Die Österreicher und das liebe Geld

Die Diskussionen über variable Kredite haben das Finanzverhalten der privaten Haushalte in Österreich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Wie die Österreicherinnen und Österreicher in Geldangelegenheit ticken: Sie mögen keine Aktien und lieben Bargeld. Rund die Hälfte besitzen höchstens genug, um in Notsituationen über die Runden zu kommen.

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47,6 % besitzen das Haus oder die Wohnung, in der sie leben
78,1 % besitzen ein Auto
6,1 % der Haushalte besitzen Aktien
29,9 % der Haushalte sind verschuldet
302.000 Millionäre in Österreich
2,9 Millionen Österreicher gehören zu den reichsten zehn Prozent der Welt
230.000 Euro besitzt ein Österreicher im Durchschnitt
17 € Taschengeld bekommt ein Volksschulkind im Durchschnitt, Kinder in der Unterstufe 34
45.595 € Bruttojahreseinkommen der ganzjährig Vollzeitbeschäftigten 2021
23.296 € Bruttojahreseinkommen der Pensionisten 2021

Quelle: HFCS, Global Wealth Report Credit Suisse, Statistik Austria, durchblicker.at

VERANLAGUNG

Die Österreicher mögen keine Aktien

Im ersten Halbjahr 2022 verfügten die österreichischen Haushalte über knapp 800 Milliarden Euro Geldvermögen, der größte Anteil davon waren täglich fällige Einlagen. Was am Veranlagungsverhalten der Österreicherinnen und Österreicher besonders auffällt: Sie mögen keine Aktien, sagt Stefan Pichler, Professor für Banking und Finance an der Wirtschaftsuniversität Wien. "Wir hatten von 1919 bis 1934 eine einigermaßen liberale Demokratie, dann Regimes, die eigentlich alle planwirtschaftlich organisiert waren. Zuerst der Ständestaat, dann der Nationalsozialismus, in Ostösterreich gab es zehn Jahre eine sowjetische Zone. Das war schon stark ideologiegetrieben, und das ist immer noch in den Köpfen drinnen." Außerdem, meint Pichler, hätte die Finanzindustrie gelernt, mit diesen Vorlieben umzugehen, und profitiere auch davon. "Es wird versucht, andere Produkte, die in Aktien investieren - wie Lebensversicherungen oder Fonds -an den Mann und die Frau zu bringen. Die Banken und Versicherungen verdienen damit mehr, als wenn die Leute direkt Aktien kaufen."

© Alexandra Kaserbacher / Sebastian Mayer

Risikoavers vs. risikoaffin

Der Börse misstrauen die Österreicherinnen und Österreicher, mit riskanten variablen Kreditzinsen haben viele kein Problem. In Österreich wurde zuletzt die Hälfte aller Kredite ohne Fixzins vergeben. Ein Widerspruch, der auch Finanzexperten Rätsel aufgibt. "Es wird ja nicht am Gencode liegen. Ich glaube, dass Mundpropaganda eine Rolle spielt. Viele Bankberater erzählen mir, dass Kunden mit vorgefertigten Meinungen kommen und sich davon nicht mehr abbringen lassen." Eine wenig untersuchte Rolle spielen dabei freischaffende Finanzberater. "Wenn man mit Leuten aus der Branche redet, erzählen einem alle das gleiche, nämlich, dass diese Finanzberater einen großen Einfluss haben. Ich kann nicht ausschließen, dass die Banken auf diese Art und Weise elegant versuchen, die Schuld von sich zu schieben. Aber es gibt eine Untersuchung, die sich auf Fremdwährungskredite bezieht: Damals ist die Nachfrage nach Fremdwährungskrediten über Monate oder sogar Jahre von Vorarlberg bis Ostösterreich migriert. Es kann also nicht sein, dass eine einzelne Bank plötzlich beschlossen hat, Fremdwährungskredite zu vergeben, denn dann wäre es in ganz Österreich gleichzeitig gewesen. Das war wirklich stark kundenseitig getrieben, und dabei spielen Finanzberater natürlich automatisch eine Rolle. Bei den variablen Krediten ist es wahrscheinlich ähnlich."

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»Viele Bankberater erzählen mir, dass Kunden mit vorgefertigten Meinungen kommen«

Stefan Pichler, Professor für Banking und Finance an der Wirtschaftsuniversität Wien

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BARGELD

Nur Bares ist in Österreich Wahres

Global, zeigt eine aktuelle Studie des Finanzdienstleisters Klarna, bezahlen die Menschen am liebsten mit Karte. In Österreich gaben 41 Prozent an, bevorzugt mit Bargeld zu bezahlen - Bankomat- oder Kreditkarten landeten mit 30 Prozent nur auf dem zweiten Platz. Auch der jüngst publizierte "Global Payment Report" der Boston Consulting Goup belegt, dass Österreich immer noch ein Bargeld-Land ist. Im Durchschnitt nahmen die Österreicherinnen und Österreicher im Vorjahr 247 elektronische Zahlungen vor. Sie liegen damit im Vergleich mit 17 anderen europäischen Ländern nur im untersten Drittel. Dennoch ist die Zahl der bargeldlosen Zahlungen im Vergleich zu 2021 um 7 Prozent gewachsen.

»80 Prozent der Österreicher wünschen sich, dass es die Wahlfreiheit gibt, bar zu bezahlen«

Gerhard Starsich, Generaldirektor der Münze Österreich

Warum hat Cash in Österreich noch so einen ungewöhnlich hohen Stellenwert? Gerhard Starsich, Generaldirektor der Münze Österreich, vermutet historische Gründe: "Ich glaube, dass die Menschen aus den schlechten Erfahrungen mit dem totalen Überwachungsstaat im dritten Reich mitgenommen haben, dass sie auch beim Bezahlen anonym bleiben wollen. Deswegen sagen wir: Bargeld ist geprägte Freiheit, weil man damit dem Staat die Möglichkeit nimmt, alles im Privatleben zu überwachen." Was er derzeit nicht intendiert, aber man wisse ja nie, sagt Starsich. "In China gibt es ein staatlich überwachtes Kartensystem, für das es Social Points gibt. Wenn Sie zum Beispiel ins Puff gehen, bekommen Sie Minuspunkte und ihr Kind keinen Kindergartenplatz. Solange alle nett zueinander sind wie derzeit in Österreich ist das natürlich kein Problem. Aber es kann sich ändern."

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Was außerdem für das Bargeld spreche: Es sei sicher gegenüber Cyberangriffen und Kleinbetrugsfällen und auch im Falle einer Naturkatastrophe oder eines Stromausfalls zu verwenden. Außerdem, argumentiert Starsich, tun sich ärmere Menschen mit Bargeld leichter, ihre Ausgaben zu kontrollieren. Und Bargeld sei inklusiv. "Es gibt viele Leute, die in Österreich gar keine Karte bekommen, Flüchtlinge zum Beispiel, die können nur Bargeld verwenden. Oder auch ältere Menschen, die mit den elektronischen Zahlungsmethoden nicht umgehen können. Bargeld ist auch kostengünstig, weil es keine Infrastruktur braucht. Wenn ich meiner Enkelin 20 Euro Taschengeld gebe, kostet das sonst gar nichts. Staaten, die eigentlich versucht haben, das Bargeld zurückzudrängen, bauen ihre Bargeldinfrastruktur jetzt wieder auf."

Weiterhin Wahlfreiheit

In Österreich soll es so bleiben, wie es jetzt ist, findet der Münze-Österreich-Generaldirektor. Die Österreicherinnen und Österreicher sollen "weiterhin echte Wahlmöglichkeit" haben, was das Zahlungsmittel betrifft. "Es gibt im Nationalbankgesetz und auch in anderen Gesetzen Regelungen, die eine Annahmeverpflichtung für Bargeld vorschreiben, aber die sind alle so weich formuliert, dass sie nicht durchsetzbar sind." Zur Not, meint Starsich, müsste man das ausjudizieren. Damit vor allem in Geschäften des täglichen Bedarfs weiterhin bar bezahlt werden kann.

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Den Vorstoß von ÖVP-Kanzler Karl Nehammer, Bargeld in der Verfassung zu verankern, "begrüßen wir sehr", sagt er. "Wobei es traurig ist, dass das wieder in ein parteipolitisches Geplänkel ausgeartet ist. 80 Prozent der Österreicher wünschen sich, dass es die Wahlfreiheit gibt und dass man mit Bargeld zahlen kann. Ich würde mich freuen, wenn alle Parteien sagen, wir tun einmal nicht das, was für uns taktisch am besten ist, sondern was sich die Österreicherinnen und Österreicher wünschen."

VERMÖGENSVERTEILUNG

Das Vermögen ist ungleich verteilt

Seit 2010 wird im Rahmen des europaweit durchgeführten "Household Finance and Consumption Surveys", kurz HFCS, durch die Österreichische Nationalbank erhoben, wie es um die Finanzangelegenheiten der privaten Haushalte bestellt ist. Dabei werden die Daten von 2300 österreichischen Haushalten auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet. Das Ergebnis: Die Bevölkerung lässt sich grob in zwei Hälften teilen. Die eine besitzt wenig, gerade einmal genug, um im Notfall über die Runden zu kommen. Die andere Hälfte verfügt über Wohneigentum; die reichsten zehn Prozent sogar über mehrere Häuser oder Wohnungen und oft auch Unternehmenseigentum. Armuts- oder Reichtumsforschung lässt sich mit den Daten des HFCS nicht machen, weil weder besonders arme - etwa Obdachlose - noch extrem reiche Menschen erfasst sind, die Obergrenze liegt in der Studie bei zwölf Millionen Euro.

»Die reichsten fünf Prozent besitzen 37 Prozent des Vermögens in Österreich«

Stefan Angel, Ökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO)

Die Tendenz ist aber klar: Das Nettovermögen ist in Österreich sehr ungleich verteilt. Das zeigen auch Zahlen aus anderen Berichten, etwa dem Global Wealth Report der Credit Suisse: In Österreich ist die Schere zwischen durchschnittlichem und Medianvermögen verhältnismäßig groß. Letzteres liegt laut Credit Suisse in Österreich bei rund 64.000 Euro - das heißt, eine Hälfte der Österreicherinnen und Österreicher besitzt mehr, die andere Hälfte weniger als diesen Betrag. Rechnet man das Durchschnittsvermögen aus, kommt man aber auf 230.000 Euro pro Kopf.

Hohe Mieterquote

Stefan Angel, Ökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut, bestätigt: "Die Vermögensungleichheit ist in Österreich sicher eher überdurchschnittlich. Das hängt damit zusammen, dass wir eine sehr hohe Mieterinnen-und Mieterquote haben, knapp die Hälfte der Menschen leben in einer Mietwohnung. Höher sind diese Zahlen nur noch in Deutschland. Die Vermögensungleichheit ist in Österreich damit deutlich größer als die Einkommensungleichheit." Diese Zahlen seien sehr konstant, sagt Angel, und hätten sich seit Beginn der Erhebungen vor dreizehn Jahren nicht stark verändert.

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Wenig Daten über Superreiche

Würde man das Vermögen der Superreichen einrechnen, klafften die Verhältnisse noch weiter auseinander. Dazu gibt es aber keine gesicherten Daten. "Je höher das Vermögen, desto geringer die Antwortbereitschaft", sagt Angel. Kursierende Zahlen und Listen basieren auf Schätzungen und anekdotischer Evidenz. So viel könne man sagen, meint der Ökonom: "Die reichsten fünf Prozent besitzen 37 Prozent des gesamten Vermögens in Österreich."

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SCHULDEN

Die Konsumkredite nehmen zu

Rund 30 Prozent der Haushalte in Österreich sind laut "Household Finance and Consumption Survey" verschuldet, ein relativ geringer Wert im europäischen Vergleich. Zwanzig Prozent aller österreichischen Haushalte hatten 2021 einen laufenden Kredit zur Finanzierung ihrer Wohnung. So die groben Eckdaten. Wie es mit der Überschuldung, also Zahlungsunfähigkeit über einen längeren Zeitraum, aussieht, weiß man dagegen nicht, sagt Clemens Mitterlehner, Geschäftsführer der Dachorganisation der staatlich anerkannten Schuldnerberatungen in Österreich. "Wir können keine Aussage darüber treffen, wie viele Schulden ein durchschnittlicher Österreicher oder eine durchschnittliche Österreicherin hat. Das ist gesamtgesellschaftlich ein Problem: Wir wissen einfach zu wenig über die Entwicklungen." Daher, sagt Mitterlehner, werde jetzt gemeinsam mit dem Sozial-und dem Justizministerium versucht, eine Überschuldungsquote zu errechnen. "Wie viele Menschen sind in Österreich überschuldet? Wir wissen es nicht. Die Schätzungen gehen von 100.000 bis 400.000."

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Steigerung um 19 Prozent

Die Zahlen, mit denen die Schuldnerberatung arbeitet, beziehen sich also nicht auf die Gesamtheit der überschuldeten Menschen in Österreich, sondern auf jenen Prozentsatz, der seinen Weg in die Schuldnerberatung findet. Und da zeigt sich: Bei den Personen, die sich erstmals an eine Schuldnerberatung wandten, gab es im ersten Halbjahr 2023 eine Steigerung von 19 Prozent. Interessant sei auch, sagt Mitterlehner, dass sich deren Durchschnittsverschuldung etwas verringert habe. "Weil schon kleinere Schulden früher ein Problem sind, was sicher mit den gestiegenen Lebenskosten zusammenhängt, weil dadurch weniger Geld für die Schuldenrückzahlung bleibt. Das zeigt, wohin die Reise geht: Die Kombination aus Teuerung und steigenden Zinsen kann Haushaltsbudgets endgültig zum Kippen bringen."

»Wie viele Menschen sind in Österreich überschuldet? Wir wissen es nicht«

Clemens Mitterlehner, Geschäftsführer des Dachverbands der Schuldnerberatungen

Das Problem seien weniger Immobilienkredite, selbst wenn Kreditzinsen in den letzten Monaten gestiegen sein mögen. "Menschen mit Immobilienkrediten haben den Vorteil, dass es Vermögen als Gegenwert gibt. Der Verkauf des Hauses deckt alle Schulden ab, und sie sind wieder schuldenfrei." Weniger gesprochen werde darüber, dass die variablen Zinssatzsteigerungen auf die meisten Konsumkredite wirken. Und dass diese in letzter Zeit zunehmen. Nicht nur aus Konsumlust, sondern weil immer mehr Menschen auch Dinge des Alltags fremdfinanzieren müssen, die Brille oder die Waschmaschine. "Wir merken quasi mit zwei Jahren Verzögerung dass Corona ein Thema ist", sagt der Geschäftsführer der Schuldnerberatungen. "Eine Zeit lang kann man von Ersparnissen leben, bei Freunden etwas ausborgen oder das Konto überziehen. Aber irgendwann wird der Leidensdruck so groß, dass man externe Hilfe braucht. Gestiegene Lebenserhaltungskosten als Überschuldungsgrund liegen mittlerweile bei zwölf Prozent. Zum Vergleich: Im Vorjahr ist das in der Statistik nicht einmal aufgetaucht. Und wir befürchten, dass das Ende noch lange nicht in Sicht ist."

© Alexandra Kaserbacher / Sebastian Mayer

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 37/2023.