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Comicroman "Kaputt": Alison Bechdel über die anderen USA

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Toller Comicroman aus den USA
©APA
Ein von einem lesbischen Paar betriebener Gnadenhof für Zwergziegen in Vermont, eine queere Wohngemeinschaft, in der es zu den größten Problemen zählt, dem sexlos lebenden Nachwuchs beizubringen, dass man es mit geschlechterübergreifender Polyamorie versuchen möchte, und eine Comickünstlerin, die mit einem gezeichneten Buch über Wege aus dem unheilvollen Kapitalismus an ihren ersten Erfolg anschließen möchte. Das sind die Taglines des Comicromans "Kaputt" von Alison Bechdel.

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"Kaputt", ein Jahr nach dem Original soeben in deutscher Übersetzung erschienen, ist autobiografisch, selbstironisch und subversiv. In klaren, ungekünstelten, knallbunten Bildern voller witziger Details schildert das Buch ein Landleben, das den wohl größten denkbaren Gegensatz zu jener MAGA-Welt bildet, die von US-Präsident Donald Trump als das einzige, wahre und bewahrenswerte Amerika dargestellt wird. Man lebt in einer woken Blase, versucht tausend Ansprüche an eine gerechte, nicht ausbeuterische, respektvolle Lebensweise wenigstens in der eigenen Umgebung umzusetzen - und verzweifelt daran, dass das nichts an der sich anbahnenden großen Katastrophe ändern wird.

Alison Bechdel, geboren 1960 in Lock Haven, ist für die US-amerikanische Lesbenbewegung wohl etwas Ähnliches, was Ralf König für die deutschsprachige Schwulenszene war: eine zeichnende Aktivistin, die mit ihren ab 1983 regelmäßig erschienenen Comic-Strips "Dykes to watch out for" (etwa: "Lesben, auf die man achten sollte") nicht nur einen der ältesten, sondern auch einen der erfolgreichsten queeren Comics schuf. Die Serie, von denen manche Protagonisten auch in "Kaputt" Eingang gefunden haben, wurde erst 2008 mit dem Erfolg ihrer ersten Graphic Novel "Fun Home" eingestellt. "Fun Home" jedoch übertraf alle Erwartungen: Das "Time Magazine" kürte es zum Buch des Jahres, es wurde zum internationalen Bestseller und zum Tony Award-gekrönten Broadway-Musical.

In "Kaputt", das erneut auf einen autofiktionalen Hauptplot setzt, hatte die Hauptfigur Alison ihre überaus erfolgreiche Autobiografie "Tod & Taxidermie" als TV-Serien-Stoff verkauft, dessen mit Benedict Cumberbatch, Sarah Paulson und Aubrey Plaza gedrehte Verfilmungen unter großem Publikumsinteresse gerade in der vierten Staffel laufen und der Comicautorin unerwartet viel Geld einbrachten. Sie lebt nun mit ihrer Partnerin, der Bildhauerin Holly, auf einem Hof inmitten einer idyllischen Landschaft. Wären da nicht die Nachrichten, die Überschwemmungen und die steigenden Temperaturen - man könnte die Welt für paradiesisch halten. Ist sie natürlich nicht.

Alison versucht das Unmögliche: sich selbst und ihren Überzeugungen treu zu bleiben und dennoch mit einem neuen Buch oder einer eigenen Serie an ihren Erfolg anzuschließen. "$umme: Eine Bilanz" soll die Rolle des Geldes in ihrem Leben beleuchten - "mit Fokus auf Überkonsum, Ungleichheit, unendlichem Wachstum und Medienkonzentration im Spätkapitalismus". Für die Basics wird Karl Marx aus dem Regal geholt - aber nicht nur die vielen Katzen, die nahezu durch jedes Bild streunen, sich räkeln und nach Streicheleinheiten verlangen, sorgen für Ablenkung. Bechdel zeigt in ihren Kapitelüberschriften, dass sie ihren Marx studiert hat. Sie nennt sie "Der Produktionsprozess des Kapitals", "Der Austauschprozess" oder "Expropriation des Landvolks von Grund und Boden" und zeigt gleichzeitig so liebevoll wie bissig den Kampf der queeren linken Gemeinschaft mit ihren eigenen Idealen. Der eigentliche Kampf steht erst bevor, und der Umgang mit den Covid-Regeln sorgt für deutlich mehr Kopfzerbrechen als die Auseinandersetzung mit der rechtskonservativen Welle, die sich gerade erst aufzubauen beginnt.

Alison Bechdel steht wohl für so ziemlich alles, was Trump und seine Boys verachten. Das macht Leserinnen und Lesern Mut, denn es malt ein facettenreiches Bild eines Landes, das derzeit in der medialen Darstellung untergeht. Die Stimmung in Vermont ist heute wohl um einiges alarmierter als zu der Zeit, als die Autorin ihr Buch zeichnete. Ihr Serien-Pitch in Hollywood bei "Schmetflix","Schmamazon", "Schrott-TV" und "Oh-Oh TV" für eine Serie, die den Menschen "zeigt, wie sie sich vom Konsumkapitalismus befreien und ein moralisch erfüllteres Leben führen können" (und gleichzeitig natürlich Alisons schlechtes Gewissen befriedigen soll), erntet allseits "Love it!"-Kommentare - und später überall Ablehnung. Dass sie sich danach hinsetzt und statt einer TV-Serie ein Buch namens "Kaputt" (bzw. "Spent" im Original) zeichnet und schreibt, ist die Schlusspointe, die man sich dazudenken darf.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Alison Bechdel: "Kaputt", Aus dem Englischen von Katharina Erben, Reprodukt Verlag, 272 Seiten, 24,70 Euro)

BERLIN - DEUTSCHLAND: FOTO: APA

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