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"Der Horizont der Nacht": Justizthriller aus Italien

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Aktualisiert
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5 min
Neuer Italien-Krimi
©Folio-Verlag, APA
Ein Mord, ein Geständnis und ein Anwalt, der zweifelt. Elvira Castell hat den Lebensgefährten ihrer Zwillingsschwester erschossen. Die Indizien sind erdrückend, sie selbst gesteht die Tat. War es kaltblütiger Mord oder Notwehr? Mit diesem Fall befasst sich der Roman "Der Horizont der Nacht" von Gianrico Carofiglio, der nun im Folio-Verlag in deutscher Sprache erscheint.

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"Der Horizont der Nacht", der wochenlang Platz 1 der Bestsellerlisten in Italien belegte, ist ein Justizthriller über die Relativität von Schuld und Wahrheit. Er verwebt die Handlung mit einer scharfsinnigen Reflexion über Verlust und Reue, über die unerwarteten Synchronizitäten des Lebens und die Suche nach Glück. Schauplatz ist Carofiglios Heimatstadt Bari.

Der in Rom lebende Autor war Richter, Senator und Anti-Mafia-Staatsanwalt in Bari, brachte im Laufe seiner Karriere zahlreiche Mafiosi hinter Gitter und konnte sich eine Zeit lang nur mit Begleitschutz öffentlich bewegen. Er verfasste Fachbücher über Aussagepsychologie und Verhörtechniken. Seit Jahren zählt er zu den erfolgreichsten italienischen Krimi-Autoren und besitzt durch seine Innensicht in den Justizapparat einen besonderen Kompetenzvorsprung.

Anwalt Guido Guerrieri übernimmt die Verteidigung der des Mordes beschuldigten Elvira Castell. Er weiß: Die Strategie der Verteidigung ist entscheidend, denn Vorsatz bedeutet lebenslange Haft. Während der Prozess seinem Höhepunkt entgegenstrebt, beginnt Guerrieri, an der Gerechtigkeit zu zweifeln. Bei Streifzügen durch die nächtlichen Gassen der Hafenstadt Bari befragt er sich selbst: Wie bin ich zu dem geworden, der ich bin? Wie erlange ich Gewissheit über mich und die Taten anderer? Ist Schuld relativ? Beharrlich versucht er, zu den menschlichen Abgründen und zum Kern seines Ichs vorzudringen - auf der Suche nach Wahrheit und Glück.

Während die verschiedenen Erzählstränge auf ihr Finale zulaufen, nimmt sich Carofiglio immer wieder Zeit für kleinere Exkurse über Gerechtigkeit und Strafe oder über Zufall, Zeit und die Planbarkeit des Lebens. So beweist er erneut sein Talent als brillanter Erzähler und präziser Beobachter. In seinem früheren Leben als Staatsanwalt und Senator in Rom hat Carofiglio so viele Geschichten aus der Illegalität erlebt, dass ihm Inspiration im Übermaß zur Verfügung steht. "Der Horizont der Nacht" geht dabei noch stärker in Richtung philosophischer Kriminalromane, mit deutlichen Einschüben psychologischer Reflexion.

Carofiglio fügt dem Genre des Justizkrimis eine kraftvolle psychologische und autobiografische Note hinzu. Anwalt Guerrieri ist im gleichen Alter wie sein Schöpfer, teilt mit ihm die enge Beziehung zur Hafenstadt Bari, Interessen wie Musik und Literatur, sowie die Liebe zum Meer.

"Guerrieri setzt sich mit dem Gefühl der Sterblichkeit und dem Vergehen der Zeit auseinander - Themen, die bereits in anderen meiner Romane vorkommen, hier jedoch schmerzhafter behandelt werden. Der Roman entfaltet sich entlang zweier Erzählstränge: Einerseits die Prozessgeschichte, andererseits die persönliche Geschichte, in einer Reflexion über den Sinn des Lebens und die komplizierte, ungelöste Beziehung, die wir auch zu uns selbst haben. Es ist letztlich eine Geschichte über die Integration der verschiedenen Teile des eigenen Selbst, aber auch über die Suche nach Glück", berichtete der Autor bei der Vorstellung der deutschen Übersetzung in Rom.

Der 1961 in Bari geborene Carofiglio begann seine literarische Karriere mit Justizthrillern, die oft auf seinen Erfahrungen im italienischen Rechtssystem basieren. Bekannt wurde er vor allem durch die Krimireihe um den Anwalt und Ermittler Guido Guerrieri, in der juristische Präzision auf psychologische Tiefe trifft. Carofiglio gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen italienischen Autoren, dessen Werke über Italien hinaus große Anerkennung finden.

(Von Micaela Taroni/APA)

(S E R V I C E - Gianrico Carofiglio: "Der Horizont der Nacht", aus dem Italienischen von Koskull, Folio-Verlag, 272 Seiten, 25 Euro)

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Folio-Verlag

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