Weniger Alkohol, seltener Alkohol oder gar kein Alkohol mehr ist für viele selbstverständlicher denn je. Hat die Spitzengastronomie dafür ein Rezept parat? Es scheint so.
Wer vor zehn Jahren zum Beispiel anlässlich der traditionellen Fastenzeit vor Ostern auf Alkohol verzichtete, wurde noch argwöhnisch gefragt, ob man denn auf einmal religiös geworden sei. Mittlerweile ist der „Dry January“ nicht nur in der Mitte der Gesellschaft angekommen, sondern dank Sozialer Medien nachgerade Mainstream.
Einerseits das, andererseits verliert Alkoholkonsum als quasi immaterielles Kulturgut und abendländisch-kulturelle Traditionspflege gerade ein bisschen an Boden: Laut einer Studie des Market-Instituts verzichten mittlerweile 19 % der Österreicherinnen und Österreicher freiwillig auf Alkohol, unter der weiblichen Bevölkerung sind es sogar 24 %.
Das allein sind schon recht beachtliche Zahlen, umso bemerkenswerter aber, dass sich die Zahl der Abstinenzler in nur drei Jahren fast verdoppelt hat. Die Gründe dafür liegen, wenig überraschend, im gestiegenen Gesundheitsbewusstsein (36 %) – geschmackliche Abneigung (35,8 %) und der Unwillen, den Körper durch Alkohol zu belasten (34,8 %) folgen knapp danach – pragmatische Gründe wie Autofahren (18,3 %) oder soziale Ursachen, etwa abschreckende Beispiele im Umfeld, werden ebenfalls genannt. Treiber dieser gesellschaftlichen Veränderungen sind besonders die Jungen, Millennials und Gen Z, die eine Tradition der allwochenendlichen Alkoholvergiftung infrage stellen.
Alkoholfrei und Genuss – kein Widerspruch
Ob exakt diese jungen Menschen die Kundschaft für Patrick Bayers alkoholfreien Top-Wein „Zeronimo Century Blend“ – eine 20 Jahre gereifte und dann entalkoholisierte Top-Cuvée aus mittelburgenländischem Blaufränkisch, Pinot Noir und Merlot – um knapp 50 Euro sind, darf angezweifelt werden.
Allerdings finden offenbar auch deren Eltern zunehmend Geschmack an edlen Tropfen ohne Alkohol: Im Restaurant Tian in der Wiener City, mit einem Michelin-Stern und vier Hauben bei Gault Millau eines der höchstdekorierten Restaurants des Landes, arbeitet man seit etwa acht Jahren an einer alkoholfreien Speisenbegleitung, die der elaborierten Komposition der Gerichte nicht nachsteht.
„Am Anfang haben wir da natürlich auch nur irgendwelche besseren Eistees gemacht“, scherzt Sommelier André Drechsel, mittlerweile werden die Getränke aus fermentierten Tees, Fruchtsäften, Gewürzen, Auszügen und allem, was irgendwie für Umami und interessante Mundgefühle in flüssiger Form sorgen kann, speziell auf die einzelnen Gänge hingestylt, die neungängige alkoholfreie Getränkebegleitung schlägt dafür auch mit 99 Euro zu Buche.
An die 20 Prozent der Gäste würden sich für dieses Angebot entscheiden, verrät Drechsel, noch viel häufiger werde aber eine Kombination aus edlem Wein und ein paar der besonders interessanten „Säfte“ gewählt. Ob das damit zu tun hat, dass das Tian ein vegetarisches Restaurant ist und Verzicht damit in gewisser Weise systemimmanent? Wohl kaum, schätzt Drechsel, „80 % unserer Gäste sind gar keine Vegetarier, sie sind wohl eher abenteuerlustig und wollen sich auf etwas Neues einlassen“.
Das Alkoholfrei-Lexikon
Um alkoholfreien Wein zu erzeugen, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder der Alkohol muss aus dem fertigen Wein raus, oder man komponiert Wein-ähnliche Getränke, sogenannte „Proxies“ mit ähnlicher Optik, ähnlichem Geschmack und Mundgefühl, aus Zutaten, in denen nie Alkohol drin war.
Amazake: Eine Art Vorstufe des japanischen Reisweins Sake. Gekochter Reis wird mit dem Koji-Pilz infiziert, was ein süßliches Getränk mit hohem Umami-Faktor ergibt.
Früchte: Fruchtsäfte und Frucht-Auszüge ergeben vor allem in Kombination mit fermentierten Tees und Gewürzen ein sehr Wein-ähnliches Aroma.
Kombucha: Tee, der durch den Kombucha-Pilz zum Fermentieren gebracht wird. Durch alkoholische, Milchsäure- und Essig-Vergärung bietet Kombucha eine sehr breite Aromendichte, je nach Art des verwendeten Tees ist die geschmackliche Bandbreite enorm.
Shrub: Essig-haltiges Fruchtgetränk, eine Art Limonade mit erfrischender Fruchtessig-Säure, althergebracht, aber in Vergessenheit geraten.
Umkehrosmose: Eine Hightech-Methode zur Trennung von Flüssigkeiten mit semipermeablen Membranen. Früher wurde sie verwendet, um Wein zu konzentrieren, indem man Wasser abtrennte, heute wird der Alkohol damit entfernt.
Vakuumverdampfung: Die zweite Hightech-Methode, bei der man sich die unterschiedlichen Siedepunkte von Alkohol und Wasser im Vakuum zunutze macht.
Wasserkefir: Ähnlich dem Kombucha werden hier Fruchtansätze oder Tees mittels Kefirknollen fermentiert, was ein milchsäuerliches, prickelndes Getränk mit geringem Alkoholgehalt ergibt.
98 Punkte, aber 0 %
Wer genau Patrick Bayers alkoholfreie Weine kauft, lässt sich so noch nicht genau sagen, dafür ist das Projekt „Zeronimo“ noch zu jung, was er allerdings weiß: Es sind viele.
Vor drei Jahren – Patrick Bayers Frau war gerade schwanger – überlegte der Neckenmarkter Weinmacher erstmals, einem seiner Weine den Alkohol durch Vakuumverdampfung entziehen zu lassen. Im August 2023 kam der erste „Zeronimo“ auf den Markt, „mittlerweile sind etwa 50 % unserer verkauften Weine alkoholfrei, der „Zeronimo Leonis Blend“ auf Basis des Top-Weins In Signo Leonis ist aktuell der Verkaufsschlager – und mit € 36,70 ja auch nicht gerade ein Schnäppchen.
Die Bewertung des Wine Enthusiast – das 1988 gegründete Magazin aus New York gilt als eines der einflussreichsten Wein-Magazine der Welt – mit 98 Punkten und „bester alkoholfreier Rotwein der Welt“ dürfte da nicht ganz unwesentlich gewesen sein, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Patrick Bayer im Gegensatz zu seinen klassischen Weinen ein Mindesthaltbarkeitsdatum von vier Jahren aufs Etikett schreiben muss, „wir sind bei diesem Produkt mit einem Fuß im Lebensmittelrecht. Was die Leute mit dem Wein nach vier Jahren machen, bleibt natürlich ihnen überlassen, aber Vorschrift ist Vorschrift …“
Buchtipp


Das Buch
Nicole Klauß, Alkoholfrei
Die Berliner Sommelière erklärt die Themen Saft, Tee, Shrub, Limonade, Kombucha und Wasserkefir. AT Verlag 2023
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 1+2/2026 erschienen.







