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Dass sich Japans größter Friedhof und eines der bekanntesten buddhistischen Pilgerzentren inmitten einer abgelegenen Berglandschaft befindet, mag verwundern. Doch Koyasan, eine nach dem heiligen Berg Koyasan benannte Region, war ursprünglich ein Ausbildungsort für Mönche.
Weitab vom Trubel der damaligen Hauptstadt Kyoto gründete der buddhistische Mönch Kukai im Jahr 816 einen Tempel, um in der Ruhe der Berge zu meditieren und die Lehre des Buddhismus zu verbreiten. Koyasan entwickelte sich zu einem bedeutenden Zentrum des esoterischen Buddhismus.
Zur Pilgerstätte wurde Koyasan allerdings erst über 100 Jahre später, als berichtet wurde, dass Kukais Körper an seinem Grab unverändert genau wie zu Lebzeiten aussah. "Dem Glauben nach ist Kukai nie gestorben. Es heißt, er verweile in ewiger Meditation in Okunoin", erzählt Nobuhiro Tamura. Er ist Fremdenführer und bietet seit fünfzehn Jahren Nachttouren über den Friedhof Okunoin an.
"Seit Kukais Eintritt in die Meditation im Jahr 835 wird ihm zweimal täglich Essen gebracht - ein Ritual, das seit fast 1.200 Jahren ununterbrochen fortgeführt wird."
Der Glaube, dass Kukai noch am Leben sei, verwandelte Koyasan in einen heiligen Ort. Viele Menschen suchten die Nähe des verehrten Mönchs und wollten an seiner Seite auf den prophezeiten Buddha warten. Ab dem 11. Jahrhundert pilgerten auch mächtige Persönlichkeiten - Kaiser, Shogune und große Samurai - nach Koyasan. Einige ihrer Namen sind auf den Grabmälern im Schatten der Zedern verewigt.
In der japanischen Tradition ist die Natur selbst Teil der Welt der Toten. Man glaubte, dass die Seelen der Verstorbenen in die Berge zurückkehren. Die Landschaft von Koyasan galt daher als "reines Land". Wer einmal in seinem Leben nach Koyasan pilgerte, wurde von all seinen Sünden erlöst. "Verbreitet wurde dieser Glaube durch die Kōya Hijiri", erklärt Nobuhiro, "diese halb religiösen, halb weltlichen Mönche reisten durch ganz Japan, predigten von den Wunderkräften Koyasans und empfahlen, sich dort beisetzen zu lassen."
Vom 12. bis 16. Jahrhundert transportierten die Koya-Hijiri Gebeine aus ganz Japan nach Koyasan und betrieben Tempelunterkünfte für Pilger. Diese Unterkünfte waren ursprünglich für Mönche gedacht, nahmen aber zunehmend auch gewöhnliche Pilger auf - der Ursprung des heutigen Hotelwesens. Auch heute können Touristen in den gut 50 Tempelunterkünften übernachten.
Das Fukuchi-In ist eines der Tempel-Gästehäuser in Koyasan. Beim Betreten des Tempels reist man in eine andere Zeit. Alles wirkt ruhig und erhaben zugleich. Die dunklen Dielen knarzen unter den Füßen. Ineinander verschlungene Drachen, grinsende Dämonen und anmutige Kraniche schmücken die Wände und Schiebetüren vieler Räume. Das eigene Zimmer ist dafür umso schlichter gehalten. Bambusmatten bedecken den Boden und ein Futon versteckt sich im Wandschrank.
In einen leichten Kimono gekleidet geht es zum Abendessen. Platz genommen wird dabei auf dem Boden. Aufgetischt werden traditionelle buddhistische Speisen, wie sie die Mönche im Tempel schon seit Jahrhunderten zu sich nehmen. Fleisch und Fisch sucht man vergeblich. Stattdessen dominieren saisonales Gemüse, Tofu, Algen und eingelegte Speisen.
Die Gerichte sind überraschend vielfältig: von süß bis sauer, mal zart gewürzt, mal erdig und kräftig im Geschmack. Jedes Element scheint bewusst gewählt, nichts wirkt zufällig. Farben und Formen sind wie ein Kunstwerk aufeinander abgestimmt. In der ruhigen Atmosphäre des Tempels wird jeder Bissen bewusst wahrgenommen. Das Abendessen hier ist keine bloße Nahrungsaufnahme, sondern Teil der spirituellen Erfahrung.
Mit Einbruch der Dunkelheit entfaltet sich der eigentliche Zauber Koyasans. Nun erwachen die steinernen Laternen, die den Weg über den Friedhof von Okunoin säumen, zum Leben und tauchen Gräber, Pagoden und Statuen in ein sanftes Licht. Eine beinahe ehrfurchtgebietende Stille legt sich über die letzte Ruhestätte der Tausenden Seelen von Okunoin.
Nur gelegentlich dringen die Rufe von Flughörnchen und Hirschen durch den alten Zedernwald. Im Sommer schwirren Glühwürmchen durch die Baumwipfel und verschmelzen mit dem Sternenhimmel. An klaren Nächten kann man die Milchstraße mit bloßem Auge sehen.
Wie in allen Tempelunterkünften beginnt auch der Tag im Fukuchi-In sehr früh. Noch vor dem Frühstück versammeln sich Mönche im Tempelraum zu einer Morgenzeremonie. Gäste der Unterkunft sind eingeladen, daran teilzunehmen. Während Räucherwerk den Raum mit einem angenehmen Duft erfüllt, rezitieren die Mönche rhythmisch Sutras. Der Gesang wiederholt sich, der Körper wird ruhiger, der Geist fokussierter. Man muss nicht gläubig sein, um die Wirkkraft der Zeremonie zu spüren.
Seit Jahrhunderten pilgern Gläubige nach Koyasan. Auf der Suche nach Erleuchtung stoßen sie heute auf Tausende Touristen aus aller Welt. Und jedes Jahr kommen mehr. Wie bewahrt Koyasan das Gleichgewicht zwischen Tourismus und spiritueller Würde?
Darüber gibt es unterschiedliche Meinungen, auch kritische. Für Nobuhiro sind Tourismus und spirituelle Heiligkeit in Japan eng miteinander verbunden. "Schon die Koya-Hijiri führten Menschen durch ihre Erzählungen nach Koyasan. Heute möchte ich als Fremdenführer Besuchern die Bedeutung dieses Ortes näherbringen."
Reiseziel: Koyasan liegt in der Präfektur Wakayama auf der japanischen Hauptinsel Honshu. Die Region ist geprägt von Wäldern und Bergen, durch die man auf Pilgerwegen zu Tempeln wandern kann. Einer der wichtigsten spirituellen Pilgerwege ist der Kumano Kodo, seit 2004 Unesco-Weltkulturerbe. Wakayama vereint viele Seiten Japans: Traditionelle Ortschaften treffen auf moderne Großstadt, mystische Bergwelten kontrastieren mit Stränden und wilder Küste. Wer die Region bereist, kann morgens auf Pilgerwegen durch Zedernwälder wandern und abends den Tag am Meer ausklingen lassen.
Einreise: Man braucht einen gültigen Reisepass.
Reisezeit: Der Friedhof Okunoin kann das ganze Jahr über besichtigt werden.
Anreise: Per Nonstop-Flug von München nach Osaka; von dort sind es etwa 1,5 Stunden mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Koyasan. Erst mit dem Zug nach Gokurakubashi, dann mit der Seilbahn, schließlich mit dem Bus bis in den Ort. Es empfiehlt sich das Koyasan World Heritage Ticket (umgerechnet ca. 22,40 Euro, zwei Tage gültig). Darin sind enthalten: Hin- und Rückfahrt ab Osaka nach Koyasan mit der Nankai Line, unbegrenzte Fahrten mit den Bussen in Koyasan und ermäßigte Eintrittspreise zu Sehenswürdigkeiten.
Touren: Verschiedene Anbieter bieten geführte Touren über den Friedhof Okunoin an, tags wie nachts (z. B. Awesome Tours: awesome-tours.jp; weitere unter koya.org/english).
Unterkunft: In Koyasan gibt es viele Tempelunterkünfte (z. B. Fukuchi-In: fukuchiin.com; weitere unter eng-shukubo.net/shukubo). Highlights sind die Morgenzeremonie mit den Mönchen und ein entspannendes Bad in den Onsen.
Währung: 1 Euro entspricht knapp 180 Yen (Stand: Anfang Oktober 2026).
Weiterführende Infos: https://www.koya.org/english; japan.travel/de/destinations/kansai/wakayama/koyasan; visitwakayama.jp/en/index.html
KOYASAN - JAPAN: FOTO: APA/APA/dpa/gms/Luisa Heyer/Luisa Heyer
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NACHISAN - JAPAN: FOTO: APA/APA/dpa/gms/Luisa Heyer/Luisa Heyer
