Gegen Populismus und Demokratiegefährdung helfen Zuversicht und Positivismus, meint der frühere Grün-Politiker Rudi Anschober. Das zeigen Wahlen in den Niederlanden, NYC und Manchester. Er hat Beispiele gesammelt, die vom Gelingen erzählen.
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Während wir reden, fallen im Iran und angrenzenden Ländern Bomben. Mit Auswirkungen auf unser Leben: steigende Preise etc. Ist „Mut“, wie Sie ihn in ihrem Buch propagieren, nicht etwas viel verlangt?
Genau deswegen braucht es Ermutigung. Natürlich haben uns die Krisen der letzten Jahre und auch der brutale Krieg in der Ukraine Zuversicht gekostet. Das macht etwas mit uns. Doch wir können etwas tun und aus positiven Veränderungen, die wir in vielen Bereichen schaffen, begründete Hoffnung schöpfen.
Der Krieg im Nahen Osten ist ein Beweis mehr, dass es überfällig ist, sich energiepolitisch autark zu machen. Europa überweist jedes Jahr unfassbare 500 Milliarden Euro für Öl und Gas in unsichere Regionen und stärkt die Regime dort. Dabei könnten wir uns mit Sonne, Wasser und Wind selbst versorgen. Das wäre gut für unsere Wirtschaft und für die soziale Sicherheit. Nur so können wir internationalen Unruhen gelassener entgegensehen, wir dürfen nicht mehr erpressbar sein.
Das weiß man eigentlich seit Jahren.
Was schön ist, aber auch nachdenklich macht: Andere sind mittlerweile viel weiter als wir. China, zum Beispiel. Dort hat man die Energiewende lange verschlafen, ist aber mittlerweile Weltmeister. Auch Australien, viele US-Bundesstaaten, Indien, Pakistan und afrikanische Staaten überholen uns.
Dabei wäre es dringend notwendig für ein zukünftiges Europa, dass wir in den großen Bereichen Sicherheit, digitale Versorgung und Energie vollständig unabhängig und eine Gegenmacht zu den Trumps dieser Welt werden.
Europa hatte eine Vorreiterrolle bei den erneuerbaren Energien.
Es haben sich aber in Österreich sehr viele Regierungen darauf verlassen, dass wir aufgrund unserer starken Wasserkraft im statistischen Vergleich gut dagestanden sind. Deswegen hat man die anderen Erneuerbaren, Sonne und Wind, lange sträflich vernachlässigt.
Wir haben damit die große Chance, die Energiewende für einen Wirtschaftsboom und grüne Jobs zu nützen, verspielt. Genauso wie Deutschland, übrigens, das lange vorn war, den Ausbau dann politisch gestoppt hat, wodurch China nun der Gewinner fast jeder Photovoltaik-Installation ist, weil dort die Industrie der Zukunft steht. Aber das ist kein Schicksal, das kann man korrigieren. Europa kann mehr!
Österreich ist ein pessimistisches Land geworden. Wann ist das passiert?
Das ging Hand in Hand mit dem Aufkommen der Rechtsextremen in Österreich. Deren Stärke baut auf negativer Stimmung, Unzufriedenheit, Enttäuschung, ja, Wut auf. Ausgerechnet in Zeiten, wo es uns immer besser gegangen ist, ist die Stimmung immer schlechter geworden. In der Pandemie hat sich diese negative Entwicklung nach einmal dynamisiert.
Rechte Parteien leben von den Problemen, die sie in der Regierung gar nicht lösen wollen, und der schlechten Stimmung. Man muss allen aufgeklärten Menschen daher dringend sagen: Die beste Immunisierung gegen Rechts ist Zuversicht und Positives!


Vortragsreisende: Rund 10.000 Menschen hat Anschober von seinem letzten Buch erzählt. Junior ist bisweilen mit auf der Bühne
Zuletzt gab es in den Niederlanden, in New York City und in Manchester Wahlsiege von Menschen, die eine optimistische Geschichte erzählt haben. Schlägt das Pendel irgendwann in die andere Richtung?
Zuversicht, ein positives Auftreten, klare zukunftsorientierte Inhalte – das ist das Gegenmodell zum Rechtsruck, den wir weltweit bei den Wahlen des Jahres 2024 erleben mussten. In diesem Jahr durften rund 50 Prozent der Weltbevölkerung wählen, in den meisten Fällen haben dabei die Regierungen verloren und rechte, teilweise sehr rechte Parteien haben gewonnen.
Hauptursache ist die schlechte Stimmung, der fehlende Zukunftsglaube, dadurch ist eine gigantische Sehnsucht nach Erneuerung entstanden. Die Wahlen des Jahres 2025 und zuletzt in Manchester sind der Beweis, dass es auch anders geht. Das ist auch die Botschaft in meinem Buch: Die Welt steht nicht am Abgrund, wir stehen in vielen Bereichen sogar viel besser da, also vor 25 Jahren. Die Vergangenheit wird oft glorifiziert. Statistik ist da die beste Therapie: In den allermeisten Bereichen, wie Gesundheit, Bildung, Lebenserwartung, Sicherheit Kindersterblichkeit etc. ist es deutlich besser geworden.
Das wird aber nicht wahrgenommen. Das hat auch mit dieser Strategie von Rechts zu tun: Flooding the zone with shit, wie Trump-Berater Stephen Bannon formuliert hat. Alles schlechtreden, alle Kommunikationskanäle mit Müll, mit Lügen verstopfen. Das ist ihnen grandios gelungen.
Man sieht, wie erratisch Trump agiert und es den Menschen in den USA nicht besser geht – wird er noch zum Wahlhelfer gegen Rechts?
Es könnte eine furchtbare Schocktherapie sein. Parallel ist es aber nötig, Erfolge und positive Entwicklungen sichtbar zu machen, damit die Menschen nicht das Gefühl haben, es geht alles den Bach runter.
Trump will das ja, darum unterstützt er die AfD, die FPÖ oder Orbán. Er will, dass Europa seine Stärke und seine Werte verliert. Unsere Werte sind Menschenrechte, Freiheit, Demokratie – es lohnt sich, uns für sie zu engagieren. Dafür braucht es aber auch das Selbstbewusstsein, dass Engagement Sinn macht. Ich habe daher für das Buch viele Orte besucht, an denen Veränderung gelungen ist. Kopenhagen zum Beispiel, da ist jetzt fast jeder mit dem Rad unterwegs.
Es gibt mehr Fahrräder als Einwohner.
600.000 Einwohner, 140.000 Autos, 700.000 Fahrräder. Das hat mit der Umgestaltung der Stadt zu tun und damit, dass alle Parteien gemeinsam darauf hinarbeiten. Das hat mit dieser großartigen skandinavischen Konsensdemokratie zu tun. Bei großen Fragen setzt man sich so lange zusammen, bis Einigkeit hergestellt ist und handelt danach.
Fahrräder sind dort im Verkehr privilegiert. Die Menschen in Kopenhagen empfinden das aber nicht als Verzicht für Autofahrer, sondern sie sagen: Man ist schneller, lebt gesünder, spart Geld. Darum machen es alle. So muss man Veränderung und aufgeklärte Politik kommunizieren. So muss man Klimaschutz verwirklichen.
Man gewinnt nicht, indem man eine Kopie der FPÖ ist, sondern man gewinnt mit dem Gegenprogramm
Warum gelingt es Politikern bei uns nicht, positiv zu kommunizieren?
Bei den Grünen klappt das schon zum Teil. Robert Habeck war ein Vorreiter in diese Richtung, Cem Özdemir hat so sensationell Baden-Württemberg gewonnen. Es stimmt total: Die Wahlsiege, die von fortschrittlichen Personen errungen wurden, die genau diesen Optimismus offensiv leben, müssen ja auch andere Parteien jenseits der Rechtsextremen nachdenklich machen.
Man gewinnt nicht, indem man eine Kopie der FPÖ ist, sondern man gewinnt mit dem Gegenprogramm. Und das Gegenprogramm lautet nicht „Die Welt geht unter“, sondern „Hey, wir haben eine Chance, das Leben kann besser werden und wir schaffen das“. Aber natürlich ist es schwieriger, das Positive zu kommunizieren als das Negative.
Das ist auch ein Medienthema.
Je größer die Krise der redaktionellen Medien wird, desto schwieriger wird es. Aber auch Chefredakteurinnen sagen mir, dass ihre Leserinnen und Leser sich positive Nachrichten wünschen.
Laut einer Studie des Complexity Science Hub wuchs die Spaltung der Gesellschaft mit den sozialen Medien.
Das Scharfstellen der sozialen Medien hat sehr viel mit dem Negativschub zu tun, den wir in den letzten Jahren erleben. Mit Scharfstellen meine ich die Einführung von Algorithmen, die entscheiden, wer welche Nachrichten bekommt. Das wird stark auf Basis von Empörung und Emotion gesteuert, daher gibt es einen totalen Negativverstärker durch die sozialen Medien. Sie bereiten den Boden für den Rechtsruck in der Politik auf.
Es gibt da eine sehr eindrucksvolle Liste: Die sechs reichsten Menschen der Welt sind, erstens, Männer, besitzen, zweitens, alle großen Tech-Medien und stehen, drittens, alle Donald Trump nahe. Das ist eine unfassbare und demokratiegefährdende Konzentration, der man etwas entgegensetzen muss – nämliche klare Regeln für die Plattformen und Unterstützung für die redaktionellen Medien mit ihren Checks und Gegenchecks.
Das ist eine politische Aufgabe und das wird die Messlatte für Andreas Babler als Medienminister. Es fließen bereits Milliarden Euro an Werbegeldern zu den Plattformen, die früher bei den redaktionellen Medien waren. Das heißt, wir verlieren Wahrheit und bekommen Negatives. Das kann es nicht sein. Das muss man regeln. Dazu gibt es Politik.
Die CSH-Studie sagt sinngemäß, dass einige wenige Influencer ausreichen, um die Stimmung ins Negative zu drehen. These: Funktioniert das auch mit positiven Influencern?
Das können wir alle machen. Das können redaktionelle Medien machen. Das kann und muss die Politik machen. Deswegen schreibe ich Bücher. Beim letzten waren über 10.000 Menschen bei meinen Lesungen. Das hat einen großen Multiplikatoreffekt.
Aber das Wichtigste ist, dieses Prinzip zu verstehen: Je negativer und destruktiver Politik, Kommunikation und Berichterstattung sind, desto mehr bereiten wir den Boden für die Digitalplattformen und verschieben die Politik nach Rechtsaußen. Aus dieser Falle müssen wir herauskommen.
Wo sehen Sie uns in fünf Jahren?
Ich sehe uns 2031 als selbstbewusstes Österreich und als Teil einer sehr starken Europäischen Union, die bewusst der Gegenpol zu den Trumps dieser Welt geworden ist. Einer Europäischen Union, die die liberale Demokratie nicht aufgeweicht, sondern erweitert, vertieft und präzisiert hat. Man kann die liberale Demokratie nur dann bewahren, glaube ich, wenn man mehr Menschen in Entscheidungsfindungen einbezieht – wir brauchen eine Durchflutung aller Lebensbereiche mit Demokratie. Bürgerräte, Regionalabstimmungen etc.
Wenn es in Paris in einer Straße einen Verkehrsrückbau gibt, werden vielfach die Betroffenen befragt, welche Variante sie wollen. Dadurch wird es auch ihr Projekt. Im April wird in Paris gewählt. Selbst wenn der Nachfolger von Anne Hidalgo, die nicht mehr antritt, diese Wahl verlieren würde – was sich nicht abzeichnet –, diese Mitbestimmung ist in der Stadt so verankert, das kann keine Stadtregierung mehr abschaffen. Eine lebendigere Demokratie – das muss die Antwort sein auf die Gefährdung der Demokratie. Auch das wird für bessere Stimmung und zu mehr Glauben an die Zukunft führen.
Das Buch


Für sein jüngstes Buch ist Rudi Anschober an Orte gereist, in denen z. B. Energiewende oder Verkehrspolitik gelingen. „ErMUTigung“ ist Ueberreuter-Verlag erschienen.
€ 24.-
Steckbrief
Rudi Anschober
Der Oberösterreicher ist ein Grüner der ersten Stunde. Er war Landtags- und Nationalratsabge ordneter, Landesrat für Energie und Umwelt und später für Soziales und Integration in Oberöster reich. Von Jänner 2020 bis April 2021 war er Gesundheits- und Sozialminister. Seit seinem Rücktritt hat er mehrere Bücher verfasst und hält Vorträge
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 11/2026 erschienen.







