Ursula Von der Leyen: Die einsame Kämpferin

Sie kam als Kompromisskandidatin, ist seit ihrem Start als Krisenmanagerin gefordert und prägt das Amt der EU-Kommissionspräsidentin wie kaum jemand zuvor: der Weg der Ursula von der Leyen, der in Brüssel begann und zurück nach Brüssel an die Spitze der EU führte.

von Ursula Von der Leyen: Die EU-Kommissionspräsidentin © Bild: Getty/Gallup

Steckbrief Ursula Von der Leyen

  • Name: Ursula Gertrud von der Leyen
  • Geboren am: 8. Oktober 1958 in Ixelles/Elsene, Brüssel, Belgien
  • Position: EU-Kommissionspräsidentin
  • Partei: CDU
  • Familienstand: Verheiratet mit Heiko von der Leyen (Medizin-Professor)
  • Kinder: 7

Macht macht einsam, heißt es oft. Und wenn man sich von dieser Einsamkeit ein Bild machen will, dann ist es vielleicht dieses: die mächtigste Frau Europas, die in ihrem Büro im Brüsseler Berlaymont-Gebäude nicht nur Weltgeschichte (mit)macht, sondern hier auch isst und schläft. Nicht ausnahmsweise, sondern jeden Tag, den sie in dieser Stadt verbringt. Die Tage der Ursula von der Leyen sind lang, seit sie an die Spitze der Europäischen Kommission berufen wurde.

Ursula Von der Leyen: Ihr Weg zur EU-Kommissionspräsidentin

Seit etwas mehr als zweieinhalb Jahren ist sie in diesem Amt. Politisch ruhige Zeiten sehen anders aus. Von der Leyens politisches Geschick wird schon vor dem Krieg in der Ukraine und der Coronapandemie auf die Probe gestellt. Denn dass sie heute Kommissionspräsidentin ist, ist auf ein politisches Patt zurückzuführen, das in den Wochen nach der Europawahl 2019 die EU-Institutionen lähmt. Der Spitzenkandidat der stärksten Partei sollte quasi als Automatismus das höchste Amt in Europa bekommen. So hatte man es vor der Wahl ausgemacht. Nach der Wahl aber zerstreiten sich die Staats-und Regierungschefs heillos über dieser Frage, nichts geht mehr, bis Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, für die meisten Beobachter überraschend, den Namen Ursula von der Leyen aufs Tapet bringt. Sie macht schließlich als Kompromisskandidatin das Rennen.

Von der Leyen und Macron

Macron hatte die deutsche Verteidigungsministerin wenige Wochen zuvor bei der internationalen Luftfahrtmesse in Le Bourget getroffen. Man unterhielt sich über ein deutsch-französisches Kampfflugzeugsystem und über eine europäische Verteidigungsunion, die von den Franzosen ventiliert wird. Auf Französisch, das von der Leyen fließend spricht. Womöglich hat das Macron sogar noch besser gefallen als die Sachkenntnis der Politikerin. Es sind "Kleinigkeiten" wie diese, die im europäischen Befindlichkeitsbiotop eine Rolle spielen.

Inhalte und Wahl

Allerdings muss seine Kandidatin noch vom europäischen Parlament gewählt werden. Als erste Frau und erste Deutsche in diesem Amt. Die erste Bewährungsprobe der künftigen EU-Politikerin, die geschickt ihre Themen Richtung Ökologie und sozialer Union trimmt, um die Stimmen von Grünen und Sozialdemokratien zu bekommen. Die osteuropäischen Länder bringt sie mit einer Zusage auf ihre Seite, die aus heutiger Sicht eine stärkere Bedeutung hat, als man damals dachte: Sie werde ihren Moskau-kritischen Kurs beibehalten, verspricht die langjährige Verteidigungsministerin. Sie werde allen Versuchen Wladimir Putins, das westliche Lebensmodell zu unterminieren und die EU zu spalten, entgegentreten. Am Ende bekommt sie 383 Stimmen bei 327 Gegenstimmen und 22 Enthaltungen.

Martin Selmayr über Von der Leyen

Martin Selmayr ist der Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich. Seine heutige Chefin kennt er, seit sie als deutsche Arbeitsministerin für eine verbindliche Frauenquote in Aufsichtsräten kämpfte. Große Teile der CDU bis hinauf zu Kanzlerin Angela Merkel waren gegen diesen Plan. Also hat sie sich mit der damaligen EU-Kommissarin Viviane Reding, deren Kabinett Selmayr leitete, zusammengetan und das Thema damit auch in Deutschland durchgebracht. "Damals hat sie gezeigt, dass sie weiß, wie Europa funktioniert", erinnert sich Selmayr. Und schon damals habe sich gezeigt, dass von der Leyen in der europäischen Politik landen könnte. Für sie ist der Topjob in Europa eine Rückkehr zu ihren Wurzeln.

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Kindheit und Elternhaus

Ursula von der Leyen wird 1958 in Belgien geboren und wächst, bis sie 13 Jahre alt ist, in Brüssel auf. Ihr Vater Ernst Albrecht ist Kabinettchef des deutschen EWG-Kommissars Hans von der Groeben. Sie ist das dritte von sieben Kindern, das erste Mädchen. Eine zweite Tochter, Benita, starb mit nur elf Jahren an Krebs. Ursula wird von der Familie Röschen genannt, weil sich ihre älteren Brüder ein "rosa Baby" gewünscht hatten, schreiben Ulrike Demmer und Daniel Goffart in einer 2019 erschienenen Biografie.

Ernst Albrecht, Vater von Ursula Von der Leyen
© Getty/Starke Links im Bild: Ernst Albrecht, Vater von Ursula Von der Leyen

Es ist ein großbürgerlicher Haushalt, den die Autoren da schildern. Der Vater, ein Jurist und Volkswirt, den es bald in die Politik zieht und der den Kindern Disziplin vorlebt und abverlangt. Die Mutter, Germanistin und Kunsthistorikerin, die, bevor sie sich ganz der Familie widmet, Kulturjournalistin ist. Ihre musisch-theatralische Ader lebt sie fortan aus, indem sie für die Kinder Theaterstücke schreibt und sie Hausmusik machen lässt. Die Albrechts hätten das Familienleben von 1918 konserviert, lästert ein Parteifreund, der die Ehre hatte, den Hauskonzerten beizuwohnen.

Familienglück in den Medien

Später, Ernst Albrecht ist inzwischen Ministerpräsident von Niedersachsen, wird dieses Familienidyll medial regelrecht inszeniert. Printjournalisten und TV-Teams sind regelmäßig zur Berichterstattung im Hause Albrecht. Ursula Albrecht, Röschen, weiß schon als Teenager, wie man mit den Medien umgeht. Später wird sie, inzwischen mit Heiko von der Leyen, den sie im Chor der Uni Göttingen kennengelernt hat, verheiratet und Mutter von sieben Kindern, ebenfalls mit ihrer Familie samt Ponys und Ziegen posieren. Dass sie sich - noch später - darüber beklagen wird, dass sie als Frau regelmäßig gefragt werde, wie sie Ministerinnenamt und Kinder manage, ist berechtigt. Einerseits. Andererseits hat sie ihr Image der Working Mom selbst kräftig befördert.

Ursula Von der Leyen und ihr Mann Heiko Von der Leyen
© Getty/Rentz Ursula Von der Leyen mit ihrem Ehemann Heiko Von der Leyen. Das Paar hat sieben Kinder

Verhandlungsgeschick und Disziplin

Doch nicht nur mit ihrem öffentlichen Familienleben ähnelt Ursula von der Leyen ihrem Vater. Wie er steigt sie in die CDU ein, ohne eine Ochsentour durch die Parteihierarchie anzutreten. Nachdem der Vater 1990 die Wahl gegen Gerhard Schröder, den späteren SPD-Bundeskanzler, verliert und die Politik verlässt, tritt sie der Partei bei. Was sie von ihrem Vater mitbekommen hat, sind Verhandlungsgeschick und Disziplin, sie gibt nicht auf, wenn sie mit Ideen oder Karriereplänen im ersten Anlauf scheitert. Von der CDU wird sie geachtet, nicht unbedingt geliebt - auch das haben sie gemeinsam. Dass sie keine "Parteipolitikerin" ist, gilt heute in Brüssel als einer ihrer Vorteile, denn dort muss man mit allen reden können.

Von der Leyens Ausbildung

So zielstrebig begann ihr Berufsleben freilich nicht. Nach dem Abitur studiert von der Leyen herum, beginnt mit Archäologie, wechselt zur Volkswirtschaft, übersiedelt nach London, wo sie unter dem Pseudonym Rose Ladson (aus Sorge vor einer Gefährdung durch die Terrororganisation RAF) an der School of Economics and Political Science inskribiert. Erst 1980 beginnt sie das Medizinstudium, das sie abschließt. Die Facharztausbildung der Gynäkologie bricht sie aber ab, weil sie inzwischen Kinder hat. 1992 folgt sie ihrem Mann, der an der Stanford University tätig ist, in die USA. Nach der Rückkehr hängt sie noch eine Ausbildung zum Master of Public Health an.

Angela Merkels "Troubleshooterin"

In dieser Zeit ordnet von der Leyen ihre Karriere der ihres Mannes und dem Familienleben unter. In ihren ersten Jahren in der Politik - sie ist ab 2003 Ministerin für Frauen, Familie und Gesundheit in Niedersachsen - versucht sie, die Abende zu Hause zu verbringen, liest im Kinderzimmer Akten - und ist so, als Angela Merkel auf sie aufmerksam wird, ab 2005 die geradezu ideale Familienministerin. Und später disziplinierte Troubleshooterin, wo immer die Kanzlerin sie braucht. Sie wechselt von einem Tag auf den anderen 2009 ins Arbeitsministerium und 2013 ins Verteidigungsministerium.

Ursula Von der Leyen und Angela Merkel
© 2021 Getty Images Ursula Von der Leyen und Angela Merkel

Umstritten als Verteidigungsministerin

Dort ist sie umstritten. Die Soldaten fühlen sich von ihr nicht geschätzt, weil sie von einem "Haltungsproblem" der (gesamten) Bundeswehr spricht, als ein Oberleutnant enttarnt wird, der sich als syrischer Flüchtling ausgibt und einen offenbar rechtsradikal motivierten Anschlag plant. Dazu kommen Ausrüstungsmängel, eine Berateraffäre und eine Kostenexplosion bei der Sanierung des Segelschulschiffs "Gorch Fock". Die Ministerin ist unter Dauerbeschluss.

Von der Leyen und Europa

Selmayr hat einen anderen Blick auf diese Karrierestation von der Leyens: Sie habe sich stärker mit europäischen Fragen beschäftigt als ihre Amtskollegen in anderen Ländern (schon 2011 nennt sie die "Vereinigten Staaten von Europa" als Ziel, später eine "Armee der Europäer"), habe sich innerhalb der Nato vernetzt und auf eine stärkere Rolle Europas in diesem Verteidigungsbündnis hingearbeitet. Das Amt der Kommissionspräsidentin sei vor diesem Hintergrund eigentlich der logische nächste Schritt gewesen -bei dem nicht nur Macron, sondern auch Angela Merkel die Strippen gezogen habe. Die beiden hätten sich wohl schon früh auf von der Leyen geeinigt, falls das "Spitzenkandidaten-Modell" scheitere, meint Selmayr. Ein Schluss liegt nahe: Merkel könnte ihre langjährige Vertraute gewissermaßen auch als Nachfolgerin in der Europapolitik, die die Kanzlerin jahrelang dominierte, gesehen haben.

»Sie will wirklich regieren«

Ihre Rolle als EU-Kommissionspräsidentin

Was die erste Frau an der EU-Spitze von den Männern vor ihr unterscheidet? "Sie will wirklich regieren", sagt Selmayr, "und sie muss das jetzt auch, weil die Krisen der letzten Jahre die EU-Kommission in diese Rolle gebracht haben." Dass die Kommissionspräsidentin in der Coronakrise den gemeinsamen Einkauf von Impfstoff vorangetrieben und damit die Kompetenzen der Nationalstaaten übernommen habe (und diese das auch zuließen), das hätte es früher nicht gegeben. Ebenso hat von der Leyen die Initiative ergriffen, nachdem Putin die Ukraine angegriffen hatte: Durch ihre Kontakte aus der Zeit als Verteidigungsministerin hat sie früh verstanden, was passieren könnte, und Vorbereitungen getroffen. "Sie geht über das hinaus, was ihre Vorgänger sich getraut hätten", sagt Selmayr. Etwa wenn sie der Ukraine sofort nach Kriegsbeginn die EU-Betrittsperspektive eröffnet. Selmayrs Fazit: "Sie hat die EU und die EU-Kommission gestärkt." US-Außenminister Henry Kissinger hat einmal gefragt: "Wen rufe ich an, wenn ich Europa anrufen will?" Selmayr: "Wenn der US-Präsident heute in Europa anruft, weiß er, dass er mit der Kommissionspräsidentin sprechen muss."

So arbeitet Ursula Von der Leyen

Sie ist als Erste im Büro, sie ist extrem diszipliniert und effizient, heißt es. Die gleiche Disziplin erwartet sie von ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den Kommissarinnen und Kommissaren aus den 27 EU-Staaten. Sie wird nicht laut, wie es mancher ihrer Vorgänger wurde. Sie ist professionell distanziert, keine, die abends an der Bar auf Kumpel macht oder Stunden bei geschäftlichen Essen herumsitzt. Allerdings heißt es auch: Sie treffe Entscheidungen einsam, vertraue nur einem engen Kreis von Mitarbeitern und delegiere nicht gern.

»Sie hat in ihrer Amtszeit bisher große Brocken zu stemmen gehabt, keiner davon war geplant, sie hätte in allen Dingen scheitern können. Das ist sie aber nicht.«

Distanzierte Präsidentin

Diese Distanziertheit hat Folgen: "Man spürt sie nicht", sagen jene in der Europapolitik, die nicht ständig mit ihr zu tun haben. Im EU-Parlament fremdelt man ein wenig mit ihr. Dessen Erster Vizepräsident Othmar Karas nennt dennoch vor allem einmal ihren Umgang mit Krisen, wenn er von der Kommissionspräsidentin spricht. "Unter ihrer Ägide hat Europa als erster Kontinent einen Green Deal zustande gebracht. Zum ersten Mal in der Geschichte der Union wurde neues Geld aufgenommen, um ein Investitionsprogramm für Nachhaltigkeit und die Bewältigung der Folgen der Pandemie aufzusetzen." Erst nachdem von der Leyen ehrgeizige Ziele für die Klimaneutralität formuliert hat, hätten auch die USA und China nachgezogen, so Karas. Seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine habe es die Kommissionspräsidentin geschafft, dass alle Sanktionen von den Mitgliedsländern einstimmig beschlossen werden. "Sie hat in ihrer Amtszeit bisher große Brocken zu stemmen gehabt, keiner davon war geplant, sie hätte in allen Dingen scheitern können. Das ist sie aber nicht."

Von der Leyens Zukunft

Keines der anstehenden großen europäischen und globalen Probleme wird bis zum Ende der Amtszeit von der Leyens gelöst sein. Alle Beobachter sind sich einig: Wenn sie es will, steht einer weiteren Amtsperiode als EU-Kommissionspräsidentin nichts im Wege. Sie mag eine einsame Kämpferin sein. Doch im Gegensatz zu anderen Figuren des derzeitigen Weltgeschehens ist sie nicht isoliert.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im News-Magazin Nr. 37/2022.