Vom Burnout zurück in den Job: So gelingt der Wiedereinstieg

Nach einem Burnout ist vieles nicht mehr so, wie es einmal war. Auch was den Beruf anbelangt. Vor welchen Herausforderungen Betroffene stehen, mit welchen Wünschen sie in ihren neuen Berufsalltag starten und wie der Wiedereinstieg nach der erzwungenen Pause gelingt, erklärt der Outplacement-Berater Michael Hanschitz im Gespräch mit News.at.

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Michael Hanschitz ist als New/Outplacement-Berater, Autor und Karrierecoach tätig. Er ist Gründer des Beratungsunternehmens Outplacementberatung und Autor des Buches "Menschen fair behandeln - Professionelles Trennungsmanagement & New/Outplacement". Mit seiner Arbeit unterstützt er Menschen und Organisationen bei schwierigen Veränderungsprozessen. Seine Devise lautet: Beraten mit Herz und Verstand. Hier geht es zu seiner Homepage.
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Ein Burnout stellt einen tiefen Einschnitt in das Leben eines Menschen dar. Der Beruf muss oft über Wochen, wenn nicht gar Monate ausgesetzt werden. Was macht das mit einem Menschen?
Ein Mensch, der so etwas erlebt hat, beginnt sich verstärkt mit der Sinnfrage auseinanderzusetzen: Wofür ist das, was ich mache, gut? Was möchte ich wirklich tun? Welche Vision habe ich? Und vielleicht sogar: Warum bin ich überhaupt auf dieser Erde? Dadurch, dass man sieht, wie verletzlich man ist, kommt es auch zu einer verstärkten Wahrnehmung der eigenen Person und der eigenen Schwächen. Ein weiteres zentrales Thema ist die Art und Weise, wie mit einem umgegangen wird. Man erkennt, was hier schiefgelaufen ist, was einen verletzt und aus der Bahn geworfen hat, sodass man gezwungen war, eine Pause zu machen. Wodurch man schließlich auch die Zeit hatte, über all das nachzudenken.

Das hört sich nach einem recht langwierigen Prozess an.
Bei manchen dauert das Monate. Und da ist überhaupt noch nicht die Rede davon, dass man sich irgendwo bewirbt. Das ist ein sehr langer, intensiver Prozess - mit Schritten nach vorne und Schritten zurück. Wobei es ja auch nicht das Ziel der Beratung ist, schnellst möglich wieder ins Berufsleben einzusteigen. Viel mehr geht es um Achtsamkeit mit sich selbst: Wo möchte ich mich künftig beruflich einbringen? Und natürlich auch um die damit verbundenen Ängste: Kann ich das überhaupt? Kann ich überhaupt wieder irgendwo einsteigen? Was man erlebt hat, hinterlässt Spuren. Das wird niemals wieder ganz gut. Daher ist es auch notwendig, dass der Betroffene begleitend eine Psychotherapie macht. Sonst nehme ich ihn nicht. Das stößt bei manchen auf Verwunderung. Aber: Burnout ist ein pathologisches Thema. Das muss von einem Therapeuten bearbeitet werden. Ich bin Coach.

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Wie kommt es überhaupt zum Burnout?
Burnout ist nicht nur ein individuelles, sondern auch ein organisationales Problem. Vieles von dem, was zu einem Burnout führt, kann man gar nicht selbst beeinflussen. Ein möglicher Grund ist eine zu hohe Arbeitsbelastung. Genauso wie das Gefühl, permanent kontrolliert zu werden und keine eigenen Entscheidungen treffen zu können. Fehlendes positives Feedback und Fairnessmangel können ebenfalls eine Rolle spielen. Wesentlich ist auch, wenn die eigenen Werte im Beruf nicht gelebt werden können. Zudem steigt das Risiko, wenn man nicht gut in einer Community verwurzelt ist, also keinen Rückhalt bei Familie oder Freunden findet.

»Häufige, als sinnlos empfundene Meetings beschleunigen ein Burnout«

Führungskräften haben oft ein besonders hohes Arbeitspensum. Sind sie stärker gefährdet als andere?
Natürlich haben Führungskräfte in der Regel einen hohen Arbeitsaufwand. Andererseits: Wenn jemand von seinen Werten so getrieben ist, selbst entscheiden und gestalten kann, dann läuft er weniger Gefahr, in ein Burnout zu schlittern. Anders als bei einer Sandwich-Führungskraft, die von oben Befehle bekommt und von unten negative Rückmeldungen auffangen muss. Das kann ein Burnout schon auch begünstigen. Abgesehen davon kann es Menschen unterschiedlichster Positionen treffen. Die Pandemie hat die Entstehung von Burnout übrigens nochmal zusätzlich getriggert. Eine im "Harvard Business Review" veröffentlichte Studie zeigt, dass die Burnouthäufigkeit im letzten Jahr massiv gestiegen ist.

Weil der Arbeitsaufwand gestiegen ist? Oder der Druck sich zu bewähren?
Es gibt verschiedene Gründe. Einer davon ist die Tatsache, dass wir von Live auf Online umgestiegen sind. Das hat dazu geführt, dass wir viel mehr Termine wahrnehmen. Man muss nirgendwo mehr hingehen. Man kann seinen Tag mit Meetings regelrecht zupflastern. Und Meetings sind etwas - vor allem dann, wenn sie gehäuft vorkommen und als sinnlos empfunden werden -, was ein Burnout beschleunigt. Man fragt sich: Warum mach' ich das? Warum bin ich überhaupt da? Das war schon vor der Krise so und das hat sich jetzt noch einmal verstärkt. Gleichzeitig hat die Verbindung zu anderen Menschen massiv gelitten. Die Leute konnten aufgrund der sozialen Restriktionen zum Teil nicht einmal mehr den persönlichen Kontakte zur engsten Familie aufrechterhalten. Auch das hat die Entstehung von Burnouts befeuert.

Woran erkennt nun der Betroffene, dass er in der Lage ist, langsam wieder ins Berufsleben zurückzukehren?
Woran es der Betroffene erkennt, das weiß ich nicht. Aber ich merke es. Ich hatte zum Beispiel einmal einen Kunden, als der zum Erstgespräch bei mir im Büro war, gab es Nebengeräusche aus dem Nachbarbüro. Das hat ihn derart belastet, da wusste ich: Der braucht noch. Im Laufe der Zeit - die Beratung ging über acht Monate - hab' ich gemerkt, wie sich das kontinuierlich verbessert hat. Und irgendwann war Lärm überhaupt kein Thema mehr für ihn. Es gibt auch Kunden, die nach dem Erstgespräch sagen: "Ich bin froh, dass ich Sie hab'. Jetzt erhole ich mich aber mal." Das dauert dann oft ein, zwei Monate, bis sie sich wieder melden.

»Am Anfang wollen die Leute von einem Job überhaupt nichts wissen«

Und dann geht es erst einmal auf Sinnsuche ...
Am Anfang wollen die Leute von einem Job überhaupt nichts wissen. Die kommen nicht und sagen: "Ich will jetzt zu arbeiten beginnen." Zuerst steht einmal ganz intensive Persönlichkeitsbildungsarbeit auf dem Programm. Ich habe unterschiedlichste Methoden, um den Leuten ihre Kompetenzen rückzumelden. Das ist wichtig, weil sie erkennen müssen, dass sie auch ohne Job Kompetenzen haben und etwas wert sind. Auch die Antreiber sind ein wichtiger Punkt. Leute, die Burnout-gefährdet sind, haben oft einen oder zwei sehr starke Antreiber, die dazu geführt haben, dass sie vergessen haben Nein zu sagen - egal wie sie behandelt wurden. Dann geht es um die Frage, wo man beruflich hin will. Dass die Person diesen Wunsch formulieren kann, dahinter steckt die eigentliche Arbeit. Das kann schon mal zwei, drei Monate dauern. Und wenn ich dann höre: "Jetzt möchte ich mir mal Inserate anschauen. Ich möchte wissen, was für Jobs es in dem Bereich, den wir gemeinsam erarbeitet haben, überhaupt gibt", weiß ich: Langsam, aber sicher ist er bereit, sich zu bewerben. Vielleicht macht er auch wieder einen Schritt zurück. Etwa dann, wenn er zu einem Gespräch eingeladen wird und unschlüssig ist, ob er auch wirklich hingehen soll.

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Was macht man in so einem Fall?
Da muss man sehr behutsam vorgehen und gemeinsamen reflektieren: Welche Ängste kommen da hoch? Man muss dem Menschen immer wieder seine Möglichkeiten aufzeigen, ihm bewusst machen, dass, wenn er zu dem Gespräch geht, nicht nur der Arbeitgeber ihn prüft, sondern auch er den Arbeitgeber prüft. Dass er, wenn sich der Arbeitgeber für ihn entscheidet, immer noch Nein sagen kann. Man muss ihm klar machen, dass die Entscheidung in seiner Hand liegt. Dass er, wenn er sich während des Gesprächs unwohl fühlt, jederzeit aufstehen und sagen kann: "Tut mir leid. Ich glaub', das wird nix."

Worauf ist beim Wiedereinstieg ins Berufsleben zu achten?
Der Prozess der Entscheidungsfindung ist bei Leuten, die einmal im Burnout waren, viel länger und intensiver. Weil sie nicht irgendwo landen wollen, wo ihnen dasselbe wie vorher passiert. Kommt ein Unternehmen infrage, wird es auf Herz und Nieren geprüft. Mehr als man es normalerweise tut. Wir holen sämtliche Informationen ein, die wir über das Unternehmen bekommen können. Dann muss der Kunde schauen: Passe ich in diesen Rahmen hinein? Wie fühle ich mich dort? Wir prüfen die Entscheidung mit allen Methoden, die mir zur Verfügung stehen.

Mit welchen Wünschen starten die Wiedereinsteiger ins Berufsleben? Was soll, abgesehen davon, dass der neue Job sinnstiftend sein soll, anders sein?
Wer einmal ein Burnout hatte, will nicht mehr 50, 60 Stunden in der Woche arbeiten. Das habe ich bisher bei allen Betroffenen beobachtet, die ich begleitet habe. Sie wollen weniger arbeiten und mehr vom Leben haben. Und sie wollen in einer wertschätzenden Umgebung arbeiten, in der man als Mensch wahrgenommen wird. Dieses Bedürfnis ist ganz besonders stark ausgeprägt. Weil sie wissen, was passiert, wenn man würdelos behandelt wird. Weil sie diese Verletzung schon einmal erlebt haben. Manche wollen auch einen ganz soften Wiedereinstieg. Da kann es dann das Ziel der Beratung sein, dass sie eine Praktikumsstelle finden.

Ich nehme an, dass bei den meisten Arbeitgebern die Alarmglocken schrillen, wenn sie erfahren, dass der potenzielle neue Arbeitnehmer wegen eines Burnouts schon einmal für längere Zeit ausgefallen ist. Inwieweit verringert die Tatsache, dass man sich eine Auszeit nehmen musste, die Aussicht auf einen Job?
Gott sei Dank leben wir heute in einer Welt, in der Auszeiten mehr Akzeptanz finden als noch vor zehn, zwanzig Jahren. Lücken im Lebenslauf sind demnach nicht mehr so ein großes Thema. Das heißt, sie sind schon noch Thema, aber Sie dürfen eines nicht vergessen: Für ein Unternehmen, das auf einen lückenlosen Lebenslauf wert legt, wird man in der Regel ohnehin nicht mehr arbeiten wollen. Und damit erledigt sich das Problem von selbst. Nichts desto trotz ist es für den Betroffenen wichtig, den richtigen Umgang mit diesem Thema zu finden. Daher bereite ich die Leute darauf vor, dass die Frage nach der Lücke im Lebenslauf kommen wird. Ich frage sie, wie sie mit ihr umgehen wollen, und dann proben wir das.

»Wer einmal ein Burnout hatte, will in einer Umgebung arbeiten, in der man als Mensch wahrgenommen wird«

Und wie geht man am besten mit so einer Frage um?
Das kommt ganz darauf an, wie offen die jeweilige Person darüber reden möchte. Manche haben kein Problem damit preiszugeben, dass sie ein Burnout hatten. Andere sagen lieber, dass sie sich eine Auszeit genommen haben. Das ist von Person zu Person unterschiedlich. Und es kommt natürlich auch auf das Gegenüber an. Ist das jemand, bei dem ich das Gefühl hab, dass ich offen mit ihm reden kann? Oder will ich lieber nicht, dass er von meinem Burnout weiß? Das muss der Betroffene für sich selbst überprüfen.

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Es heißt, Burnout dürfe kein Tabuthema sein. Man müsse offen darüber sprechen können. Ein löblicher Ansatz. Inwieweit ist er im heutigen Arbeitsalltag gelebte Realität?
Vieles, worüber die wir Bescheid wissen, ist nicht gelebte Realität. Das gilt auch fürs Burnout. Ein Beispiel aus dem politischen Alltag: Der neue Gesundheitsminister betont, wie viele Kollateralschäden der Lockdown mit sich gebracht hat. Das tut er am ersten Tag. Am zweiten sagt er, weitere Lockdowns könne er auf keinen Fall ausschließen. Und das, obwohl er weiß, was das bei den Leuten angerichtet hat, wie sehr sie darunter gelitten haben. Zwar wolle man verstärkt Psychotherapie auf Krankenschein anbieten. Aber die Bereitschaft, etwas an den Rahmenbedingungen zu ändern oder sich zumindest in einem offenen Diskurs intensiv über das Problem auszutauschen, fehlt. Dasselbe passiert in Unternehmen. Im besten Fall werden Gesundheitsprogramme installiert, um negative Konsequenzen abzufedern. Aber an den Rahmenbedingungen, an der Struktur wird wenig verändert.

Welchen Rat geben Sie all jenen, die nach dem Burnout ins Berufsleben zurückkehren, mit auf den Weg?
Man soll nur Jobs machen, in denen man einen Sinn sieht und hinter denen man auch wirklich stehen kann. Wobei sich dieser Rat nicht nur an Burnout-Kandidaten richtet, sondern an alle, die beruflich tätig sind. Es gibt mittlerweile unzählige Bullshit-Jobs, die die Leute nur machen, um am Ende des Monats ein Gehalt aufs Konto zu bekommen, die den Leuten nichts geben, die sie nur leer machen. Wo man sich am Ende des Tages fragt: Warum hab ich das eigentlich gemacht? Wenn du einen vielfältigen Job hast, den du gerne machst und den du als sinnvoll erachtest, dann ist die Gefahr, dass du ein Burnout bekommst, viel geringer. Es geht darum, sich glücklich und zufrieden in seinem Job zu fühlen. Ich glaube, das macht die Welt besser.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. News.at macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.