Patientin Katharina Wolle (Name von der Redaktion geändert).
©Markus Wenzel/KronenzeitungEine junge Frau erhält die Diagnose eines hochaggressiven Tumors. Ihre Gebärmutter wird entfernt, ein Eierstock gleich mit. Wochen später heißt es: Sie sei immer gesund gewesen. Recherchen zeigen, wie es zu dem folgenschweren Vorfall kam und warum viele Fragen offen bleiben.
Linz, Jänner 2026. Ein grauer Tag, die Donau liegt still unter einem ebenso grauen Himmel. Vom Mühlviertel weht kalter Wind herab. Treffpunkt ist ein Businesshotel direkt an der Donau. In der Lobby, an einem runden Tisch im Eck, sitzt Katharina Wolle – Name geändert. Neben ihr ihr Rechtsanwalt Rainer Hable. Auf dem Tisch liegt eine schmale Aktenmappe.
Wolle ist Anfang 30, ganz in Schwarz gekleidet, ein weißer Wollschal liegt locker um ihre Schultern. Sie lebt in einem kleinen Ort in Oberösterreich und möchte anonym bleiben. Lange hat sie überlegt, ob sie an die Öffentlichkeit gehen soll. Nun hat sie sich dazu entschlossen, ihren Fall zu schildern – als mahnendes Beispiel für eine systemische Krise im Gesundheitswesen. In Linz, in Oberösterreich, aber auch darüber hinaus.
„Ich bin monatelang jeden Morgen aufgewacht und jeden Abend schlafen gegangen – in der ständigen Furcht, in Kürze zu sterben.“ Wolle sagt das ruhig. Sie wirkt stark, gefasst. Hable hört zu. Es geht um Abläufe, um Entscheidungen, um Verantwortlichkeiten – und um die Frage, wie es nur soweit kommen konnte.
Der Routineeingriff
Anfang Juni 2025 wird Wolle von ihrem Frauenarzt in die Kepler Universitätsklinik Linz überwiesen, in die dortige Frauenklinik. Nach einer Fehlgeburt leidet sie unter starken, ungewöhnlich lange anhaltenden Blutungen. Der Arzt sieht Handlungsbedarf.
In der Klinik wird sie untersucht. Einen unmittelbaren Termin für den notwendigen Eingriff erhält sie zunächst nicht. Erst nachdem Wolle selbst urgiert, wird zeitnah eine Operation angesetzt: eine Ausschabung der Gebärmutterschleimhaut, eine sogenannte Residuencurettage. Ein Routineeingriff, üblicherweise tagesklinisch durchgeführt. Auch in ihrem Fall.
Am 13. Juni 2025 unterzieht sich Katharina Wolle diesem Eingriff. Ein Tag, der ihr Leben für immer verändern wird. Noch ahnt sie nichts davon – weder an diesem Tag noch in den Wochen danach. Durchgeführt wird die Operation von einer Oberärztin. Wolle wird noch am selben Tag aus der Tagesklinik entlassen. Einen Entlassungsbrief bekommt sie nicht mit. Als sie vor die Tür tritt, scheint die Sonne. Ein warmer Sommertag in Linz. Wochen vergehen.
Der Anruf
Am 22. Juli 2025 meldet sich die Uniklinik telefonisch bei Wolle. Man bitte um einen dringenden Termin. Mehr nicht. Schon während des Telefonats spürt Katharina instinktiv, dass etwas nicht stimmt. Die folgenden 48 Stunden werden zu einem Warten im Ausnahmezustand.
Am 24. Juli 2025 fährt sie in die Kepler-Klinik Linz. Dort wird sie mit einem Befund konfrontiert, der ihr Leben von einem Moment auf den anderen grundlegend verändert.
Im Zuge des operativen Eingriffs war routinemäßig eine Gewebeprobe entnommen und noch am 13. Juni 2025 an das Institut für Pathologie der Kepler-Klinik übermittelt worden, zur detaillierten Untersuchung des bei der Operation ausgeschabten Materials. Dort wurde das Präparat unter anderem mikroskopisch analysiert.
Ein weiteres Präparat ging zur „konsiliarischen Begutachtung“ an das Landeskrankenhaus Graz und langte dort am 8. Juli 2025 in der Pathologie ein. Beide Auswertungen kommen zum selben Ergebnis.
Der Schock
In der ausgeschabten Gebärmutterschleimhaut findet sich laut Befund ein hochgradiger Tumor, ein sogenanntes High-Grade-Stromasarkom. Für Wolle bricht in diesem Moment alles weg. Mit Anfang 30 stellt man sich andere Fragen, macht andere Pläne. Doch nun drängt die Zeit. Der Tumor muss rasch entfernt werden.
Bereits zwei Tage bevor Wolle persönlich informiert wird, tagt eine interne Fallkonferenz, das „GynOnkoBoard“ des Tumorzentrums Oberösterreich. Neben Gynäkologen nehmen dort weitere Spezialisten wie Onkologen, Pathologen und Radiologen teil.
In einem News und Krone vorliegenden Protokoll ist ihr Fall dokumentiert. Darin ist von „kleinen Fragmenten eines klein-, blau- und rundzelligen Tumorgewebes“ die Rede, von „hoher proliferativer Aktivität“. Die Einschätzung der Ärzte: In erster Linie sei an ein High-Grade-Sarkom zu denken. Für medizinische Laien bedeutet das eine aggressive, potenziell lebensbedrohliche Tumorerkrankung. Auch das weitere Vorgehen wird festgelegt.
Die Operation
Es folgt der Schritt, der für Wolle alles verändert. Die Ärzte empfehlen eine totale Hysterektomie – die Entfernung der gesamten Gebärmutter – sowie die beidseitige Entfernung der Eileiter und des linken Eierstocks.
Für den 4. August wird eine weitere Befundbesprechung mit Wolle angesetzt. Zwei Ärzte erklären ihr dort, dass sie umgehend stationär aufgenommen werden müsse. Für den nächsten Morgen, 6 Uhr, wird die Operation eingeplant. Noch am selben Tag wird sie über die Operation aufgeklärt – über Risiken und Ablauf des Eingriffs.
Die zwischenzeitlich durchgeführten bildgebenden Untersuchungen hätten kaum zusätzliche Hinweise auf einen Tumor ergeben. Dennoch bestehe akuter Handlungsbedarf. Für eine Zweitmeinung bleibt in diesen Tagen keine Zeit, schildert Wolle eindringlich im Gespräch mit News und Krone. Der Eingriff sei zu dringend angesetzt worden. Laut Operationsbericht beginnt die Operation um 7.39 Uhr. Ein Oberarzt und eine Assistenzärztin führen den Eingriff durch. Katharina Wolle werden die Gebärmutter, beide Eileiter sowie ein Eierstock entfernt. Hinweise auf eine Metastasierung ergeben sich nach Angaben der Operateure laut OP-Bericht nicht. Einen Tag später, am 6. August, kann sie das Krankenhaus wieder verlassen – mit einer Krebsdiagnose, ohne die Möglichkeit, jemals ein Kind zu gebären, und einem fortan lebenslänglich veränderten Hormonhaushalt.
Wochen später
Wie mit ihr besprochen, sollte sich die Klinik am 13. August telefonisch zur Befundbesprechung melden. Der Anruf bleibt aus. Nach einigen Tagen greift Wolle selbst zum Telefon und erkundigt sich nach dem Stand. Die Auskunft, die sie erhält, ist knapp: „Es gibt keine neue Info.“
Wieder vergehen Tage. Erst mehr als zwei Wochen später meldet sich ein Verantwortlicher der Klinik. Das erste Ergebnis sei gut, heißt es. Auf die genauere Mikroanalyse warte man noch. Erneut verstreicht Zeit. Wolle beschreibt diese Wochen als emotionalen Ausnahmezustand mit Angstzuständen und Schlafstörungen, den sie weitgehend allein durchsteht.
Erst am 11. September wird sie wieder telefonisch kontaktiert. Man bestellt sie für den 16. September frühmorgens ins Krankenhaus.
„Sie waren immer gesund“
Es ist 7.30 Uhr morgens. Wolle sitzt in einem Besprechungsraum der Uniklinik. Sie hofft auf Klarheit über ihren Gesundheitszustand. Die Krebsdiagnose hat ihr Leben aus der Bahn geworfen, die Operation liegt zu diesem Zeitpunkt sechs Wochen zurück. Einen Entlassungsbrief hat sie bis dahin nicht erhalten, nicht einmal einen vorläufigen.
Vor ihr sitzen drei Professoren in weißen Kitteln: der Primar der Gynäkologie, Peter Oppelt, der Leiter der Pathologie, Rupert Langer, und der ärztliche Direktor der Uniklinik, Karl Heinz Stadlbauer. Wolle hat eine Freundin zur Unterstützung mitgebracht.
Sie sei gesund, gratuliere man ihr. Aber mehr noch: Sie sei immer gesund gewesen. Es sei im Zuge der pathologischen Begutachtung zu einer Komplikation gekommen. Auf den Tisch werden noch Visitenkarten gelegt. Man weist sie darauf hin, dass ihre Krankenakte nur über einen Rechtsanwalt angefordert werden könne. Dazu ein Informationsblatt der Patientenvertretung des Landes Oberösterreich. Mehr nicht.
Der neue Befund
„Ich dachte, mich trifft der Schlag. Du gehst hin und vertraust diesen Personen. Und sie kommunizieren das, als würde es um ein Stück Brot gehen“, schildert Wolle an diesem eiskalten Tag im Jänner. Vor ihr auf dem Tisch liegt ihr Akt. Der histologische Befund, erstellt nach der lebensverändernden Operation. Einer Operation, für die nie eine Notwendigkeit bestand. Mit Auswirkungen auf das restliche Leben einer knapp 30-jährigen Frau.
Im Befund steht, dass am 8. August das gesamte bei der Operation entnommene Gewebe nochmals vollständig untersucht wurde.
Da bei einer ersten Begutachtung der nun entfernten Gebärmutter kein klar erkennbarer Tumor zu finden war, wurde die komplette Gebärmutterschleimhaut im Labor aufgearbeitet und in mehreren Schritten genau analysiert. Anteile des hochtödlichen Tumors ließen sich dabei nicht nachweisen.
Vier Wochen Schweigen
Der Leiter der gynäkologischen Abteilung, Professor Peter Oppelt, war laut Aktenlage bereits am 21. August von der Pathologie über diesen Befund informiert. Katharina Wolle selbst erfährt davon erst knapp vier Wochen später. Bis dahin lebt sie in der Annahme, an Krebs erkrankt zu sein, hofft auf einen guten Verlauf der Behandlung. Ein emotionaler Ausnahmezustand. Ein Tunnel.
Dann wird ihr mitgeteilt, dass es für den massiven Eingriff keinen medizinischen Grund gegeben habe. Ein weiterer Schock. Kurz darauf übernimmt der Wiener Rechtsanwalt Rainer Hable ihre Vertretung. Er stammt aus Oberösterreich und teilt der Uniklinik Ende September schriftlich mit, dass er Wolle vertrete und umgehend Einsicht in den Patientenakt verlange.


Fassungsloser Anwalt: Der Wiener Verfassungsjurist und Prozessanwalt Rainer Hable übt scharfe Kritik am Umgang der Linzer Uni-Klinik mit seiner Mandantin.
© Markus Wenzel / Kronen ZeitungWieder vergehen Wochen. Urlaubsbedingt, heißt es vonseiten der involvierten Ärzte und der Rechtsabteilung. Erst am 17. Oktober wird der Akt übermittelt. Was Hable darin liest, irritiert ihn schwer. Beim Durcharbeiten der Unterlagen stößt er auf interne Abläufe, die Fragen aufwerfen: Entlassungsbriefe, die monatelang nicht übermittelt wurden und erst Wochen nach seiner Bevollmächtigung durch den Primar „elektronisch freigegeben“ worden seien.
Die Kontamination
Auch zur Ursache dieser „Komplikation“, wie es Ärzte nennen, findet sich im Akt eine mögliche Erklärung: Das Gewebepräparat von Katharina Wolle sei am Tag ihrer ersten Operation im Labor mit der Probe eines anderen Patienten vermischt und damit kontaminiert worden.
Im Entlassungsbrief ist von einer „äußerst bedauerlichen Kontamination“ die Rede. Demnach wurde am selben Tag auch die Probe eines anderen Patienten untersucht – mit einem sogenannten Ewing-Sarkom, einer seltenen Form eines anderen bösartigen Tumors.
Nachdem er sich in den Fall eingearbeitet hat, sucht Hable das Gespräch mit der Rechtsabteilung der oberösterreichischen Gesundheitsholding, dem Träger des Kepler Universitätsklinikums. Er will die behandelnden Ärzte an einen Tisch bringen, die offenen Fragen klären und eine Lösung suchen. Doch weder Ärzte noch Rechtsabteilung sind gesprächsbereit. Kurz darauf folgt ein knapp gehaltenes Schreiben. Darin heißt es, die Behandlung sei „nach dem aktuellen medizinischen Standard und lege artis durchgeführt“ worden. Der Anwalt findet deutliche Worte für das Verhalten der Gesundheitsholding und der Uni-Klinik. „Dass die Gesundheit einer jungen Frau zerstört wurde, ist schlimm genug. Die Patientin dann allein zu lassen und jedes Gespräch zur Klärung zu verweigern – dieser verantwortungslose Umgang lässt einen fassungslos zurück.“
In bis zu drei Prozent der Fälle
Auf Anfrage von News und Krone nimmt die Presseabteilung der Gesundheitsholding schriftlich Stellung: Trotz hoher Sorgfalt und etablierter Qualitätsstandards könne es in seltenen Fällen zu sogenannten Gewebekontaminationen kommen, heißt es darin. Solche Kontaminationen seien laut Stellungnahme in der internationalen Fachliteratur seit vielen Jahren beschrieben und träten – je nach Studie – in etwa 0,01 bis 3 Prozent aller histologischen Schnittpräparate auf. Fachautorinnen und -autoren bezeichneten sie als ein „unausweichliches“ beziehungsweise „reales“ Risiko in der histologischen Routinearbeit, insbesondere dort, wo manuelle Arbeitsschritte unvermeidbar seien.
Legt man die mitgeteilten Prozentzahlen auf die hohe Zahl täglich durchgeführter pathologischer Untersuchungen um, drängen sich weitere Fragen auf: Wie viele vergleichbare Fälle könnte es geben – und wie viele davon blieben möglicherweise unerkannt?
„Ich bin ein Mensch“
Zudem werde aktiv das Gespräch mit betroffenen Personen gesucht, um Fragen zu klären und bestmögliche Unterstützung anzubieten. Von einer aktiven Unterstützung seitens der Gesundheitsholding findet sich in den vorliegenden Unterlagen jedoch kein Hinweis. Ein konkretes Gesprächsangebot habe es nicht gegeben, schildert Hable. Im Gegenteil – jedes Gespräch sei abgelehnt worden.
Auch Wolle selbst findet deutliche Worte: „Das Schlimmste ist: Sie haben mich lebenslang beschädigt, und niemand übernimmt Verantwortung. Das kann jedem Menschen passieren. Ich bin keine Zahl und kein Mensch zweiter Klasse. Ich bin ein Mensch.“
Zurück bleibt eine junge Frau ohne Gebärmutter. Ein irreversibler Eingriff, für den es keinen medizinischen Grund gab – und bis heute weder finanzielle Entschädigung noch Unterstützung.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 05/2026 erschienen.







