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Kann der Fünf-Stunden-Arbeitstag die Produktivität steigern?

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Endlose Meetings, ständige Erreichbarkeit und dennoch bleibt oft unklar, was tatsächlich geleistet wurde: Der deutsche Unternehmer Lasse Rheingans stellt den Präsenzkult in vielen Unternehmen infrage und zeigt mit seinem Fünf-Stunden-Arbeitstag, dass kürzere Arbeitszeiten zu mehr Effizienz, Motivation und besseren Ergebnissen führen.

Das Bild des fleißigen Angestellten, der brav bis mindestens 18 Uhr im Büro sitzt, auch an den Wochenenden erreichbar ist und damit als Inbegriff von Produktivität gilt, hält sich hartnäckig in vielen Führungsetagen. Entsprechend kehren zahlreiche Unternehmen zu klassischen Präsenzmodellen zurück: Homeoffice wird eingeschränkt oder ganz gestrichen, Konzerne wie Amazon oder JP Morgan holen ihre Teams wieder an fünf Tagen pro Woche ins Büro.

Gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel, auch in Österreich. Gerade in Wien bleiben viele Stellen unbesetzt.

Weniger Kontrolle, mehr Führung

Lasse Rheingans kennt die internen Dynamiken vieler Organisationen und weiß um deren Probleme: Qualifizierte Fachkräfte zu finden, wird immer mehr zur Herausforderung, von der hohen Fluktuation in vielen Branchen ganz zu schweigen. Der Bielefelder Experte für digitale Transformation und Organisationsentwicklung hat 2017 für sein intern gestartetes Projekt – den Fünf-Stunden-Tag – international Aufsehen erregt. Vom „Wall Street Journal“ wurde sein Ansatz als „radikal“ bezeichnet, die „New York Times“ lobte seinen Mut.

Rheingans aber steht hinter seinem Konzept. Für ihn hat das klassische, antiquierte Arbeitszeitmodell ausgedient: „Die Gleichung Anwesenheitszeit gleich Leistung ist tief in uns verankert – und das seit der Industrialisierung. Wer am Band stand, hat produziert. Wer weg war, hat nicht produziert. Das war damals tatsächlich so. Das Problem: Wir haben dieses Denken 1:1 in die Wissensarbeit übertragen, obwohl es dort schlicht nicht stimmt.“ Konzentration, Kreativität und gute Entscheidungen ließen sich nun mal nicht durch bloße Anwesenheit erzwingen. „Trotzdem vertrauen viele Führungskräfte bis heute mehr dem Sehen als dem Ergebnis.“

Unsicherheit in Unternehmen

Durch die Pandemie hat sich das Verständnis von Arbeit in vielen Bereichen, zumindest kurzfristig, gewandelt. „Die Pandemie hat etwas aufgebrochen, was viele für unmöglich hielten: Plötzlich arbeiteten Millionen Menschen von zu Hause, und die Welt ist nicht zusammengebrochen. Im Gegenteil. Das hat viele Führungskräfte und Mitarbeitende tief verunsichert, in beide Richtungen. Seitdem erleben wir ein Pendeln. Einige Unternehmen haben das Homeoffice als dauerhafte Option etabliert. Andere, gerade große Konzerne, rufen ihre Leute wieder ins Büro zurück.“

Die aktuellen Entwicklungen deutet Rheingans weniger als Richtungsentscheidung denn als Ausdruck von Unsicherheit. „Es geht nicht um Ort, es geht um Klarheit. Wer klare Ziele, Verantwortlichkeiten und eine klare Kommunikation hat, der braucht keine ­Kontrolle durch Anwesenheit.“ Unternehmen, die auf Vertrauen und Ergebnisorientierung setzen, kämpfen deshalb seltener mit Fluktuation, so der Berater. „Das ist kein Zufall.“

In vielen Fällen geht es nicht um Produktivität. Es geht um Kontrolle. Kontrolle ist kein Ersatz für Führung.

Lasse Rheingans
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Fünf Stunden Arbeitszeit

2017 führte er den Fünf-Stunden-Tag in seinem eigenen Unternehmen ein. Erfahrungen, die er 2019 in Buchform bündelte. „Der Fünf-Stunden-Tag war die logische Konsequenz aus der Frage: Was braucht es wirklich, damit Menschen wirksam sind? Die Antwort: Klarheit, Fokus, Vertrauen und weniger Rauschen. Und ein Hinterfragen von nicht mehr zeitgemäßen Prozessen, Tools und Strukturen.“

Von Präsenzkult hält er nach wie vor nichts. Rheingans glaubt, dass konzentrierter und effizienter gearbeitet wird, wenn weniger Zeit zur Verfügung steht. „Kognitive Höchstleistung ist auf etwa vier bis fünf Stunden pro Tag begrenzt. Danach nimmt die Fehlerrate zu, die Kreativität sinkt, Entscheidungen werden schlechter.“

Veränderungen durch KI

Mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz verschärft sich diese Dynamik zusätzlich: „Mit KI-Tools erledige ich in zwei Stunden, wofür ich früher einen halben Tag gebraucht hätte. Das klingt nach Gewinn, und das ist es auch. Aber es bedeutet eben auch: Die kognitive Last pro Stunde steigt. Wer acht Stunden lang auf diesem Niveau arbeitet, arbeitet nicht effektiver, sondern erschöpft sich schneller.“

Gerade vor diesem Hintergrund gewinnen Fragen nach Struktur, Sinn und Gesundheit an Bedeutung. „Wir werden in den nächsten Jahren Dinge sehen, die wir uns heute noch kaum vorstellen können. Deshalb lautet die eigentliche Frage nicht, ob Arbeit kürzer werden kann, sondern ob sie noch sinnhaft und richtig geleistet wird.“

Weniger Fehltage, mehr Effizienz

Rheingans hat zahlreiche Unternehmen in Transformationsprozessen begleitet und sieht klare Effekte, wenn Arbeitszeit nicht mehr primär als Präsenz verstanden wird. Laut Barmer-Report ist bereits jeder fünfte Fehltag in Deutschland auf psychische Erkrankungen zurückzuführen. Weniger Präsenzkult bedeutet Rheingans zufolge weniger Krankenstände, geringere Fluktuation, bessere Bewerberzahlen, kürzere Entscheidungswege, gesteigerte Innovationskraft.

„Das sind Ergebnisse, die wir bei unseren Kunden messen. Beim Klinikum Bielefeld haben sich die Bewerbungen nach der Einführung eines neuen Arbeitszeitmodells um 180 Prozent erhöht. Und was noch wichtiger ist: Sämtliche Stationen, die zuvor aufgrund des Fachkräftemangels schließen mussten, konnten wieder eröffnet werden.“

Unbegrenzter Urlaub

Sein eigenes Unternehmen nutzt Rheingans gern als Experimentierfeld für neue Arbeitsmodelle. Vertrauen und Transparenz haben dabei oberste Priorität. Seit Kurzem testet er unbegrenzten Urlaub: Statt fixer Kontingente gilt eine klare Eigenverantwortung für Erholung. „Menschen nehmen sich dadurch im Schnitt nicht mehr Urlaub als vorher, oft sogar etwas weniger.“

Doch er räumt ein, dass sein Modell nicht für jeden gleichermaßen funktioniert. „Menschen, die gut mit Selbstorganisation umgehen können, kommen schnell in den Rhythmus. Menschen, für die Arbeit auch soziale Bedeutung hat, die Bestätigung über Präsenz suchen, tun sich anfangs schwerer.“ Entscheidend bleibe jedoch die Rolle der Führung: „Der Fünf-Stunden-Tag scheitert nicht an Persönlichkeiten, er scheitert an fehlender Klarheit in der Organisation.“ Eine Parallele zu klassischen Arbeitszeitmodellen bleibt damit bestehen: Auch sie stehen und fallen mit der Qualität von Führung.

Steckbrief

Lasse Rheingans

Das „Wall Street Journal“ bezeichnete seine Ansätze als „radikal“: Lasse Rheingans ist Experte für digitale Transformation, Unternehmenskultur und Organisationsent wicklung und mit seinem Vorschlag zum Fünf-Stunden Arbeits tag berühmt geworden. Er war für Unternehmen wie SieMatic, Klinikum Bielefeld und Bertelsmann tätig.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 17/2026 erschienen.

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