6 Jahre danach von

Fukushima: Wie noch immer
Menschenleben gefährdet werden

"Global 2000"-Experte: Bewohner werden zu Rückkehr in verstrahlte Zone genötigt

  • Fukushima Rückkehr - sechs Jahre danach
    Bild 1 von 35 © Bild: REUTERS/Toru Hanai

    In den blauen Tanks auf dem Gelände der Atomruine Fukushima Daiichi lagern zigtausende Tonnen an radioaktiv verseuchtem Wasser.

    Weiter: Eine Reuters-Bildreportage, zeigt wie das Atomkraftwerk und die einstige Sperrzone heute aussehen.

  • Fukushima Rückkehr - sechs Jahre danach
    Bild 2 von 35 © Bild: REUTERS/Toru Hanai

    150.000 Menschen mussten nach der durch den Tsunami verursachten AKW-Katastrophe in Sicherheit gebracht werden.

    Auch Chieko Oyama musste ihr Zuhause verlassen. Im März 2017 besuchte sie die teils wiederaufgebaute Stadt Namie.

In Kürze jähren sich die nuklearen Störfälle von Fukushima zum sechsten Mal. Die Katastrophe nimmt aber kein Ende: 210.000 Liter verseuchtes Grundwasser werden täglich aus der Atomruine Fukushima Daiichi gepumpt. Ein Teil davon sickert nach wie vor ins Meer. Umweltschützer kritisieren dieses Vorgehen scharf. Sie werfen den Entscheidungsträgern vor: Sich als Hightech-Land zu profilieren, sei Japans Regierung wichtiger als die Gesundheit von Menschen und eine intakte Umwelt.

"Die Betreibergesellschaft Tepco und die japanische Regierung sind sechs Jahre nach den Super-GAUs von Fukushima völlig überfordert mit der technischen Lage und haben auch heute noch keinen Plan zur Bergung des hochradioaktiven Brennstoffes", sagt Reinhard Uhrig, Anti-Atom-Sprecher von "Global 2000". Die Forderung lautet: Eine internationale Koalition soll genauso wie im Fall von Tschernobyl unterstützend eingreifen.

Unterirdischer Kühlschrank

Der letzte Erkundungsversuch im am wenigsten zerstörten Reaktor 2 endete wieder mit dem Verlust eines High-Tech-Roboters, wie die Organisation in einer Aussendung mitteilt. Dabei ist die Elektronik des Roboters aufgrund der starken Strahlung von 650 Sievert pro Stunde ausgefallen. Die Erkundung habe laut Umweltschützern gezeigt, dass die Tepco-Analysen der letzten Jahre falsch waren: Am 11. März 2011 ist es nach dem Ausfall der Kühlwasserpumpen im Reaktor 2 durch den Tsunami sehr wohl zur Kernschmelze und zum Durchschmelzen des Reaktordruckbehälters gekommen. Glühende Brennelemente brannten sich durch Stahl und Beton und verteilten sich in einer unkontrollierbaren schwarzen Masse unter dem explodierten Reaktor – genauso wie in den noch stärker zerstörten Reaktoren 1 und 3.

Derzeit soll ein riesiger unterirdischer Kühlschrank für 344 Millionen Dollar (rund 324 Millionen Euro), auch Eiswall genannt, den Zustrom von Grundwasser in die radioaktiv belastete Atomruine stoppen. Die Technik ist laut Experten jedoch nicht für eine langfristige Abschottung geeignet, undicht und droht bei einem Ausfall der elektrisch betriebenen Kühlaggregate zu schmelzen.

»Es geht dem japanischen Staat darum, zu zeigen, dass sie ein Hightech-Land sind«

Uhrig plädiert wie internationale Experten für das Errichten von Spundwänden, die den Ausfluss von derzeit rund 210.000 Liter verseuchtem Grundwasser täglich deutlich verringern könnten. Warum lässt sich die japanische Regierung nicht auf diesen Vorschlag ein? An den Kosten kann es wohl nicht liegen, denn eine Spundwand wäre kostengünstiger als die derzeitige Anlage. "Es geht dem japanischen Staat darum, zu zeigen, dass sie ein Hightech-Land sind", sagt Uhrig. Und das offenbar auf Kosten der Gesundheit der Bewohner dieses Landes und auf Kosten der Umwelt.

Zur Rückkehr getrieben

150.000 Menschen mussten nach der durch den Tsunami verursachten AKW-Katastrophe am 11. März 2001 in Sicherheit gebracht werden. Seitdem versucht die japanische Regierung durch das Abtragen von kontaminierter Erde, die einstige Sperrzone um das AKW wieder bewohnbar zu machen. Internationale Experten sehen dieses Vorgehen skeptisch. Denn immer noch werden teils hohe Strahlungswerte in den Gebieten gemessen, in denen bereits wieder Menschen wohnen. Anfang September 2015 durften die Bewohner wieder in die Kleinstadt Naraha zurückkehren. Doch nur wenige nutzten die Chance. Vor allem junge Menschen wollen nicht wieder zurück - auch weil sie den Strahlenwerten der Regierung nicht trauen. In einer aktuellen Umfrage gaben Dreiviertel der Menschen im Alter bis 29 Jahre an, nicht zurückkehren zu wollen.

"Unsere Partnerorganisation 'Friends of the Earth Japan' warnt seit sechs Jahren davor, dass die gemessenen Strahlenwerte eine Rückkehr nicht erlauben", sagt Anti-Atom-Sprecher Uhrig. Messungen des Netzwerks "Safecast", das Geigerzähler-Messungen von Privatpersonen vernetzt, zeigen, dass die Strahlenwerte teilweise im kritischen Bereich liegen.

Tausende Menschen leben immer noch in den Baracken, welche die Regierung nach der Evakuierung zur Verfügung gestellt hat. Sechs Jahre nach der Katastrophe will die Regierung die Menschen langsam wieder in die verstrahlte Zone verfrachten. Man wolle die Leute vertreiben, wie Uhrig kritisiert. "Finanzielle Unterstützungen werden gestrichen, um sie zur Rückkehr zu bewegen", sagt er. Dabei haben viele der jungen Evakuierten sich inzwischen anderswo ein Leben aufgebaut. Zurück will vor allem die alte Generation.

Am 31. März 2017 soll für die wiederaufgebaute Stadt Namie, die nur rund 12 Kilometer von dem AKW entfernt liegt, die Sperrzone aufgehoben werden. Einst lebten hier rund 21.500 Menschen. Zurück in das immer noch verstrahlte Gebiet wollen aber nur die Wenigsten. In der ersten Welle werden nur einige hundert Bewohner zurückkehren, wie Hidezo Sato, ein ehemaliger Saatguthändler, der beim Wiederaufbau der Stadt geholfen hat, gegenüber Reuters schätzt. Die offiziellen Strahlenwerte liegen bei 0,07 Mikrosievert pro Stunde, nur wenig höher als im Rest von Japan. Doch nur wenige Kilometer weiter in der benachbarten Stadt Tomioka wurden 1,48 Mikrosievert pro Stunde gemessen - ein Wert, der 30 Mal höher ist als beispielsweise in Tokio. Der offizielle Grenzwert für die Bevölkerung beträgt zum Vergleich 1 Millisievert im Jahr. Für Personen, die beruflich einer Strahlung ausgesetzt sind, wie Atomkraftwerksmitarbeiter, darf die Dosis im Jahr 20 Millisievert nicht übersteigen.

Leidtragende der Regierungspolitik sind laut Uhrig unter anderem auch zahlreiche Kinder. So ist beispielsweise in Fukushima City die Strahlenbelastung im Erdreich immer noch hoch. "Global 2000" und die Partnerorganisation "Friends of the Earth Japan" fordern daher: Die Kinder müssen aus der Region herausgeholt werden.

Karte zur Umgebung des AKWs:


Risiko-AKWs auch in Europa

Laut "Global 2000" betreiben in der EU 14 der 28 Staaten Atomkraftwerke. Etliche davon stuft die Umweltschutzorganisation als Risikofaktor ein:

Farbcode der AKW-Karte:
ROT = Hochrisikoreaktor, Siedewasserreaktor 69 oder GE Mark I (Fukushima-Typ)
ORANGE = Hochrisikoreaktor, kein Containment
GELB = Hochrisikoreaktor, älter als 30 Jahre
BRAUN = Hochrisikoreaktor, Erdbebengebiet
GRAU = Reaktor in Betrieb
SCHWARZ = Reaktor abgeschaltet

Österreich ist von einigen als problematisch eingestuften Atomkraftwerken umzingelt: Die Reaktoren sind teils über 30 Jahre, stehen in erdbebengefährdeten Gebieten oder haben keinen Sicherheitsbehälter.
Lesen Sie hier, wie sicher die Atomkraftwerke rund um Österreich sind.

Kommentare

Befürworter von Atomenergie sind Verbrecher!!! Es gibt keine Sicherheitsgarantie und der Müll straht noch tausende von Jahren!!!Lauter Irre und Wahnsinnige!

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