung, und dass diese selten zum Optimismus Anlass geben, weiß jeder Zeitgenosse aus eigener Erfahrung. Es braut sich also etwas zusammen, in der Stadt wie auf dem Land, in der Natur wie im sozialen Gefüge. Wie das ausgehen kann, hat Bayer schon in seinen "Geschichten mit Marianne", 20 Worst-Case-Szenarien, die im Alltag beginnen und in Anarchie, Horror und Zerstörung enden, auf die Spitze getrieben.

"Hauch" ist das glatte Gegenteil davon. Die Abwesenheit von Dramatik, ja von wesentlicher, das Buch vorantreibender Handlung, irritiert ebenso wie der Umstand, dass wohl das meiste, das Veit und Dora miteinander teilen, von den Leserinnen und Lesern unterschrieben werden kann oder gar genauso bereits selbst konstatiert und kommentiert wurde - von den Segnungen des Digital Detox bis zum Ärger über die Versiegelung der Böden. "Hauch" bietet also jede Menge Projektionsfläche, hält unserer Zeit einen Spiegel vor, lässt aber nicht dahinter blicken. Den Blick dahinter verweigert Xaver Bayer. Dass er damit erst recht zu denken gibt, ist möglicherweise der Trick, mit dem "Hauch" funktionieren soll.

Das Smartphone, dessen hypertropher Einsatz in dem Buch vielfach kritisiert wird, diene jungen Menschen oft auch als Spiegel, konstatiert Dora - und wird viele Briefe später von Veit an einen anderen, fast in Vergessenheit geratenen Verwendungszweck eines Spiegels erinnert: Unter die Nasenlöcher eines reglosen Menschen gehalten, lässt sich dadurch, ob er beschlägt oder nicht, feststellen, ob ihm noch der zarteste Hauch eines Atems entweicht. Ob er also schläft oder tot ist. So gesehen, lässt sich mit Bayers Buch konstatieren: Die Menschen atmen noch. Es ist aber keineswegs sicher, ob sie einen langen Atem haben werden.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Xaver Bayer: "Hauch", Jung und Jung, 224 Seiten, 24 Euro, Buchpräsentation am 24.3., 19 Uhr, in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, Wien 1, Herrengasse 5)

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