Der Toast, ein kulinarisches Relikt aus den Wirtschaftswunder-Jahren, erlebt gerade ein erstaunliches Comeback.
Plötzlich gibt es überall Toast. Er trägt mitunter andere Namen, heißt jetzt „Grilled Cheese Sandwich“, „Croque Monsieur“ oder sogar „Karl Heinz“. Und scheint seinen bisherigen Status als studentische Notlösung für den Fall, dass Geld, Zeit und Fantasie gerade knapp sind, eindrücklich abgelegt zu haben.
Wirklich gesund ist der Toast ja nicht, auf Instagram macht er auch nur bedingt was her, nicht einmal Konzern-Interessen oder der übliche TikTok-Hype können für den Toast-Trend ins Treffen geführt werden. Aber was ist es dann, das die Lust bei vor allem jungen Menschen nach in Butter geröstetem Weißbrot mit Schinken und geschmolzenem Käse samt Ketchup-Garnitur aufflammen lässt?
Stimmungslage: toasty
Das hat sicher auch mit Stimmungen zu tun, etwa mit jener, dass früher alles besser gewesen sei. Die Freude am Schinken-Käse-Toast reiht sich damit neben Secondhandmode, Mid-Century-Mobiliar oder der Wiederentdeckung des alten Rennrads in den aktuellen Retro-Lifestyle ein, Nostalgie ist das neue Schwarz.
In eine ähnliche Gemütslage spielt ein Umstand, den der Toast perfekt bedient, und die man im Englischen treffend als „Comfort Food“ bezeichnet: Man kennt ihn noch aus unbekümmerten Kindheits- und Jugendtagen, in Butter geröstetes Brot liefert reichlich Aroma-Stoffe, die man der sogenannten „Maillard-Reaktion“ zuschreibt, also der nicht-enzymatischen Bräunungsreaktion, die wir als köstlich empfinden.
Die Wissenschaft sagt Ja
Man isst ihn mit der Hand, was für eine weitere sinnliche Komponente sorgt, der geschmolzene Käse wiederum reizt die Umami-Rezeptoren, enthält die Serotonin-Vorstufe Tryptophan und wirkt damit stimmungsaufhellend, die Kombination von weich, warm, salzig, fettig ist genau das, was unser Urmenschengehirn als „gut“ registriert. Von der wissenschaftlich noch nicht ganz eindeutig belegten beruhigenden Wirkung des Casomorphins, das bei der Verdauung von Käse und anderen Milchproteinen entsteht, gar nicht zu sprechen. Der warme, salzige Schinken sowie das süße, rote Ketchup müssen dann in Wirklichkeit nur mehr Assistenzdienste zur Beglückung leisten.
Keine Küche? Toast!
Dass all die hippen jungen Lokale sich bei der Erstellung ihrer Speisekarten ernährungswissenschaftlich beraten lassen, ist unwahrscheinlich. Die starke Präsenz des Toasts in dieser gastronomischen Kategorie liegt vielmehr daran, dass viele davon gar keine Küche haben und sich die Gerätschaft auf einen Toaster beschränkt.
Stellt sich die Frage: Was macht einen Toast zum guten Toast? Michi Nowak arbeitet sich an dieser Thematik seit 2004 ab, da übernahm er gemeinsam mit Julia Zerzer ein kleines 50er-Jahre-Espresso in der Wiener Burggasse und sie befanden, dass der Toast in diesem Umfeld der ideale Snack sei. Ja, am Anfang gab es da auch Versuche mit dem berüchtigten „Toast Hawaii“, später setzte sich die Erkenntnis durch, dass es vor allem gute Zutaten brauche. Das ist im Espresso-Fall das Brot der Wachauer Bäckerei Schmidl, Käse der Schweizer Avantgarde-Käser Jumi, der Schinken stammt von Beinschinken-Guru Roman Thum.
Wer toastete zuerst?
Über die Herkunft des Toasts gibt es zahlreiche Theorien, die unter ihren Anhängern auch gerne leidenschaftlich diskutiert werden. Tatsache aber ist: Die Geschichte des Schinken-Käse-Toasts wurde noch nicht geschrieben, sein genauer Ursprung liegt daher noch im Dunkeln. Allerdings gibt es ein paar Anhaltspunkte, zum Beispiel sprachlicher Natur:
In England wurde Brot schon seit dem Mittelalter über der Flamme geröstet und danach belegt, sowohl süß als auch pikant, im 19. Jahrhundert etablierte sich das knusprige Weißbrot mit Belag zur Teatime. In seiner heute bekannten Version dürfte er hingegen unter der Bezeichnung „Croque Monsieur" rund um die Jahrhundertwende in den Pariser Cafés entstanden sein und fand immerhin literarische Erwähnung in Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit".
Wo er definitiv nicht erfunden wurde, ist Österreich, dort hielt der Toast erst in den 50er-Jahren Einzug in die Speisekarten, galt zu dieser Zeit als modern und amerikanisch, wurde aber recht schnell fixer Bestandteil der klassischen Kaffeehauskarte, neben Schinkenrolle, Mayonnaise-Ei und gerösteten Knödeln.
Sandwich mit Vornamen
Der in Foodie-Kreisen und unter Toast-Maniacs aktuell am lautesten gefeierte Toast stammt von Peggy Strobel und trägt die Bezeichnung „Karl Heinz“. Warum Karl Heinz? Weil das der Name ihres Schwiegervaters Karl Heinz Mraz war, der in seinem Donaustädter Café immer schon großartigen Toast zubereitete, bevor er mit seinem Sohn Markus 1990 das Restaurant Mraz & Sohn aufmachte. Das sich zu einem der besten Restaurants des Landes entwickelte und in dem Peggy Strobel lange Restaurantleiterin war, bis sie vor drei Jahren beschloss, eine pittoreske Filiale der Strebersdorfer Rösterei Naber aus den 60ern zu übernehmen und „Cafetière“ zu sein.
Auch hier bedingten Ambiente und Toast einander, per Vergleichsverkostung suchten Peggy Strobel und Markus Mraz nach dem ihrer Meinung nach perfekten Toastbrot und fanden es in Form des italienischen Toasts der Wiener Bäckerei Felzl, für den Käse sorgt auch hier Jumi, beim Schinken entschied sich Strobel für ein Sous-vide-gegartes Exemplar einer kleinen oberösterreichischen Metzgerei, „auch, um etwas anderes als die anderen zu haben …“.
Widerstand zwecklos
Und auch, wenn bei der Cafetière eigentlich der Kaffee im Mittelpunkt steht und das feine Backwerk in der Vitrine unwiderstehlich ist – der Duft des geschmolzenen Käses ist in dem hübschen Café mit seinen Bisazza-Fliesen mittlerweile allgegenwärtig. Und man kann sich tatsächlich nur sehr schwer dagegen wehren, einfach wieder mal einen Toast essen zu wollen. Wie gerade alle …
Literaturtipp: Bliss on Toast


Prue Leith, Bliss on Toast
Ja, auch zum Thema Toast kann man ein Kochbuch schreiben, wie die britische Kochbuch-Autorin, Fernseh-Köchin und Leiterin einer Kochschule Prue Leith beweist. 75 Anleitungen, um aus dem einfachsten Gericht der Welt eine kleine Sensation zu machen.
192 Seiten, Bloomsbury Publishing 2022
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 09/2026 erschienen.







