Aufarbeitung von

Anton Reinthaller, das
dunkle Geheimnis der FPÖ

Aufarbeitung - Anton Reinthaller, das
dunkle Geheimnis der FPÖ © Bild: APA/Picturedesk

Die Historikerin Margit Reiter hat den Nachlass von Anton Reinthaller aufgearbeitet -und ihre Forschungen belegen: Der erste FPÖ-Vorsitzende blieb seiner nationalsozialistischen Gesinnung auch nach dem Krieg treu.

Dieser Tage sorgt eine weitere "Liederbuch-Affäre" rund um die FPÖ für Aufsehen und Empörung: Der steirische Mandatar Wolfgang Zanger hält bei sich daheim ein Buch aus dem Besitz seiner schlagenden Verbindung in Ehren, das antisemitische Texte samt "Heil Hitler"-Sprüchen beinhaltet.

Wirklich distanzieren will er sich nicht von dem Machwerk. Denn distanzieren, sagt er, könne er sich doch nur von etwas, das er selbst geschrieben, gesagt oder getan habe. Bereits vor Jahren bekannte Zanger, dass es "natürlich" auch gute Seiten am Nationalsozialismus gegeben hätte. Nun fordert die Israelitische Kultusgemeinde den Rücktritt von Parteichef Norbert Hofer, der in der Sache weitgehend untätig blieb. Parallel dazu verlangt eine Initiative namhafter Künstler zumindest den Rücktritt Zangers.

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"Das Muster ist bekannt: Ein paar Wochen vor der Landtagswahl wird versucht, die FPÖ zu skandalisieren", echauffiert sich der steirische FP-Chef und Ex-Verteidigungsminister Mario Kunasek.

Der ideologische Ziehvater

Wobei der blaue Wahlkämpfer zumindest teilweise recht behält: Tatsächlich ist das Muster bekannt - und geht bis auf Anton Reinthaller, den ersten Parteichef der FPÖ, zurück. Denn der ideologische Ziehvater von Haider, Strache und Hofer bekannte sich nach außen hin, mehr oder weniger zwangsläufig, zur Demokratie, rechtfertigte und idealisierte aber nach innen hin auch noch weit nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs den Nationalsozialismus. Das geht aus den Forschungen der renommierten Historikerin Margit Reiter hervor. Die Professorin für europäische Zeitgeschichte an der Universität Salzburg arbeitete den bislang völlig unbeachteten Nachlass von Reinthaller erstmals wissenschaftlich auf und veröffentlicht ihn nun in ihrem Buch "Die Ehemaligen. Der Nationalsozialismus und die Anfänge der FPÖ".

Das krude Geschichtsbild

In den zwei großen Kartons voller Unterlagen stieß die Wissenschaftlerin neben umfangreicher Korrespondenz auch auf jene fünf handgeschriebenen Hefte, die Reinthaller -einst hochdekorierter NS-Funktionär und -Politiker - 1950 während seiner Untersuchungshaft gerade einmal sechs Jahre vor der offiziellen FPÖ-Gründung verfasste: "Im Grunde ist es eine Rechtfertigungsschrift mit dem Ergebnis, das er null Unrechtsbewusstsein hat, dass er den Nationalsozialismus verharmlost und Antisemitismus und Judendiskriminierung sogar gutheißt", sagt Reiter. "Gedanken, die ich seit 1945 gezwungen bin zu wälzen", so der sperrige Titel des Konvoluts, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, sondern, wie Reiter sagt, zur "Selbstvergewisserung und Selbstrechtfertigung" - aber auch als Signal an die alten Kameraden, mit denen Reinthaller gerade einmal fünf Monate nach dem Abzug der Alliierten die FPÖ gründete.

Ein Signal auch an Spätgeborene wie Zanger? An jene, die heute unter dem pathetischen Sammelbegriff "freiheitliche Gesinnungsgemeinschaft" firmieren?

"Die nordische Rasse gehört ohne Zweifel zu den bevorzugten Rassen", schreibt Reinthaller. Die Anfälligkeit dieser "bevorzugten nordischen Rasse" für den Nationalsozialismus erklärt er sich und den Seinen unter anderem durch die "üblen wirtschaftlichen Machenschaften" des "zugewanderten Judentums". Dass Deutschland den "Militarismus gezüchtet" oder den Krieg gar "planmäßig vorbereitet" habe, stellt der künftige Spitzenpolitiker der Zweiten Republik in Abrede, zumal der Nationalsozialismus ursprünglich ja keinerlei "aggressive Absicht" verfolgt hätte.

Tja, und dann ist da noch diese Sache mit dem Antisemitismus: Der wäre nämlich gar keine nationalsozialistische Eigenschaft, sondern ginge auf die alten Römer zurück und wäre im Wesentlichen eine "Notwehr" auf das Verhalten der Juden. Im Grunde genommen also alles bloß eine Reaktion der Nichtjuden auf das "Ghettojudentum" und dessen mangelnde Anpassungsbereitschaft an die "Wirtsvölker".

"Prinzip kollektiver Haftung"

Die Juden nun, so Reinthaller, hätten auf den Antisemitismus "mit einem immer leidenschaftlicher werdenden Deutschenhass" reagiert, was Adolf Hitler und seinen Inner Circle ja überhaupt erst zu deren "Judenpolitik" animiert hätte.

Die Juden, so Reinthaller, hätten sich selbst eine "Ausnahmestellung unter allen Völkern der Welt" zuerkannt, weshalb ihnen Hitler -im Umkehrschluss -ebenfalls "nach dem Prinzip der kollektiven Haftung" begegnet wäre. Nun gut, dies sei zwar "ein sittliches Verbrechen und kollektiver Fehler gewesen" - andererseits dürften sich die Juden aber nicht über "die Anwendung eines Grundsatzes beklagen, den sie selbst geprägt haben". Noch zynischer: Dem Zionismus steht Reinthaller grundsätzlich positiv gegenüber, zumal er ebenso wie der Nationalsozialismus für den Gedanken "der Reinheit der Rasse" stünde.

Die Nürnberger Rassengesetze? Der Versuch einer Abwehr der "jüdischen Kriegserklärung". Die Ereignisse rund um das Novemberpogrom? Bloß eine "verschärfte polizeiliche Behandlung der deutschen Juden". Der Judenstern? Der wäre ja nur zum "Schutz vor Feindpropaganda und Spionage" eingeführt worden. Die Massendeportation in Konzentrationslager? Juden seien "sicherheitsverwahrt, enteignet und interniert", worden.

Das Narrativ der Ehemaligen

Und letztlich die Massenvernichtung? Da holt Reinthaller richtig weit aus: "Das in den letzten Kriegsjahren einsetzende Vernichtungswerk wurde von einem ganz kleinen Kreis um Hitler geplant u. von ausgesuchten Gruppen entmenschter Individuen in Szene gesetzt. Nur die unmittelbar Beteiligten wussten um die Dinge. Angefangen von den Reichsministern ( ) hatte man keine Ahnung, bis im Laufe der Zeit Einzelheiten durchsickerten, die weder vom Volk noch von Funktionären für bare Münze genommen wurden."

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Reinthallers Schlussfolgerung: "Die Judenvernichtung stand in keinem Zusammenhang mit der deutschen Öffentlichkeit, der NSDAP oder antisemitischer Ideologie. Der Vollzug erfolgte vollkommen isoliert von diesen. Erst das Jahr 1945 brachte die Verbrechen und Greuel ans Licht, die keinesfalls dem Volk oder der Partei, sondern nur den individuell Schuldigen angelastet werden können."

Kurzum, Reinthaller packt den gesamten Holocaust in das gängige Narrativ der Ehemaligen: Hitler und ein handverlesenes Grüppchen engster Vertrauter planten und exekutierten, alle anderen waren absolut unwissend und ahnungslos. Und im Nachhinein natürlich völlig vor den Kopf gestoßen. Oder, wie Anton Reinthaller, gebürtig aus dem Innviertel, vor Gericht später theatralisch erklären sollte: "Ich verhülle davor als Deutscher mein Haupt heute ebenso wie Sie, Herr Staatsanwalt!"

Nun, mit der Verhüllung von Haupt und Blick kann es Reinthaller tatsächlich aber nicht allzu genau genommen haben: Am 19. Juni 1942 stattete der künftige FPÖ-Parteivorsitzende und damalige NS-Landesbauernführer in Begleitung von 20 Kreisbauernführern dem Konzentrationslager Mauthausen eine Visite ab. Lapidare Meldung aus dem Tätigkeitsbericht der KZ-Aufsicht von ebendiesem Besuchstag: "Zwei jüdische Häftlinge wurden auf der Flucht erschossen." Zudem ist in den Unterlagen für diesen Tag "der Tod eines weiteren Häftlings" mit dem Kommentar "Freitod durch Elektrozaun" versehen. Aber was verschaffte einem wie Anton Reinthaller überhaupt die abartige Ehre, dass man ihm in einem der Tötungszentren des braunen Regimes eine Art Empfang bereitete?

Wie gelang des dem Großbauern aus der oberösterreichischen Provinz, in die Oberliga der Nazi-Bonzen aufzusteigen? Und was machte ihn nach dem Krieg zur Integrationsfigur ehemaliger Hardcore-Nazis und zum ersten FP-Parteichef?

Der Karriere-Nazi

1895 als Sohn eines Landwirtes in Mettmach, Oberösterreich, geboren, zog Reinthaller in den Ersten Weltkrieg -und später nach Wien, wo er an der Hochschule für Bodenkultur Forstwirtschaft studierte und dort erstmals mit stramm deutschnationalen Studenten und Professoren in Verbindung kam. Es war in den frühen Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, als er der Akademischen Landsmannschaft der Salzburger beitrat, die sich bis heute zur Pflichtmensur bekennt, allerdings unter dem NS-Regime verboten wurde.

Doch zu diesem Zeitpunkt war der spätere Ober-Blaue längst schon ein Brauner: Sein Beitritt zur NSDAP erfolgte am 23. April 1928 mit der Mitgliedsnummer 83.421. "Seine niedrige Nummer war äußerst prestigeträchtig", sagt Margit Reiter. "Dass er sogar schon vor der Machtübernahme in Deutschland Mitglied war, heißt, er war ideologisch überzeugt, kein Mitläufer. Nach 1945 wurde diese ideologische Überzeugung in seiner Selbstdarstellung dann zum enttäuschten 'Idealismus' verbrämt." Tatsächlich aber war Reinthaller ein echter NS-Karrierist: Zunächst leitete er die von ihm gegründete NSDAP-Ortsgruppe Attersee, übernahm dann die Gauleitung für Oberösterreich und wurde Führer der illegalen NS-Bauernschaft in Österreich.

In den Jahren vor dem "Anschluss" versuchte er, ohne je den eigenen Vorteil aus den Augen zu verlieren, zwischen höchstrangigen Vertretern des Austrofaschismus und Hitlers Gefolgsleuten zu vermitteln. Unmittelbar nach der Annexion wurde er Landwirtschaftsminister im sogenannten "Anschlusskabinett", danach rasch SS-Oberführer und SS-Brigadeführer, dann Landesbauernführer Niederdonau. Reinthaller saß als einer von 74 Österreichern als Abgeordneter im deutschen Reichstag, trug dort stolz den SS-Totenkopfring. Die Implosion des Dritten Reichs sollte er später in seinen Aufzeichnungen, die Margit Reiter nun in seinem Nachlass fand, als "Zusammenbruch in höchster seelischer Erschütterung" beschreiben.

Die Erschütterung legte sich bald, Reinthaller wurde zwar zu drei Jahren Haft verurteilt, letztendlich aber von Bundespräsident Körner vollends begnadigt und war somit wieder politisch handlungsfähig: Am 7. April 1956 schließlich avancierte er mit 117 von 125 Stimmen zum ersten Parteichef der FPÖ. Sein Sekretär Friedrich Peter, der nach Reinthallers Tod zu dessen Nachfolger wurde, zitierte den Chef einmal wie folgt: "Ich eigne mich zum Politiker der Demokratie wie der Igel zum A abwischen."

Und kaum wen würde es ernsthaft wundern, wenn irgendwann einmal irgendwo rein zufällig irgendein Liederbuch auftauchen würde, in dem dieser Satz rein zufällig als Widmung stünde. Wozu distanzieren, würde Wolfgang Zanger dann wohl sagen. Er habe das ja nicht geschrieben.

Die Geschichte zum dunklen Geheimnis der FPÖ ist ursprünglich in der Printausgabe von News erschienen!