Frauen in der Gemeindepolitik von

"Die hübsche
Bürgermeisterin"

Wie schwer es weibliche Ortschefs in Österreich haben - und warum es sich trotzdem lohnt, den Job zu machen

Elisabeth Feichtinger © Bild: APA/Schlager

Halbe-Halbe? Eher das Gegenteil, wenn es um Österreichs Gemeindepolitik geht. Gerade einmal acht Prozent aller 2096 Bürgermeister sind Frauen. Diese müssen sich in einer Männerdomäne behaupten. Wie schwer das ist, wie es trotzdem gelingen kann und warum es Frauen meist gar nicht versuchen, beantworten die Bürgermeisterinnen Monika Schwaiger (62) und Elisabeth Feichtinger (31).

Land der Berge, ja, Land der Täler, auch, aber Österreich ist bestimmt kein Land der Bürgermeisterinnen. Bescheidene acht Prozent der insgesamt 2096 Ortschefs sind derzeit weiblich. In Europa rangiert die Alpenrepublik mit dieser geringen Quote im hinteren Drittel (15 Prozent sind es im Durchschnitt in der EU). Die meisten Frauen regieren in Niederösterreich, die wenigsten in Salzburg, wo es überhaupt nur fünf Bürgermeisterinnen gibt (Update: Mit den Wahlen am 10. März sind es zumindest acht.).

Bürgermeisterinnen Österreich
© News.at (Anmerkung: Mit den Kommunalwahlen sind es in Salzburg nun zumindest acht Bürgermeisterinnen, eine weitere tritt noch in einer Stichwahl an)

Frau geht, Mann kommt

Eine dieser fünf führenden Frauen in Salzburg ist – noch – Monika Schwaiger (ÖVP). Nach zehn Jahren in der Gemeinde Seekirchen am Wallersee gibt sie das Amt der Bürgermeisterin nun aus persönlichen Gründen ab. An einen Mann. „Ich hätte gerne eine Nachfolgerin gehabt“, erzählt sie im Gespräch mit News.at, „aber die Frauen in meiner eigenen Fraktion, die ich aufgefordert habe, in den Vordergrund zu gehen, sind einfach nicht bereit dazu.“

Schwieriger Job?

Warum nicht? Ist der Job für Frauen so schwer? „Es ist schon ein sehr schwerer Job, aber auch ein sehr schöner“, erzählt Schwaiger. Sie zieht eindeutig ein positives Resümee, erwähnt aber "Dinge", auf die sie "gerne verzichtet hätte". Diese will sie zwar nicht unbedingt auf ihr Geschlecht zurückführen, dennoch mache es Dinge meist auch nicht einfacher. Denn neben der Tatsache, dass man als Frau ohnehin schwieriger in eine Führungsposition gelange, um dort angekommen, 200 Prozent von dem leisten zu müssen, was Männer leisten, würde in der Politik zusätzlich noch einmal mit anderen Regeln gespielt.

Monika Schwaiger
© Sabine Bruckner Monika Schwaiger hat schon gemerkt, dass sich die Männerkollegen schwer getan haben mit einer Frau als Bürgermeisterin

Im „parteipolitischen Hickhack“ sei für den Großteil ihrer Mitbewerber (ausschließlich Männer) eine Frau auf jeden Fall schwieriger zu akzeptieren gewesen und auch im Gemeinderat „habe ich schon gemerkt, dass sich die Männerkollegen schwer getan haben damit, dass da eine Frau als Bürgermeisterin sitzt und ihnen sagt, wo es lang geht", erzählt Schwaiger.

"Schauen wir mal, ob Sie es schafft"

Auch Elisabeth Feichtinger , SPÖ-Bürgermeisterin der Gemeinde Altmünster am Traunsee (OÖ) und Nationalratsabgeordnete, schlug zu Beginn ihrer Karriere als Ortschefin vor vier Jahren viel Skepsis entgegen. „Schauen wir mal, ob sie es schafft“, sei das vordergründige Credo ihrer männlichen Kollegen gewesen, erzählt die erst 31-Jährige im Gespräch mit News.at. Anders behandelt fühlte sich die junge Politikerin aber nie, auch wenn immer wieder die Worte „junge Bürgermeisterin“ oder „hübsche Bürgermeisterin“ fallen. „Da denke ich mir schon, wenn ich ein Mann wäre, würde das niemand sagen“, so Feichtinger. Aber für sie ist das auch in Ordnung, sie mache sich einfach nicht viele Gedanken darüber.

Hinwegschauen müsse man auch über die Tatsache, dass das gleiche Verhalten von Mann und Frau verschieden interpretiert würde, sagt Monika Schwaiger, denn „wenn eine Frau sagt, was Sache ist, ist sie aggressiv, ein Mann hingegen weiß, was er will“.

Die Angriffsfläche wegnehmen

Dennoch habe auch Schwaiger nie Schwierigkeiten gehabt, denn sie habe sich Respekt verschafft. Und zwar gerade durch das Nicht-Hervorkehren ihres Frauseins. „Ich bin alles andere als eine Emanze, ich bin eine emanzipierte Frau, bin immer Frau geblieben, aber in meinem Job habe ich das ausgeklammert“, erzählt sie. Vielmehr habe sie immer versucht, sich als eine gleichwertige und gleichberechtigte Kollegin von Vielen zu sehen, denn „wenn man es schafft, das rüberzubringen, nimmt man den Männern sehr viel Angriffsfläche.“

"Eine unglaubliche Bereicherung"

Die Entscheidung, dieses Amt übernommen zu haben, bereut keine von beiden. „Eine unglaubliche Bereicherung“ sei es für Schwaiger gewesen. Feichtinger empfindet diese „vielfältige Aufgabe“ als „spannende Zeit“, in der sie sehr viel gelernt habe und weiß schon jetzt, dass sie 2021 „sicher wieder“ kandidieren wird.

»Eine Frau kann noch so gut sein aber trotzdem hinterfragt sie immer ihr Tun: Bin ich gut genug?«

Trotzdem müsse man sehen, dass es ein Job mit „irrsinnigem Risiko“ („Wenn man nicht mehr gewählt wird, hat man keinen Job mehr“) sowie ein Job auf Zeit sei, so Schwaiger. Dies treffe zwar auch auf Männer zu, doch bei Frauen fehle zusätzlich zur Risikobereitschaft oft das Selbstbewusstsein. „Eine Frau kann noch so gut sein aber trotzdem hinterfragt sie immer ihr Tun: Bin ich gut genug?“ Männer hingegen haben „das Selbstbewusstsein gepachtet“, formuliert sie es bewusst überspitzt. In ihrer Amtszeit habe sie „so viele Männer erlebt, die nicht immer besonders intelligent oder rhetorisch begabt, aber immer davon überzeugt waren, gut zu sein.“

»Frauen werden gefragt - und zwar dann, wenn es fünf vor zwölf ist«

Feichtinger kann ihrer Kollegin hier nur zustimmen. Frauen würden viel mehr als Männer alle Aspekte abwiegen, bevor sie dieses Risiko eingehen: „Männer dagegen sagen oft gleich ‚Das mache ich‘ und fragen sich erst dann, was zu machen ist.“ Außerdem stünden Frauen selten auf, um sich aktiv um so einen Posten bewerben. Vielmehr würden sie gefragt – und zwar „meistens dann, wenn es fünf vor zwölf ist und kein anderer von den Männern es möchte.“

Die Frage der Familienvereinbarkeit

Zu alldem kommt natürlich die traditionelle Frage der Familien-Vereinbarkeit, die auch im Jahr 2019 nach wie vor nur den Frauen gestellt wird – und der bereits designierten Bürgermeisterin Carmen Willi in der Vorarlberger Gemeinde Egg 2016 das Amt kostete, noch bevor sie es antrat. Allerdings nicht, weil sie selbst die Vereinbarkeit mit ihrer Rolle als dreifache Mutter nicht gegeben sah, sondern einige Bürger diese anzweifelten und ihre „Sorge“ in Form von Drohungen zum Ausdruck brachte. Diese haben Willi „derart verletzt, dass ich mich nicht mehr in der Lage sehe, Familie und Bürgermeisteramt auf gute Art und Weise zu vereinbaren”, schrieb die Kandidatin und trat den Rückzug noch vor ihrer Angelobung an.

Elisabeth Feichtinger
© Elisabeth Feichtinger Elisabeth Feichtinger: Bürgermeisterin, Nationalratsabgeordnet und werdende Mama: "Es braucht auch starke Männer, die hinter den starken Frauen stehen."

Mutterschutz und Karenz gibt es nicht

Auch auf Elisabeth Feichtinger kommt diese Vereinbarkeits-Frage bald zu, denn die 31-Jährige erwartet im Juli ein Kind. Doch bei ihr ist bereits klar: „Mein Mann geht im September in Karenz.“ Damit schlägt sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe, denn für Bürgermeisterinnen, Nationalratsabgeordnete und Ministerinnen gibt es in Österreich derzeit (noch) gar keinen Anspruch auf Mutterschutz und Karenz. Ein weiteres Zeichen für eine jahrzehntelange – und immer noch präsente – Männerdomäne.

Doch auch wenn Feichtinger einen Partner hinter sich hat, der diese Aufgabe selbstredend übernimmt, weißt sie, dass dies nicht die Norm ist. Auch weil es sich viele Familien nicht leisten können: „Viele Väter in unserer Gemeinde würden sich wünschen, in Karenz zu gehen, können es aber aufgrund der finanziellen Situation nicht.“

»In Bezug auf Gleichberechtigung und Gleichbehandlung ist Österreich ein Entwicklungsland«

Monika Schwaiger sieht diesbezüglich ebenfalls einen großen Nachholbedarf. „Hier merkt man, dass wir in Österreich sehr konservativ und rückläufig sind. In Bezug auf Gleichberechtigung und Gleichbehandlung ist Österreich ein Entwicklungsland“, nennt sie das Kind ohne jegliche Zurückhaltung beim Namen.

Pessimistische Ausblicke

Genau diese ausständige gesellschaftliche Rollen-Entwicklung sei es aber, die Frauen, sollte sie doch passieren, zu politischen Ämtern motivieren könnte, glaubt Schwaiger. Allerdings sieht sie diese Entwicklung derzeit eher in die Ferne als näher rücken: „Ich habe das Gefühl, dass wir schon weiter waren, dass es fast wieder ein bisschen zurück geht mit der Gleichberechtigung. Auch in der Politik. Jede Partei hat halt ein paar Quotenfrauen, überzeugend ist das aber für mich nicht“, gibt sich die 62-Jährige pessimistisch.

"Es braucht Fürsprecherinnen"

Zudem kann sie derzeit auch keine besondere Förderung oder Forcierung von Frauen erkennen. Dass das aber wichtig wäre, findet auch Elisabeth Feichtinger. Darum spricht sie „ganz ganz aktiv" als Frau andere Frauen an. Es brauche Fürsprecherinnen, die den Frauen Mut zusprechen und auch dafür sorgen, dass diese in Positionen wie etwa Obfrau eines Ausschusses kommen – „und nicht nur des Sozialausschusses“.

»Wir haben ja noch immer mehr Bürgermeister die Josef heißen, als Bürgermeisterinnen.«

Feichtinger sieht zwar Erfolge in ihren Bemühungen, doch nur wenn wirklich alle Fraktionen Frauen stärken, unterstützen und sie in dementsprechende Positionen setzen, sieht sie auch einen Weg zur totalen Gleichstellung in der Politik. Wenn nicht „werden wir das erst in 30 oder 40 Jahren schaffen. Wir haben ja noch immer mehr Bürgermeister die Josef heißen, als Bürgermeisterinnen.“

Die erste weibliche Kanzlerin?

„Man muss es einfach vorleben“, fordert Feichtinger von der Politik ein. Eine enorme Vorbildwirkung hätte natürlich eine weibliche Kanzlerin. Wann es in Österreich soweit sein wird? „Ich hoffe bald“, hofft die SPÖ-Bürgermeisterin auf ihre Spitzenkandidatin Rendi-Wagner. Doch in dieser Frage scheiden sich die Meinungen der beiden Ortschefinnen; Monika Schwaiger muss laut auflachen: „Das ist meine Antwort. Ein gequältes Lachen.“

Fakten zum Thema Frauen in Österreichs Gemeindepolitik:

2096 BürgermeisterInnen gibt es in Österreich, davon sind 168 Frauen, das entspricht acht Prozent. Von 39.770 Gemeinderäten/Gemeinderätinnen in Österreich sind 9.135 Frauen , das sind 23 Prozent (Stand 2018).

Hier gibt es eine Übersichtskarte über die weiblichen und männlichen BürgermeisterInnen in Österreich.

Die Bürgermeisterinnen nach Partei

(Anm.: In manchen Bundesländern, wie zum Beispiel Tirol treten viele mit Listen an, die aber auch einer Partei dazugewählt werden können. hier werden sie aber als Listen gezählt, weil sie nicht klar deklariert mit einer großen Partei angetreten sind.)

  • BZÖ: 1
  • Liste: 21
  • ÖVP: 92
  • SPÖ: 54