LEITARTIKEL von

Das wird man wohl
nicht sagen dürfen

Dass Donald Trump ein mieser Grapscher ist, wundert niemanden. Dass er deshalb nun fallen könnte, schon eher

Eva Weissenberger © Bild: Ian Ehm

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen: Mexikaner sind „Vergewaltiger“, die Familien von Terroristen gehören ausgerottet, Frauen, die mehr als 55 Kilo wiegen, sind „Schlampen“ oder „Schweine“. Sätze wie: „Wäre sie nicht meine Tochter, ich würde vielleicht mit ihr ausgehen.“ Oder, über eine Zehnjährige: „In zehn Jahren werde ich sie daten.“ Donald Trump jedenfalls durfte das alles sagen – die Republikaner unterstützten seine Kandidatur für das Amt des US-Präsidenten trotzdem, und es tat seinen Chancen, zu gewinnen, keinen Abbruch. Im Gegenteil: Endlich traut sich da einer, auszusprechen, was wir weißen Männer denken.

Plötzlich aber versagt das Partei-Establishment Trump die Gefolgschaft, seine Umfragewerte fallen. Pussy-Gate, das war dann doch zu viel. Auf einem alten Tonmitschnitt ist zu hören, wie Trump damit prahlt, ein TV-Star wie er könne sich Frauen gegenüber alles erlauben, sie unerlaubt küssen und ausgreifen, fast keine würde sich wehren. Verwunderlich ist nur, wie viele das jetzt wundert.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Was Trump seinerzeit sagte, ist alles andere als harmlos. Er redet dem sexuellen Übergriff das Wort. Aber wer wusste nicht, dass Trump so spricht und handelt?
Für Männer seiner Liga und Generation gehört zumindest das verschwitzte Geschwätz selbstverständlich dazu, in manchen Branchen war es quasi eine Voraussetzung dafür, Karriere zu machen. Man will ja dazugehören. Frauen und Homosexuelle hingegen sollten zu den Machtzirkeln nicht dazugehören.

Das ist übertrieben? Heute sind die Männer doch nicht mehr so? Als sich Ex-Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek vor eineinhalb Jahren anschickte, das Grapschen zu verbieten, war die Ablehnung groß. Der Nationalratsabgeordnete Marcus Franz, damals im Team Stronach, beklagte, und zwar nicht bei einer privaten Unterhaltung in einem Bus, nicht am Stammtisch, nicht in der Herrensauna, sondern öffentlich auf Twitter: „Ob der Popsch hält, was der Blick verspricht. Das erfahren zu wollen wird nun bestraft.“ Seine spätere Ehefrau hätte er aufgerissen, indem er ihr ungefragt an den Hintern gegriffen hätte – habt euch nicht so, Pupperln, das ist doch ein Kompliment. Franz wurde für seine Haltung, die er dann bereitwillig fürs TV ausführte, nicht geächtet, im Gegenteil: Die ÖVP nahm ihn umgehend in Partei wie Parlamentsklub auf.
Langsam dreht sich der Wind. Man darf – wenigstens über Frauen, wenigstens in den USA – wohl nicht mehr alles sagen. Zu viel darf man in diese Episode des US-Wahlkampfs aber nicht hineininterpretieren. Die republikanischen Politiker, die sich von Trump distanzieren, begründen dies fast wortident: Sie wüssten nicht, wie sie vor ihrer Enkelin/Tochter/Gattin rechtfertigen sollten, Trump weiter zu unterstützen. Entweder wissen diese Politiker nicht, was richtig und was falsch ist, und müssen bei weiblichen Verwandten nachfragen. Oder sie finden verbale und handfeste Gewalt gegen Frauen nur dann schlimm, wenn sie sich vorstellen, es würde die eigene Familie treffen. Beides zum Verzweifeln.
Hoffentlich verhindert Pussy-Gate, dass Trump US-Präsident wird. Seine Ideologie wird freilich nicht mit ihm untergehen. Die US-Gesellschaft war auch zuvor rassistisch und sexistisch – Trump hat dies nur kanalisiert und dem allen eine Stimme gegeben.

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