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Böse Politsatire: Sasha Filipenkos Roman "Die Elefanten"

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Aktualisiert
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5 min
Satire von Sasha Filipenko
©Huber-Lang, APA
In der europäischen Gegenwartsliteratur sind die Elefanten los. Ein halbes Jahr nachdem die flämische Autorin Gaea Schoeters in "Das Geschenk" Tausende Dickhäuter aus dem Nichts kommend in Deutschland auftauchen ließ, stellt der in der Schweiz lebende Weißrusse Sasha Filipenko in seinem Roman "Die Elefanten" die titelgebenden Kolosse in Wohnungen und auf Plätzen einer nicht näher genannten Stadt auf. Plötzlich sind sie einfach da.

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War Schoeters Roman eindeutig als satirische Auseinandersetzung mit Eurozentrismus, Klimawandel und postkolonialistischer Überheblichkeit zu lesen und der offenbar über Zauberkräfte verfügende botswanische Präsident als Urheber des Chaos auszumachen, weiß man bei Filipenko nie, woher die Elefanten kommen und was sie bezwecken. Sie sind, anders als die Nashörner von Eugene Ionesco, bloß klassische, aber unübersehbare Katalysatoren für menschliches Verhalten. Und genau darum geht es Filipenko: Er nimmt den geflissentlich übersehenen "Elefanten im Raum" wörtlich und steigert die Politik des geringsten Widerstandes, der Anpassung bis zur Selbstaufgabe und des bewussten Ignorierens von etwas Unangenehmen, ins Absurde.

"Die Elefanten" ist als allgemeingültige Parabel angelegt, entfaltet seine volle Wirkung allerdings in Zusammenhang mit jenen gesellschaftlichen und politischen Vorgängen, die der 1984 geborene und auf Russisch schreibende Weißrusse, der seit der deutschen Übersetzung seines Romans "Rote Kreuze" 2020 auch hierzulande als Autor geschätzt wird, aus unmittelbarer Erfahrung kennt. Man arrangiert sich um zu überleben. Und tut so, als wäre eh alles ganz normal.

Einer will sich damit nicht abfinden: Der Stand-up-Comedian Pawel wird zur Hauptfigur und zum tragischen Helden. Mit allen Mitteln versucht er, seine Landsleute zur Beschäftigung mit dem Ausnahmezustand und zum Handeln zu motivieren. Er wird ignoriert und diskreditiert. Obwohl Elefanten auf der Comedy-Bühne tatsächlich nichts zu suchen haben, findet sein Publikum daran nichts zum Lachen, dass er sie mit allen Mitteln auf das Unübersehbare anspricht. Verbittert muss er feststellen: So macht er sich keine Freunde - und verliert seine heiß geliebte Freundin Anna, die vom Leben noch anderes haben will als sich mit Tieren zu beschäftigen, die zwar Arbeit machen (alleine die Fütterung und Entsorgung von Urin und Dung!), aber mit denen doch weitgehend unproblematisch zusammengelebt werden kann. So lautet jedenfalls das Narrativ, das die Regierung verbreitet.

Filipenko, der rund um Annas Vater, den gefeierten Schriftsteller Alexander, eine etwas ausufernde Nebenhandlung etabliert, in der er Textsorten von Leser-Postings über geheime Ministeriumsanweisungen bis Kreuzworträtsel einbaut und dabei die Literaturbranche ganz und gar nicht gut aussehen lässt, unternimmt einiges, um sein Buch nicht nur als politische Satire rezipierbar zu machen. "Die Elefanten" ist auch eine Liebestragödie, in der sich der unbeugsame Pawel als ganz und gar nicht dickhäutig erweist. Doch gegen Ende, wenn die Handlung Fahrt aufnimmt, braucht der Leser selbst eine dicke Haut. Denn die Intrigen, die den Dissidenten vor Gericht bringen, und die Strafe, die sich das Regime, das die Elefanten als ebenso schutzwürdig wie die Menschen in die Verfassung aufnimmt, gegen ihn einfallen lässt, sind auch beim Lesen kaum zu ertragen.

So ist es auch kein Wunder, dass das Einzige, das alles überdauert, der Zynismus ist. Im Schlussbild sitzt Anna mit ihrem neuen Freund vor dem Elefantengehege, in dem nun jemand Bekannter, aber strafweise Entmenschlichter, zur Schau gestellt wird, und versucht ein Kreuzworträtsel zu lösen. Sie tüfteln noch an einem allerletzten Wort. "Gefühl, das eine tiefe Verbundenheit und Zuneigung zwischen zwei Menschen charakterisiert. Fünf Buchstaben." Zweiter Buchstabe ein I, vierter ein B. Das ist schwer, stellen sie fest. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann tüfteln sie noch heute ...

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Sasha Filipenko: "Die Elefanten", Aus dem Russischen von Ruth Altenhofer, Diogenes Verlag, 256 Seiten, 26,80 Euro)

ZÜRICH - SCHWEIZ: FOTO: APA/APA/Huber-Lang

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