Das Wiener Volkstheater hat schon bessere Zeiten gesehen, und die sind beunruhigend lang her. Jetzt sind die Chancen, sich von direktoralem Versagen infolge politischer Fehlentscheidungen zu erholen, wieder intakt: Der erfolgreiche Intendant und Regisseur Jan Philipp Gloger übernimmt. Ihn begleitet Johanna Wokalek ins Engagement.
Gepeinigten Anhängern strauchelnder Traditionsvereine können die Emotionen leicht durcheinandergeraten. Zumal die Schauplätze der lebendigen Kindheitsträume oft viel gemeinsam haben: Der Fußballclub Austria Wien zum Beispiel war in der vergangenen Saison auf Meisterkurs.
Das Wiener Volkstheater hingegen hat die Abstiegsphase mit letzter Mühe überstanden. Dafür taumelt jetzt die Austria durch eine frühsaisonale Krise. Das Volkstheater hingegen hat sich verstärkt: mit einem Erfolgstrainer aus dem guten Mittelfeld der deutschen Bundesliga und einer Spielmacherin, der man gern die an Pelé, Maradona und Messi erprobte Rückennummer 10 zuerkennen möchte.
Aus der Krise?
Heißt: Weil sich der 2020 aus Dortmund invadierte Katastrophenvolkstheaterdirektor Kay Voges keinen Tag zu früh nach Köln verändert, regiert mit September der Nürnberger Intendant Jan Philipp Gloger, 44, das leer gespielte Haus. Mitgebracht hat er die schauspielerische Championsligistin Johanna Wokalek, 50 (mehr auf Seite 77).
Der Unterschied ist mit Händen zu greifen: Voges war Dortmund und ist Köln, aber weiter wird es nicht gehen. Gloger hingegen ist auch Bayreuth (2012, „Der fliegende Holländer“), Amsterdam, London und Dresden, jeweils im Opernfach. Soeben hat er in Berlin Richard Strauss’ „Schweigsame Frau“ inszeniert, die dritte Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Christian Thielemann, der auf News-Anfrage lobt: „Sehr versiert, auch im komischen Fach. War schön, mit ihm zu arbeiten.“ Für den wortkargen, Regie-Eskapaden bekannt unzugänglichen Pult-Giganten gleicht das einer Ovation.
Er habe jetzt zunächst alle Angebote von auswärts abgelehnt, ohne deshalb die diesbezügliche Karriere ganz aufgeben zu wollen, sagt der freundliche, beredsame Direktor, als er News im spartanischen Direktionsbüro empfängt.
Das Krisenhaus
Einfach wird es nicht: Das 1889 mit 1.901 Plätzen eröffnete Haus wurde seither auf 800 hinuntergefahren. Aber zuletzt waren auch die viel zu viel, obwohl der obere Rang meist geschlossen und das Haus in manchen Monaten nur neun Mal mit Theateraufführungen bespielt wurde. Das Abonnement ist praktisch liquidiert. Die Subvention wurde zwar auf 15,8 Millionen erhöht, aber die Josefstadt bezieht 18,9 und das Burgtheater 56,8. Somit kann das Volkstheater karge 20 Ensemblemitglieder ernähren – die Josefstadt 48, die Burg 72.
Jan Philipp Gloger
Geboren 1981 in Hagen, studierte in Zürich Regie und etablierte sich an guten Häusern in Berlin, München und Düsseldorf (Uraufführung von Elfriede Jelineks „Das Licht im Kasten“). Als Opernregisseur u. a. in Bayreuth, London, Amsterdam, Dresden und Berlin erfolgreich.
Ab 2018 Schauspielintendant in Nürnberg, mit Beginn der Saison 2025/26 Direktor des Volkstheaters. Hier inszeniert er die Einstandsproduktion mit Werken Jura Soyfers (12. 9.) und in weiterer Folge Nick Hornbys „State of the Union“ mit Johanna Wokalek für die stets unterschätzte Außenbezirke-Tournee.
Atouts im Ensemble
Gloger hatte diesbezüglich wenigstens freie Hand, denn das von Voges ohne Gespür für die hiesige Tonalität aus Dortmund importierte Ensemble ist großteils nach Köln weitergezogen. Vielfach ohne in Wien auch nur namentlich aufgefallen zu sein.
Die Besten, unter ihnen Anna Rieser und Samouil Stojanov, hat Gloger behalten, ein paar Vertraute aus Nürnberg mitgebracht und dazu spektakuläre Verstärkung verpflichtet: Neben Johanna Wokalek sind das der international renommierte Sebastian Rudolph und Paula Nocker, die an der Josefstadt einen Blitzaufstieg vollzogen hat. Gloger hat sie gesehen und sie ihm zugesagt, noch ehe die ab September 2026 amtierende neue Josefstadt-Direktorin erste Kräfte des Hauses freizusetzen begann. Dass sich Gloger aus diesem Fundus weiter verstärken könnte, scheint vorerst leider unwahrscheinlich: Er müsse aus den bescheidenen Ressourcen eine Tugend machen, sagt er, und das Ensemble stehe bei ihm im Mittelpunkt. Mit „Sorgfalt und Schweiß“ habe er Leute auch aus der Wiener Off-Szene gesucht, die alle das Zeug zur ersten Reihe hätten und traditionelle wie progressive Ausdrucksformen beherrschten. „Wenn einer in eine Komödie geht und sich total in eine Schauspielerin verliebt, kommt er vielleicht in ein experimentelles Stück, das er fürs Erste gar nicht spannend findet. Aber die Brücke ist gebaut.“
Deshalb sind zwar die Hipster, die Voges ansprechen wollte, willkommen. Aber der Direktor selbst wird sich mit seinem Atout Johanna Wokalek der unbeliebten Außenbezirke-Tournee unterziehen, die traditionell unerlöste Ensemblemitglieder vom Haus fern- und vom Intrigieren abhalten sollte: Gemeinsam erarbeitet man Nick Hornbys Psychokomödie „State of the Union“.
Im Premierenrausch
Das Pensum des ersten Monats ist enorm: Vom Vorgänger waren nur zwei Produktionen übernehmbar. Also muss Repertoire aufgebaut werden, mit zwei Premieren im großen Haus innerhalb der ersten Woche und einer weiteren 14 Tage später. Die Nebenschauplätze eingerechnet, stemmt man im September fünf Premieren: Man will wieder mehr Theater spielen als zuletzt.
Die Atmosphäre der Stadt sowie die Geschichte des Hauses als Theater politischer Aufklärung spiegeln sich in den ersten Produktionen. Jura Soyfer vor allem ist nicht nur die Startproduktion zugedacht, sondern auch ein biennal vergebener Theaterpreis für humorvolle politische Stücke.
Soyfer, 1912 in Charkiw geboren, war der Jüngste der Wiener Kabarettistengeneration, die von den Nazis ausgelöscht wurde. Anders als Fritz Grünbaum und Peter Hammerschlag war er dezidiert politisch und Mitglied der illegalen KP. Seine kabarettistischen Texte handeln von sozialem Unrecht, Kriegstreiberei und Blindheit vor dem sich anbahnenden Verhängnis. Ihnen allen ist aber der marxistische Zukunftsglaube gemeinsam. Gloger, der vier zentrale Texte Soyfers collagieren ließ: „Wie kann jemand, der so vital, so wild, anarchisch, lebensstrotzend und voll Selbstironie ist, kaltblütig umgebracht werden und aus dem Licht ins absolute Dunkel stürzen? Das kann man nicht erzählen, indem man ein Trauerspiel inszeniert, sondern man muss die Vitalität und den Optimismus aufrufen, aber das Schreckliche ahnen lassen. Auch wie erschreckend nah er an unserer Zeit ist.“
Sind wir denn dort schon wieder? „Die Gefahr ist, dass wir uns auf dem Weg dahin befinden. Demokratiefeindlichkeit, Ausgrenzung, Antisemitismus sind die Schlüsselbegriffe. Wir müssen das enttarnen und etwas dagegensetzen. Man kann“, fährt Gloger fort, „als Theater im Vergangenen das Heutige entdecken. Man kann aber auch die Kontinuitäten aufzeigen. Es gab eben nach 1945 keinen Bruch und alles war vorbei. Sondern es gibt Verbindungen von 1945 bis zu heutigen Neonazis.“
Hanekes Psychothriller
Der ästhetische Kontrast zur zweiten Premiere könnte nicht größer sein. Und doch dringt auch Michael Hanekes Psychothriller „Caché“ aus dem Jahr 2005 in vergleichbar giftige Biotope vor: Das im Original von Daniel Auteuil und Juliette Binoche verkörperte Ehepaar wird Schicht um Schicht seiner Upper-class-Gewissheiten entblößt. Haneke hat die Genehmigung zur Dramatisierung erteilt, ohne sich ins Projekt einzubringen. Das Volkstheater dankt mit der Luxusbesetzung Johanna Wokalek und Sebastian Rudolph.
Das Programm
„Ich möchte zur Milchstraße wandern“. „Weltuntergang“, „Astoria“, „Vineta“ und „Schulstunde im Jahr 2035“ von Jura Soyfer. Regie: Jan Philipp Gloger. Mit Samouil Stoyanov, Maximilian Pulst, Alicia Aumüller u. a. Premiere am 12. September.
„Caché“ nach dem Film von Michael Haneke. Ein Upper-class-Ehepaar wird von einem finsteren Geheimnis aus der Kindheit des Mannes heimgesucht. Felicitas Brucker inszeniert. Johanna Wokalek, Sebastian Rudolph und Bernardo Arias Porras spielen. Ab 14. September.
„The Boys are Kissing“, Komödie von Zak Zarafshan. Die kleinen Söhne zweier Bobo-Familien haben einander auf dem Schulhof geküsst! Die Folgen sind dramatisch. Martina Gredler inszeniert, Nancy Mensah-Offei, Karoline Reinke, Katharina Kurschat und Nick Romeo Reimann spielen. Ab 25. September.
Dass wir dieses Programm mit diesem Budget hingekriegt haben, darauf bin ich jedenfalls sehr stolz. Wir müssen wirklich jede Position überlegen
Und das Geld?
Reicht nun, um zum nicht Unwesentlichen zu gelangen, das Geld? „Ich habe für das, was Sie in diesem Programm finden, genug Geld. Aber wir müssen ungeheuer gut haushalten. Wir müssen uns wirklich jede Position überlegen. Die Situation ist mir aber auch nicht anders dargestellt worden.“
Stehen gar Kürzungen im Raum? Der Direktor zögert. „Das kommt darauf an, ob man stagnierende Fördermittel als Kürzung versteht. Das ist natürlich praktisch so, wenn man die jährlichen kollektivvertraglichen Steigerungen bei den Festangestellten, aber auch die steigenden Honorare für Gäste und nicht zuletzt die steigenden Materialkosten betrachtet. Es geht also nicht ohne kontinuierliche Erhöhung der Fördermittel. Dass wir dieses Programm mit diesem Budget hingekriegt haben, darauf bin ich jedenfalls sehr stolz.“
Sagt der Direktor, nicht ohne seine Unerschrockenheit zu betonen. Das Regieführen, in das er sich gleich nach der Spielplanpräsentation gestürzt habe, sei „einfach gut verbrachte Lebenszeit. Und ich bin neugierig. Nicht angespannt, aber gespannt auf das, was wir hier lostreten“. Ganz unsererseits.
Johanna Wokalek: „Der Welt etwas sagen“


Johanna Wokalek
© Marcella Ruiz CruzDie Wohnung im Zentrum Wiens hat sie wenigstens gehalten in den Jahren der Abwesenheit. Für die baden-württembergische Ärztetochter Johanna Wokalek hat sich hier Entscheidendes angebahnt. Quasi vom Reinhardt-Seminar weg schrieb sie mit Paulus Mankers Uraufführungs-„Alma“ im Sanatorium Purkersdorf Geschichte. Wenig später war sie schon am Burgtheater und spielte hier sechs Mal unter Andrea Breth, einer Lebensbegleiterin sondergleichen.
Jetzt ist sie 50 und lebt eigentlich in Paris. Der Ehemann, der Dirigent Thomas Hengelbrock, leitet dort ein Orchester, der 13-jährige Sohn besucht dort die Schule.Da meldete sich Jan Philipp Gloger, und die Neugierde auf den ersten Theaterneuanfang ihres Lebens war größer als alles. Zumal ihr die oft komplizierte Organisation von Künstlerehen endlos geläufig ist. Ihr Debüt ist gleich das Leuchtturmprojekt: Zur Vorbereitung auf Michael Hanekes Psychothriller „Caché“ hat sie das gesamte, durchaus fordernde Filmschaffen des österreichischen Genius gesehen und ein Buch mit seinen Gesprächen gelesen.
Zuletzt hat sie sich als Ermittlerin im Münchner „Polizeinotruf 110“ einem Genre verpflichtet, von dem man sich früher aus Prestigegründen ferngehalten hat. Das ist anders geworden. Die Arbeit mit ersten Regisseuren wie Adrian Goiginger sei auch künstlerisch attraktiv. Zumal der Kinofilm eine schwere Krise erdulde. Kompliziertere Erzählweisen seien beinahe abgemeldet, klagt sie. Sie selbst habe mit drei jungen Filmemacherinnen praktisch um Gottes Lohn gearbeitet. „Damit Kino überhaupt noch zustande kommt.“
Aber es gibt auch Gutes: Das ominöse Schauspielerinnenalter 40 plus, in dem die Rollen auch mangels klassischen Repertoires auszubleiben beginnen, ist kein Schicksal mehr. „Ich merke es bei den jungen Frauen, mit denen ich soeben Filme gemacht habe: Das Denken, dass es da eine Grenze gibt, weil man alt wäre, hebt sich auf. Weil man doch vielleicht intelligent genug ist, zu sagen, je länger wir auf der Welt sind, desto mehr haben wir der Welt zu sagen.“
Das Volkstheater
Das Volkstheater wurde 1889 als bürgerliches Gegenstück zum Burgtheater eröffnet. Das Gebäude der Architekten Helmer-Fellner war mit 1.901 Plätzen das größte Theater des Sprachraums. Nach dem Krieg wurde es unter Leon Epp und Gustav Manker zum bedeutenden Haus der politischen Aufklärung.
Bertolt Brecht, Johann Nestroy, Wolfgang Bauer, Gert Jonke, Elfriede Jelinek hatten hier bis in die Direktionen Emmy Werners und Michael Schottenbergs ihre Heimat. Ab 2020 geriet es in eine immer bedrängendere Krise.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr.35/2025 erschienen.