Vorurteile von

Lehrer in Österreich:
Nicht faul, sondern missverstanden

Was Österreichs Lehrer wirklich wollen

Vorurteile - Lehrer in Österreich:
Nicht faul, sondern missverstanden © Bild: APA/HARALD SCHNEIDER

Sie sind faul, jammern permanent und wissen alles besser: Über niemanden wird lieber gelästert als über Lehrer. Dabei handelt es sich meist nur um Vorurteile, die von schlechten Erinnerungen gespeist werden. Denn wie der tatsächliche Arbeitsalltag von Österreichs Lehrern tatsächlich aussieht, wissen die Wenigsten. Wir haben bei Lehrern nachgefragt mit welchen Hürden sie zu kämpfen haben.

In Österreich müssen Lehrer damit leben, als faul verurteilt zu werden. Oberflächlich betrachtet stimmt das sogar. Denn im Vergleich zu Lehrern in anderen Ländern verbringen sie wenig Zeit im Klassenzimmer.

Die unliebsamen Fakten

So unterrichten österreichische Lehrer nur knapp 16 Wochen im Jahr - um 248 Stunden weniger als ein schottischer Lehrer. Das hat OECD hat in einem EU-Vergleich festgestellt. Dazu kommen 9 Wochen Sommerferien und noch 2,5 Wochen an Extra-Feiertagen und schulautonomen Tagen. Die meisten Lehrer absolvieren in dieser Zeit auch keine Fortbildungskurse (News berichtete). Kein sehr schmeichelhaftes Bild.

© Agenda Austria

Das Lehrerimage und die Realität

Doch wenn die Arbeit realistisch betrachtet und nicht aufgrund der scheinbar wenigen Wochenstunden und vielen Ferientage beneidet würde, wäre das Lehrerimage wohl ein anderes. Dann würde auch gesehen, dass Lehrer heute nicht nur Erzieher, sondern oft auch Sozialarbeiter, Psychologen, Sekretäre und manchmal sogar Vater- oder Mutterersatz sind.

»Lehrer zu sein, ist eine Berufung. Ich versuche die Gesellschaft positiv zu prägen«

In unserer „News.at“-Umfrage wurden 28 Lehrer unterschiedlicher Schulstufen befragt, woran es nun liegt, dass der Lehrerberuf an Ansehen verloren hat. Wir haben überraschend ehrliche Antworten bekommen, die einen etwas anderen Einblick in den Schulalltag gewähren.

Warum wird man Lehrer?

Begonnen wurde mit der Frage, warum die Befragten überhaupt Lehrer geworden sind. Die Antworten fielen sehr homogen aus: Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und das Interesse am Fach selbst lagen an erster Stelle. Aber auch die Gesellschaft als Pädagoge positiv mitzuprägen, ist ihnen ein Anliegen.

Dabei zeigen sich die Befragten durchaus selbstkritisch und geben zu, dass die Spannweite zwischen engagierten und arbeitsscheuen Pädagogen - wie in jedem anderen Beruf - durchaus groß ist. Doch wie kommt es dazu? Steckt eine gewisse Resignation dahinter? Und mit welchen Hürden kämpfen die heimischen Lehrer im Arbeitsalltag eigentlich?

„Ich werde als Lehrer oft als reiner Dienstleister missverstanden. Bei den Schülern ist es nicht mehr populär sich anzustrengen“, sagt einer der Lehrer. Dass Schüler keine Verantwortung mehr übernehmen wollen, bestätigen die meisten. Konsequenzen bleiben oft aus, denn die Durchgriffsmöglichkeiten für Lehrer bei disziplinären Schwierigkeiten mit Schülern seien äußerst beschränkt.

© news.at

Von irrsinnigen Beschwerden und sinnlosen Vorschriften

Doch nicht nur die Schüler, sondern vor allem die Eltern stehen in der Kritik. Sie seien unkooperativ, würden die komplette Erziehungsarbeit auf die Schule abwälzen und eine erschreckende Gleichgültigkeit, Arroganz und Unehrlichkeit an den Tag legen. Dass Eltern ihre Kinder beim Schulschwänzen unterstützen sei keine Seltenheit. Noteneinsprüche und „irrsinnige Beschwerden“ seitens der Eltern würde den Lehrern nicht nur Nerven kosten, sondern vor allem wertvolle Zeit.

»Ich wünsche mir die Anerkennung, dass ich ein Profi in meine Job bin«

„Gerade in diesen Situationen fehlt der Rückhalt seitens Inspektoren und Stadtschulrat“, klagt ein Lehrer. Das Vertrauen in die Arbeit der Lehrkräfte fehle. „Ich wünsche mir die Anerkennung, dass ich ein Profi bin.“ Einem Mechaniker werde ja schließlich auch nicht vorgeschlagen, wie er das Auto zu reparieren hat.

Schlimmer noch als der Lärmpegel in den Klassenzimmen und die kleinen Schreibtischen im Lehrerzimmer („nicht einmal 1m²“) sei die Bürokratie. Die vorgeschriebene Dokumentation seitens des Ministeriums widerspreche sich teilweise selbst und sei wenig praxistauglich.

Immer Ärger mit „Sokrates“

Das webbasierte Tool „Sokrates“, das von den Leherern für die Verwaltung von Schülerdaten (Zeugnisnoten, Frühwarnungen, Stammdaten, Beurteilungen, etc…) benutzt werden muss, sei userunfreundlich und instabil. Das gleiche gelte für die Online-Plattform „Wision“. Das alles koste Zeit, die eigentlich in die individuelle Unterstützung der Schüler fließen sollte.

»Parteipolitik im Ministerium und in der Schulaufsicht muss aufhören«

Ein Lehrer ergänzt: „Es wäre schön, wenn das Ministerium und alle übrigen Entscheidungsträger auf uns Lehrer hören würden. Nur wir wissen, was die Schüler benötigen, weil nur wir tagtäglich mit ihnen zusammenarbeiten.“ Demnach würden die befragten Lehrer den Lehrplan sinnvoll entrümpeln und reformieren.

© APA/HANS PUNZ Bildungsminister Heinz Faßmann

Unabhängig vom Schulmodell: Nur kleine Schülergruppen würden die Qualität und inviduelle Betreuung gewährleisten. Auch mehr Durchsetzungskraft und Kompetenz wird laut Umfrage gewünscht. So sollen unfähige Lehrer auch gekündigt werden können.

Technische Ausstattung: Setzen, fünf!

Die Digitalisierung verändert die Welt. In den Schulen ist sie aber offenbar noch nicht angekommen. Die schlechte EDV-Ausstattung ist den Lehrern ein besonderer Dorn im Auge und macht es schwierig einen zeitgemäßen Unterricht zu bieten. So seien die Klassenräume „miserabel ausgestattet“.

Ein Beispiel: In nur 7 von 30 Klassenräumen gib es einen Beamer. Von Notebooks und Tablets können Lehrer nur träumen. „Für 70 Kollegen gibt es 3 PCs, 2 Drucker und einen Kopierer, der ist aber sowieso die meiste Zeit kaputt.“

Aber nicht nur moderne Technik sei Mangelware. Auch der Ruf nach nichtpädagogischen Personal wird laut. Von der Reinigungskraft bis zur Schulpsychologin – es fehlt schlicht an Personal. Auch viele administrative Tätigkeiten werden an die Lehrer ausgelagert. Stundenlanges Kopieren gehe am eigentlichen Lehrerberuf vorbei.

Nicht an der Zukunft der Kinder sparen

„Wir haben manchmal nicht einmal Kreiden.“ Das ist nur eines von vielen Kritikpunkten, die die befragten Lehrer geäußert haben. Wirft man allerdings einen Blick auf die Zahlen, muss man feststellen, dass das Bildungsbudget über die Jahre kontiinuierlich gewachsen ist. Die zuletzt erhobenen Daten der Statistik Austria zum Bildungsbudget verdeutlichen einen Anstieg von 3,6 Prozent. Die gesamten staatlichen Bildungsausgaben über alle Bildungsbereiche beliefen sich im Jahr 2015 demnach auf 18,8 Milliarden Euro.

»Einfach mehr auf die LehrerInnen hören!«

Zusammengefasst kann man sagen, dass die befragten Lehrern kritisch zum gegenwärtigen Konzept der Bildungspolitik stehen. Sie sind sich einig: Geht es um die Zukunft des Landes darf nicht immer der Sparstift bestimmend sein. Nachsatz: „Mehr auf die LehrerInnen hören, denn die meisten wissen, worum es geht!“

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