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Alkohol: Wie viel ist zuviel?

Ab wann gilt man als Alkoholiker? Wie gut ist die Krankheit behandelbar und was können Angehörige tun?

Alkoholismus © Bild: iStockphoto

Alkohol ist ein fixer Bestandteil unserer Gesellschaft. Ein gefährlicher. Etwa 350.000 bis 400.000 Menschen in Österreich sind Alkoholiker – und viele weitere gefährdet ebenfalls alkoholabhängig zu werden. Doch ab wann ist man Alkoholiker, wo beginnt die Alkoholabhängigkeit? Wer ist besonders gefährdet und wo kann man sich Hilfe holen bzw. was können Angehörige tun? Dr. Hans Haltmayer, ärztlicher Leiter der Suchthilfe Wien gibt Antworten.

Wie viele Menschen sind in Österreich von Alkoholismus betroffen?

Es gibt Schätzungen, dass etwa fünf Prozent der österreichischen Gesellschaft alkoholkrank sind (das sind ca. 350.000 bis 400.000 Menschen), wobei es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt: Alkoholabhängigkeit betrifft etwa 7,5 Prozent der Männer und 2,5 Prozent der Frauen.
Ungefähr 12 Prozent kommen noch hinzu, die gefährdet sind, abhängig zu werden – und auch hier sind Männer stärker betroffen.

» Alkohol ist nicht nur akzeptiert, sondern sogar vorgegeben«

Warum sind mehr Männer betroffen als Frauen?

Das ist auf gesellschaftliche Aspekte zurückzuführen, wie mit Alkohol überhaupt in der Gesellschaft umgegangen wird. Bei uns ist es so, dass Alkohol dazugehört, es ist nicht nur akzeptiert, sondern sogar vorgegeben. Man fällt fast unangenehm auf, wenn man nichts trinkt. Und in männlich dominierten kulturellen Zusammenhängen gehört der Alkohol noch viel mehr dazu als bei Frauen; Stichwort Stammtisch. Wobei die Frauen durchaus aufholen, das Geschlechterverhältnis gleicht sich immer mehr an.

Warum ist Alkohol in Österreich ein fixer Bestandteil der Gesellschaft?

Das ist eine kulturelle Entwicklung, die sich über Jahrzehnte entwickelt hat. In Österreich gibt es im Umgang mit Alkohol keine sehr ausgeprägte Kultur, wie das oft in mediterranen Ländern der Fall ist. Dort gehört Alkohol schon auch dazu, wird aber mehr mit einem Genussaspekt in Verbindung gebracht. In diesen Ländern ist es jedoch kein Zeichen von gesellschaftlicher Dominanz, wenn man viel trinkt oder verträgt. Das ist in Österreich schon so: Wenn ein Bursch oder ein Mädel viel verträgt, kriegt er oder sie Anerkennung.

Das ist natürlich kritisch, weil viel Alkohol vertragen heißt ja, sich eine Toleranz angeeignet zu haben, und dafür muss man schon viel Alkohol getrunken haben. Und wenn man viel Alkohol verträgt, ist das schon ein Alarmsignal.

Was kann getan werden, um diesem - gefährlichen - gesellschaftlichen Phänomen entgegenzuwirken?

Man kann informieren, Prävention betreiben. Es gibt verschiedene Programme wie etwa die Dialogwoche Alkohol, wo alle Institutionen aller Bundesländer, die sich mit Suchtkrankheit und der Vorbeugung beschäftigen, verschiedene Aktionen machen. Es wird aufklärt, informiert und versucht, das Image zu ändern, indem man die stärkt, die gut mit Alkohol umgehen können oder gar keinen trinken.

Ein Beispiel, wie man das Jugendlichen gut beibringen kann, ist die Rauschbrille. Das ist eine Art Skibrille, die man sich aufsetzt und die Gläser verzerren die Optik und die Wahrnehmung so, als hätte man über ein Promille Alkohol. So kann spielerisch wahrgenommen werden, wie sich das auf die Koordination auswirkt, wie sehr man da beeinträchtigt ist.

»Männer über 50 sind die Gruppe, die am stärksten betroffen ist«

Wer ist am stärksten gefährdet von Alkoholismus?

Wir wissen, dass der Alkoholkonsum bei älteren Männern am schwerwiegendsten stattfindet. Männer über 50 sind die Gruppe, die am stärksten betroffen ist. In dieser Altersgruppe ist der Anteil derer, die einen problematischen Konsum haben mit Abstand am höchsten.

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Wie schwer ist es, diese am meisten gefährdete Gruppe, die Männer über 50, zu erreichen?

Das ist oft nicht einfach, weil es immer einen Antrieb braucht, eine gewisse Eigenmotivation. Diese Gruppe merkt in gewisser Weise schon, dass sie ein Problem mit Alkohol hat, aber Alkoholabhängigkeit ist sehr schambesetzt für den Einzelnen, weil es mit Schwäche und Versagen sehr eng in Verbindung gebracht wird – auch wenn es das natürlich nicht ist.


Und auch da trägt die Gesellschaft dazu bei: Zum einen erfährt man viel Anerkennung, wenn man viel Alkohol verträgt, aber wenn man diesen einen Schritt weiter in die Alkoholabhängigkeit macht, dann fällt man wieder aus der Gesellschaft raus, dann kehrt sich diese Stärke um und wird als Schwäche bzw. moralische Verfehlung angesehen.

Ab wann gilt man als alkoholabhängig - wie viel ist zuviel?

Von der Diagnose her gibt es sechs Kriterien, die man schnell abfragen kann:

  • Habe ich eine Toleranz (habe ich schon eine Dosissteigerung erfahren müssen, damit ich dieselbe Wirkung verspüre wie vorher)?
  • Habe ich Entzugserscheinungen, wenn ich aufhöre zu trinken?
  • Trinke ich weiter, obwohl ich schon negative Konsequenzen erfahren habe (zum Beispiel gesundheitlich, beruflich oder so etwas wie dass der Führerschein abgenommen wurde)?
  • Richte ich meine Interessen überwiegend auf den Alkohol und gehe sonst keinen anderen Aktivitäten mehr nach?
  • Kommt es zum Kontrollverlust (in Bezug auf Menge oder Zeitpunkt des Konsums)?
  • Kommt es zu Craving (das starke Verlangen nach Alkohol)?

Wenn zwei von diesen sechs Faktoren über länger als ein Jahr bestehen, dann ist die Diagnose Alkoholerkrankung gegeben.

Wie viele Gläser am Tag sind unbedenklich?

Alkoholabhängigkeit
© News.at

Das kann man so nicht sagen, es gibt eine Einteilung in „harmlos“ bis „gefährdend“, die sich auf den Alkoholgehalt bezieht. Ein geringer Konsum liegt bei Frauen bei ca. 0,4 Liter Bier oder 0,2 Liter Wein pro Tag, bei Männern ein bisschen mehr als 0,5 Liter Bier oder ein bisschen mehr als 0,3 Liter Wein pro Tag.

Wirklich gefährlich – an der körperlichen und psychischen Gefährdungsgrenze – ist bei Frauen 1 Liter Bier bzw. 0,5 Liter Wein und bei Männern 1,5 Liter Bier oder 0,75 Liter Wein. Wenn das pro Tag getrunken wird, hat man auf alle Fälle schon ein Alkoholproblem und ist auch hinsichtlich der körperlichen Folgen gefährdet.

Welche Entzugserscheinungen gibt es?

Entzugserscheinungen können psychischer Natur sein, zum Beispiel Unruhe, Schlaflosigkeit, Depressive Verstimmung, Ängste und Craving.
Für körperliche Entzugsbeschwerden braucht es eine körperliche Abhängigkeit, die sich beim Alkoholkonsum nur langsam und erst nach vielen Jahren regelmäßigen Konsums größerer Mengen Alkohols entwickelt. Es handelt sich um Zittern der Hände, Übelkeit und Erbrechen, Bauch- und Magenkrämpfe bis hin zu Epileptische Anfällen.

» Eine Alkoholerkrankung, die früh erkannt wird, kann gut behandelt werden.«

Wann suchen sich die meisten Menschen Hilfe?

Die meisten kommen, wenn sich ein Problem im Umfeld ergeben hat – privat oder beruflich, also wenn es Probleme durch den Alkoholkonsum gibt. Das ist natürlich schade, weil man eine Alkoholerkrankung, die früh erkannt wird, gut behandeln kann.

Eine Erkrankung entwickelt sich nicht von jetzt auf gleich und es wäre besonders wichtig, dass man sie relativ früh erkennt, dann kann man sie sehr gut behandeln. Je später desto schwieriger wird es.

Die meisten Menschen, die eine Alkoholerkrankung haben, haben zudem eine andere Erkrankung, die eigentlich damit im Zusammenhang steht, meistens sogar ursächlich wie zum Beispiel eine Depression oder Angststörung.

» Wichtig ist, dass man nicht moralisiert und nicht wertet, sondern anspricht und nicht locker lässt. «

Wie kann man Betroffenen im eigenen Umfeld helfen bzw. diese dazu bewegen, sich Hilfe zu holen?

Das Problem bei jeder Suchterkrankung ist, dass es einen gewissen Verleugnungsanteil gibt. Wichtig ist, nicht zu werten , weil Suchterkrankungen per se schon stigmatisiert sind und die Patienten sich meist auch minderwertig fühlen. Wichtig ist auch, zu sagen, dass es gut behandelbar ist.
Außerdem sollte man das Problem benennen . Es ist oft nicht der Alkohol das Problem, sondern dessen Folgen. Es ist sicher ein gewisser Druck notwendig, um dieser Verleugnungstendenz entgegenzuwirken. Wichtig ist, dass man nicht moralisiert und nicht wertet, sondern anspricht und nicht locker lässt.

Wo kann man sich Hilfe holen?

Als erste Ansprechpartner können niedergelassene Ärztinnen und Ärzte dienen.
Je nach Bundesland gibt es dann verschiedene Anlaufstellen, in Wien zum Beispiel die zentrale Drehscheibe, das regionale Kompetenzzentrum im Projekt"Alkohol. Leben können". Erster Ansprechpartner können aber auch der Hausarzt oder die Hausärztin sein.

Wichtig ist, dass man sich erst einfach einmal ganz wertfrei informiert und beraten lässt. Man muss nicht gleich mit einer Behandlung beginnen.

Wer bezahlt eine Behandlung? Die Krankenkassa?

Ja, wenn es eine Behandlung ist, zahlt das prinzipiell die Krankenkassa. In Wien gibt es das Projekt „Alkohl.Leben können“, da wird der gesamte Betreuungs- Behandlungs- und Rehabilitationsbedarf erhoben, um dann bausteinartig eine Behandlung, Betreuung und Rehabilitation zusammenzusetzen und in einem Schritt bewilligen zu lassen, damit Patienten keinen Zwischenschritt mehr setzen müssen. Finanziert wird das von den drei Trägern des Projekts, der Pensionsversicherungsanstalt, der Wiener Gebietskrankenkasse und der Sucht- und Drogenkoordination der Stadt Wien.

Gib es in Österreich auch Anonyme Alkoholiker?

Ja die Anonymen Alkoholiker gibt es auch. Es ist durchaus auch für manche Patienten eine Möglichkeit, sich mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen.

Haben Kinder von Alkoholikern ein größeres Risiko auch einmal dieser Sucht zu verfallen?

Es gibt einen genetischen Faktor , ein gewisses erhöhtes Risiko. Wenn man mit einem Elternteil aufwächst, der über lange Zeit ein massives Alkoholproblem hat, kann es auch zu Gewalterlebnissen, Vernachlässigung etc. kommen, was wiederum zusätzlich ein Risikofaktor sein kann.
Aber prinzipiell ist es so, dass sich eine Abhängigkeit durch verschiedene Faktoren ergibt und es ist niemals ein Faktor ursächlich.

Welche sind die Faktoren, die zu einer Abhängigkeit führen können?

Faktoren sind:

  • die Verfügbarkeit,
  • wie ist man psychisch ausgestattet,
  • wie entwickelt sich Selbstsicherheit Selbstwirksamkeit,
  • wie ist jemand sozial eingebettet,
  • welche genetischen Faktoren gibt es
  • oder gibt es zusätzliche Risikofaktoren durch andere psychische Erkrankungen?

Das ist ein Konglomerat aus Risiko- und Schutzfaktoren, die zusammenwirken.

Würde es helfen, wenn Alkohol teurer wäre?

Die Verfügbarkeit von Suchtmitteln ist eben nur ein Faktor, der zur Entwicklung einer Suchtproblematik beiträgt. Diese wird ja durch Altersgrenzen eingeschränkt aber natürlich kann man auch durch Leistbarkeit an dieser Schraube drehen. So einfach, als dass man sagen könnte, durch teureren Alkohol würde das Problem kleiner, ist es aber nicht, wie man in anderen Ländern wie Skandinavien sieht, wo es trotzdem ein Alkoholproblem gibt.

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