Fast jeder dritte in der EU lebende Mensch fühlt sich zumindest zeitweise einsam, Tendenz steigend. Unter dem Projektnamen „Lonely EU“ sucht die Europäische Union nun Strategien gegen die steigende Einsamkeit. Über ein individuelles Problem, das längst zur gesellschaftlichen Sorge geworden ist und immer mehr Menschen krank macht.
Dass nicht nur alte Menschen von Einsamkeit betroffen sind, ist mittlerweile hinreichend bekannt. Spätestens seit der Pandemie wurde klar: Einsamkeit hat ihrerseits ebenfalls pandemische Ausmaße angenommen. Nicht zuletzt war sie eine traurige Konsequenz der vielerorts verordneten Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus.
Von Asien über die USA bis Europa, die Zahl der Menschen, die sich zunehmend einsam fühlen, steigt international. Nun will das Pilotprojekt „Lonely EU“ der Europäischen Union wirkungsvoll gegen den traurigen Trend vorgehen. Die europaweite Initiative soll Forschende, Entscheidungsträger und Experten aus ganz Europa vereinen, um evidenzbasierte Antworten auf Einsamkeit zu finden.
50 Prozent ...
... Ältere Menschen, die unter Einsamkeit leiden, haben ein um 50 Prozent höheres Risiko, an Demenz zu erkranken
32 Prozent ...
... erhöht ist das Risiko für einsame Menschen, einen Schlaganfall zu erleiden, so eine 2023 erschienene Analyse unter US-Arzt Vivek Murthy
Mehr Krankheiten, mehr Fehltage
Die Folgen der global gestiegenen Einsamkeitsproblematik kann mitunter fatale Folgen auf das betroffene Individuum, und im Weiteren auf gesamte Gesellschaften haben: So geht eine US-amerikanische Untersuchung aus dem Jahr 2023 davon aus, dass einsame Menschen ein um 29 Prozent erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen haben, sowie ein um 32 Prozent gesteigertes Risiko für Schlaganfälle. Besonders auf alte Menschen wirkt sich Einsamkeit körperlich negativ aus: Eine amerikanische Analyse unter Vivek Murthy geht davon aus, dass einsame, ältere Menschen ein um 50 Prozent höheres Risiko haben, an Demenz zu erkranken. Unzureichende Sozialkontakte, so die Studie, erhöhen das Risiko eines vorzeitigen Todes sogar um 60 Prozent.
Männer als neue Risikogruppe
Im OECD-Bericht „Social Connections and Loneliness in OECD Countries“ (2025) rücken zudem Männer und männliche Jugendliche als neue Risikogruppe in den Fokus. Obwohl jüngere Menschen generell bessere soziale Beziehungen haben und pflegen, verzeichnete man gerade unter den 16- bis 24-jährigen männlichen Jugendlichen ein gesteigertes Einsamkeitsgefühl. Vermutlich wurde diese Entwicklung ebenfalls von der Pandemie befeuert, so die Schlussfolgerung des Berichts.
Insgesamt weisen Frauen deutlich stabilere Beziehungen auf: 34 Prozent aller weiblichen Befragten haben täglich Kontakt mit Familienmitgliedern, die nicht im selben Haushalt mit ihnen leben. Dagegen pflegen nur 23 Prozent der Männer täglichen Kontakt zu Mitgliedern ihrer Herkunftsfamilien. In allen OECD-Ländern, für die solche Daten vorliegen, sind Sozialkontakte unter Männern seit 2018 rückläufig und haben sich stärker verschlechtert als die Sozialkontakte von Frauen. In den USA und Großbritannien spricht man bereits seit einigen Jahren vermehrt von einer „Male Friendship Crisis“ bzw. einer „Male Friendship Recession“, auch wenn die Zahlen tatsächlich gelebter Freundschaften anders aussehen: So haben Männer rund 4,7 enge Freunde, während Frauen nur 3,7 enge Freunde angaben. Auch interagieren Männer häufiger als Frauen mit ihren Freunden: Die OECD-Analyse verortet diesen Unterschied in der Tatsache, dass Frauen innerhalb ihrer Familien mehr Verantwortung schultern müssen und schlichtweg weniger Zeit haben, um Freunde zu treffen.
Soziale Isolation von Männern ist in manchen Ländern, vor allem in Japan, aber dennoch ein großes politisches Problem. Als „Hikikomori“ werden Männer bezeichnet, die sich zunehmend aus der modernen Gesellschaft zurückziehen, sich monate- oder sogar jahrelang in ihren Zimmern und Wohnungen verschanzen und ihre Zeit mit Computerspielen, Fernsehen oder im Internet verbringen. Viele von ihnen kämpfen mit Depressionen, Angstzuständen und mentaler Erschöpfung. In Japan wurde dem Phänomen 2024 sogar „nationale Priorität“ zugesprochen. Schätzungen gehen bei der Anzahl an Betroffenen von 1,1 bis 1,5 Millionen aus, etwa 613.000 von ihnen sollen zwischen 40 und 64 Jahre alt sein.
Schuld sind die sozialen Medien
Experten, die am EU-Projekt beteiligt sind, sind sich einig, dass ein Zusammenhang zwischen Einsamkeit und einer intensiven Social-Media-Nutzung besteht. Es wird auch vermutet, dass einsame Menschen eher dazu neigen, Verschwörungstheorien und populistische Inhalte zu glauben, und es oft selbst nicht schaffen, ihre eigene Einsamkeit zu überwinden. Aber auch andere Faktoren, wie plötzliche Arbeitslosigkeit, Krankheit und andere Schicksalsschläge können dazu führen, dass Menschen sich aus dem sozialen Leben zurückziehen.
In jedem Fall betrifft Einsamkeit nie nur den Einzelnen, sondern ist ein gesellschaftlich übergreifendes Problem. Vor allem aber offenbart sie die Schwachstellen moderner Gesellschaften: Denn wo sich Menschen trotz aller Vernetzung immer weiter entfremden, gerät der gesellschaftliche Zusammenhalt ins Wanken und mit ihm die Grundlage solidarischen Zusammenlebens.
Hilfe bei Einsamkeit
Plattform gegen Einsamkeit
Nationale Anlaufstelle und Kompetenznetzwerk: Von Alltagsbegleitung über Fortbildungen, Gruppenaktivitäten bis professionelle Hilfe, hier finden Betroffene und deren Angehörige schnell und liebevoll Anschluss.
www.plattform-gegen-einsamkeit.at
Caritas Wien
Vom „Plaudernet“ über die Initiative „WG Melange“ bis hin zum eigenen karitativen Engagement: Die Caritas bündelt verschiedene Angebote, die soziale Teilhabe fördern.
caritas-wien.at
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 08/2026 erschienen.







